Show Less
Restricted access

Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

Series:

Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
Show Summary Details
Restricted access

Kapitel 3: Poetisierte Herrschaft – dichterische Alternativen. Slavophile und Westler dichten über Polen und die Ukraine (Tjutčev, Majkov, Aleksej K. Tolstoj)

Extract



In seiner 2003 erschienenen Studie The Imperial Sublime stellt Harsha Ram die These auf, die dichterische Tradition in Russland sei seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert mit der imperialen Herrschaft verbunden, und zwar in für andere europäische Kulturen untypischer Weise (ebd., 20). In Russland gebe es seit Lomonosov eine spezifische Verbindung von Poetik, Rhetorik und Politik, die Ram das imperial Erhabene (imperial sublime) nennt (ebd., 5). Im imperial Erhabenen sei das literarische System über Fragen des Stils, der Gattung, der Sprache, aber auch des Autors und seines Verhältnisses zur Autokratie Teil des imperialen Diskurses (ebd., 4). Das imperial Erhabene durchläuft in der russischen Literaturgeschichte eine vielschichtige Entwicklung von spätbarocken regelpoetischen Versuchen seiner Be­stimmung über die Kontrastierung des Individuums und der Autokratie (Deržavin, ebd., 7), zum Versuch eines republikanischen erhabenen Stils bei den Dekabristen (ebd., 8), der Psycho­logisierung und problematischen Internalisierung des imperialen Paradigmas (Puškin und Lermontov, ebd., 10–20) und schließlich seiner Verbindung mit geographisch-histo­ri­o­sofischen Fragen (ebd., 214). Mit dem Aufschwung der russischen Prosa ab 1830 rückt das imperial Erhabene, ein Merkmal poetischer Gattungen, aus dem Zentrum der rus­sischen literarischen Entwicklung an seine Peripherie. Es lebt als dezidiert rhetorisch-politische Tradition fort, vorrangig in geschichtsphilosophischen Dichtungen, von denen Ram einige diskutiert (insbesondere Werke Tjutčevs, Solov’evs und Bloks). In diesen Texten geht es um die geografische und, ideologisch daraus abgeleitet, die „kulturologische“ Bestimmung Russlands als östliche Macht.

Während sich diese...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.