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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Johann Wilhelm Ludwig Gleim – der verkannte Briefschreiber

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Die vergessenen ‚Freundschaftlichen Briefe‘

Es scheint unter den Literaturhistorikern Einigkeit darüber zu bestehen, dass Christian Fürchtegott Gellert eine Reform des epistolaren Schreibens in Deutschland in Gang gebracht hat, der, wie Arto-Haumacher behauptet, eine „überepochale Bedeutung“ zuzuschreiben sei, vergleichbar der, die der Poetik von Martin Opitz zukomme.488 „Gellert ist der Klassiker der Brieftheorie“489 – so war erst kürzlich wieder in einer neueren Veröffentlichung zu lesen.

Zwar wurde immer schon betont, dass Gellerts theoretische Auslassungen und Musterbriefe sowohl antiken Autoren, insbesondere Plinius und Cicero, als auch französischen Vorbildern wie Vincent Voitures und der ← 121 | 122 → Marquise de Sevigné verpflichtet seien,490 doch dies hat dem langlebigen Urteil von der exponierten Stellung Gellerts in der Briefliteratur keinen Abbruch getan.491

Innerhalb des deutschen Sprachraums sah man keine Vorgänger, auf die sich der Autor vergleichbar hätte beziehen können. Dabei gibt es in seiner Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen aus dem Jahre 1751 eine Stelle, an der Gellert auf eine zeitgenössische Sammlung deutscher Epistel hinweist: „Unter den deutschen Briefen, aus unsern Zeiten, haben sich die Freundschaftlichen Briefe, in Ansehung des vertrauten Scherzes, […] den meisten Beyfall erworben.“492 Es bleibt bei dieser kurzen Erwähnung. Einer weitergehenden Besprechung entzieht sich der Verfasser mit der Bemerkung, es handle sich um eine spezielle Briefform.493 Selbst, wenn diese Aussage zuträfe – hier wir nachzufragen sein –, berührt es merkwürdig, dass Gellert über das Werk kein weiteres Wort verliert. Sah...

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