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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Garlieb Helwig Merkel – Aufklärer und Kunstverächter

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Mit den ‚Letten‘ zum Erfolg

Wir schreiben das Jahr 1812. Im fernen Livland blickt ein Mann zurück auf einen Lebensabschnitt, der, kaum dass er zehn Jahre hinter ihm lag, doch schon erinnerungswürdig war. Auf der Flucht vor Napoleons Truppen hatte Garlieb Helwig Merkel Preußen verlassen müssen, ein Land, in dem er die besten Jahre seines Lebens verbrachte. In Berlin hatte er zwischen 1799 und 1806 einen enormen Bekanntheitsgrad erlangt, hier war die Bühne gewesen für seine berühmt-berüchtigten Auftritte, hier focht er seine Kämpfe als Aufklärer und streitbarer Publizist aus.

Berlin hatte vielleicht weniger grosse Gelehrte, als selbst Jena; keinen einzigen Schriftsteller, der die Vergleichung mit den drei Heroen Weimars aushalten konnte, und weniger buchhändlerisches Gewerbe, als das fünfmal kleinere Leipzig. Gleichwohl – wie unendlich verschieden war der Anblick, den die literarische Thätigkeit hier gewährte, von der Kleinstädterei Jena’s, Weimars und Leipzigs! ← 247 | 248 → In Berlin waren 170000 Menschen versammelt; es war der Punkt, auf den zehn Millionen alles bezogen, weil ihnen Licht und Heil, oder das Gegentheil, von ihm ausgehen konnte. Aus dem Leben schöpften hier Literatur und Kunst ihre Gegenstände, und wirkten kräftig auf dasselbe zurück. Jeder Irrthum fand schnell Berichtigung, jede Berichtigung hatte nahe, heilsame Folgen; jeder glückliche Gedanke die Aussicht, zu einer nützlichen Einrichtung bethätigt zu werden. Denn die Bedürfnisse des verhältnissmässig grossen Staates forderten kräftiges...

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