Show Less
Restricted access

Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
Show Summary Details
Restricted access

Scheffner, Heinse, Wieland – vom Makel erotischen Dichtens

Extract



‚Gedichte im Geschmack des Grecourt‘

Am 6. November 1771 teilt Christoph Martin Wieland dem Freund Johann Georg Jacobi überaus gereizt mit:

Die Messe hat uns einen deutschen Soi disant Imitateur de Grecourt aus Königsberg gebracht, einen Elenden, dem der unflätigste Priapismus statt der Begeisterung dient, und der die Schamlosigkeit gehabt hat, seine eckelhaften Obscönitäten mit einem salve frater welches mich beynahe untröstlich macht, mir zuzueignen.965

Der ob dieser Zueignung Entrüstete gibt dem Vertrauten noch im gleichen Brief kund und zu wissen, dass er auf Bestrafung sinne. Es gelte, die „gekränckte Ehre an dem schändlichen Priap [zu] rächen“.966 Wieland teilt mit einem „Stral von Vergnügen“ mit, dass sich Jacobis Bruder Johann Heinrich bereit erklärt habe, in einem Aufsatz „die Unschuld meiner armen Muse in seinen Schutz nehmen“967 zu wollen.968 ← 217 | 218 →

Anlass für diese Erbitterung war ein kleines Bändchen erotischer Gedichte im Geschmack des Grecourt, das auf der Michaelismesse 1771 anonym erschienen war [Frankfurt und Leipzig, bey Dodsley, d. i. Königsberg bei Kanter]. Der Verfasser hatte sein Werk Wieland mit den folgenden Worten gewidmet:

Rost abgeschied’ner Schäferseele Und, Wieland, deiner, die noch lebt Und in den Agathon und Idris Wollust webt, Weih’ ich mein Lied […].969

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.