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Fundamentalismen in Europa

Streit um die Deutungshoheit in Religion, Politik, Ökonomie und Medien

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Uwe Gerber

Verschiedene Erscheinungen von Fundamentalismus stellen mit zunehmender Pluralisierung der Lebensstile, mit der (post-)modernen Enttraditionalisierung und Multikulturalität in Europa und weltweit eine wachsende Gefahr dar: theokratische und evangelikale Tendenzen in Religionen, absolutistische Ambitionen im Politischen, Alleinherrschaft des Kapitals und der Zwangscharakter moderner Medien. Sie stellen die Trennung von Religion und Staat, die rechtsstaatlich-liberale Demokratie, Teilhabe aller Bürger und Bürgerinnen an Kapital und Markt und die Freiheit im Umgang mit Medien infrage. Solchen teilweise fanatisch vertretenen Exklusivansprüchen und bisweilen mit Erlösungsphantasien durchsetzten Praktiken von Gewaltherrschaft darf nicht mit Gegengewalt begegnet werden. Mit einer Kultur der gegenseitigen Achtung (und nicht bloß der Toleranz) können Fundamentalismen im Entstehen erkannt und bearbeitet werden – eine Gratwanderung im Schmelztiegel (post-)moderner Gesellschaften.
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Vorwort

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Eines der brennendsten, wenn nicht das brennendste Problem unserer Zeit ist das Erstarken fundamentalisierender Einstellungen in Europa und weltweit. Dieses Fundamentalisieren und Vereindeutigen hat alle Lebensbereiche mehr oder weniger stark ‚kolonialisiert‘. Die Wurzeln dieses ‚modernen‘ Fundamentalismus liegen in unserem Kulturbereich im Umbruch des ausgehenden Mittelalters zur Neuzeit. Und sie sind intensiver, umfassender und globaler geworden durch Schübe wie die Aufklärung, wie Kolonialismus, Migrationen, Industrialisierung, Kapitalismus, Verwissenschaftlichung und mit der sich von nahezu allen Überlieferungsbeständen und Normativitäten abkoppelnden Post-Moderne. Der neuzeitliche Mensch erfährt den Fundamentalismus als eine mögliche Antwort auf den Pluralisierungs- und Komplexitätsschub insofern am eigenen Leibe, als er mit seiner bislang monistisch und fortschreitend vorgestellten, nahezu allmächtigen Vernunft jetzt schmerzlich an deren Grenzen stößt. Die Grenzen liegen hinter oder vor dieser Vernunft, außerhalb ihrer Reichweite und lassen etwas jenseits der bisherigen Ordnung Zustoßendes hereinbrechen: etwas Fremdes, das sich auch nicht mehr durch Annäherungen erfassen lässt. Mit der Unfassbarkeit des Erdbebens von Lissabon 1755 setzte die Moderne ein, und mit dem unfassbaren Massenmord von Auschwitz endet die Moderne (so Neiman 2006, 18). Sinn wird den Neuzeitlichen fremd, sie müssen ihn sorgenvoll und eigenverantwortlich erringen. Diese Fremd-Erfahrung mag z.B. in Luthers Deus absconditus, dem verborgenen, fremden Gott angelegt gewesen sein, ihren eigentlichen Hereinbruch und Aufstieg nahm sie ab dem 18. Jahrhundert. Und mit ihr zog zugleich der neuzeitliche Fundamentalismus herauf als Abwehr des Fremden durch vereindeutigendes Einverleiben, z.B. schon in den Theodizee-Vorschlägen von Gottfried Wilhelm Leibniz...

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