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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Kapitel 1: Puškin, Polen, die Ukraine und Mickiewicz

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Russlands Geschichte und Politik sowie Probleme ihrer ästhetischen Repräsentation stehen im Zentrum des Schaffens von Aleksandr Sergeevič Puškin (vgl. Ebbinghaus 2004). Dabei ist für Puškin der Unterschied zwischen dem russischen Kernland und den Peripherien des Russischen Reichs durchgängig ein wichtiges Thema, er hat den unter­wor­fenen Gebieten fern von Petersburg eine Vielzahl von Werken gewidmet: Kavkazskij plennik (Der Gefangene im Kaukasus, 1821), Bachčisarajskij fontan (Der Brunnen von Bachčisaraj, 1824), Putešestvie v Arzrum (Die Reise nach Arzrum, 1835), Poltava (1828) oder die Reisekapitel aus Evgenij Onegin (Putešestvie Onegina, 1825–32), um nur einige zu nen­nen.29 Im Folgenden soll aus diesem großen Feld nur das Thema „Puškin und der Westen des Reiches“ behandelt werden.30 Texte über Russlands Verhältnis zu Polen und der Ukraine sowie insbesondere Puškins Auseinandersetzung mit Mickiewicz zeigen eindrücklich die Evolution seiner Haltung seinem Heimatland gegenüber.

Der erste künstlerische Text, in dem sich Puškin mit Polen auseinandersetzt, ist das Verspoem Bachčisarajskij fontan. In diesem Werk wird erzählt, wie die in den Harem des krimtatarischen Tyrannen Girej verschleppte Polin Marija die Kraft hat, sich dessen Werben zu widersetzen. Hauptmerkmal des Textes ist eine kunstvoll arrangierte Dreiecksgeschichte zwischen Marija, Girej und dessen bisheriger Favoritin Zarema, die aus Liebe zu Girej zum Islam konvertiert ist. Marija ist eindeutig die Identifikationsfigur im Poem. Sie bleibt als adlige Tochter und Katholikin „rein“ und bietet ihrem lei­den­schaft­lichen, dunklen,...

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