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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Johann Georg Hamann – „Grillenfänger“ oder „Prophet“?

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Anführer einer ‚Sekte‘

Als der Königsberger Schriftsteller Johann Georg Hamann 1788 im fernen Münster starb, hatten die Deutschen diesen Mann bereits nahezu vergessen. Aufmerksam geworden war man auf ihn, als er nach einem Erweckungserlebnis 1758 in London sich so ganz der christlichen Lehre verschrieb.876 Er gab seinen Beruf als Kaufmann auf, distanzierte sich von seinen Freunden und wurde der Kritiker der rationalen Aufklärungsphilosophie. Hamann vertrat die Ansicht, dass durch die Bibel Gott zu den Menschen spreche; dieser sei der einzig wahre Schriftsteller,877 der Herr der Geschichte, der Heilsgeschichte. Ihr dürfe man nicht mit analytischer ← 197 | 198 → Zergliederung begegnen, ihre Bildersprache sei nur für Menschen verstehbar, die sie ganzheitlich, in der Einheit von Gefühl und Verstand, erfahren.878

In kleinen, kritischen Schriften setzte sich der viellesende, polyhistorisch gebildete Hamann mit seinen Gegnern auseinander, wobei er sich eines anspielungs- und bilderreichen Cento-Stils bediente. In den Briefen, die Neueste Litteratur betreffend, wurde festgestellt, dass seine „Schreibart […] viel Ähnlichkeit mit der Winckelmannschen“ habe: „Derselbe körnigte aber etwas dunkele Styl, derselbe feine und edle Spott.“879

Indem Hamann Systemdenken und Vernunftphilosophie als Maßgaben aufklärerischen Handels so grundsätzlich infrage stellte und damit dem Gefühl, dem Bilde, den Mythen und dem Ursprachlichen das Wort redete,880 konnten seine Schriften auf junge rationalismuskritische Geister wie Herder, Goethe oder Johann Heinrich Jacobi inspirierend wirken.

In den Fragmenten, in denen Herder in Anlehnung an die Literatur-Briefe Über die...

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