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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Salomon Geßner – Modeautor mit „StubenMoral“

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Vom Malen idyllischer Landschaften

Salomon Geßner hatte alles richtig gemacht. Seine 1756 veröffentlichten Idyllen boten, was das Herz des gebildeten Europäers höher schlagen ließ: Er orientierte sich am klassischen Vorbild. In der Vorrede An die Leser erklärt er, dass er die Idyllen des Griechen Theokrit schon „immer fyr das beste Muster in dieser Art Gedichte gehalten“788 habe.

Doch dies allein wäre nicht der Garant für den großen Erfolg gewesen, den er schon bald erringen sollte. Obgleich er es verstand, das Interesse der Gebildeten an den antiken Vorgaben zu bedienen, unterzog er seine Quelle ← 177 | 178 → zugleich einer kritischen Prüfung, denn Geßner wusste wohl, dass seine Leser längst keine Griechen mehr waren. Im biederen, zwinglianisch geprägten Zürich verbot sich nachgerade eine bukolische Landschaft, wenn sie zugleich eine amouröse war, zudem – um einen zweiten Punkt zu nennen – durfte in einem Land, in dem der Mensch zu einem nützlichen Bürger erzogen werden sollte, nicht dem arkadischen Müßiggange das Wort geredet werden.

Dennoch traf die Aneignung und Fortschreibung der Idyllen Theokrits auf ein allgemeines Bedürfnis, dem zeitgleich Rousseau eine Stimme gab, wenn er in seinen Akademieschriften vor einer Aufklärung warnte, die die Menschen von der Natur entfremdete – ein Prozess, der sich besonders im städtischen Raum zeigte.789 Es begann Mode zu werden, refugiale Plätze aufzusuchen bzw. wenigstens sich in sie mit Hilfe von Texten und...

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