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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Epilog: Die Peripherie wird zum Zentrum – Isaak Babel’

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Isaak Babel’s Erzählzyklus Konarmija (Die Reiterarmee, 1926)317 ist einer der wichtigsten Prosa­texte der russischen Avantgarde, dem eine Fülle von wissenschaftlichen Studien gewidmet ist. Aufgrund seiner Expressivität und seiner avant­gar­distischen Formensprache fällt zunächst die Innovationskraft auf, mit der er die erzählerischen Normen des 19. Jahrhunderts aufbricht, die im Zentrum der bisherigen Erwägungen standen. Und doch wirkt in Konarmija das imperialrussische Schreiben über die west­lichen Reichsgebiete nach: in Fragen der Erzähltechnik, öfter aber noch durch motivische Kontinuitäten zu Texten, die in den vorangehenden Kapiteln behandelt wurden. Diese Kontinuitäten und Babel’s Transformationen der literarischen Tradition des Schreibens über den Reichswesten möchte ich hier herausarbeiten und so einen bisher in der Forschung wenig beachteten Bezugspunkt seines Schaffens beleuchten.318 Kontinuitäten zum 19. Jahrhundert lagen schließlich auch in poli­ti­scher Hinsicht vor: Im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 kulminierte ein weiteres Mal der jahr­hundertealte Konflikt um die Vorherrschaft in den polnischen Ostmarken („Kresy“), die im 19. Jahrhundert als „Westland“ (Zapadnyj kraj) Teil des russischen Rei­ches waren. Józef Piłsudski wollte in dieser Region einen ostorientierten, „jagiellonischen“ Vielvölkerstaat eta­blieren, der wie die alte Adelsrepublik Litauen, Weißrussland und die Ukraine unter pol­ni­scher Fahne zusammenbringen sollte (vgl. z.B. Zernack 1994, 410). Gegen ihn standen die Ein­heiten der Bolschewiki, von denen Budennyjs Erste Reiterarmee besonders berüchtigt war. Sie sollten über Polen die Weltrevolution nach Mitteleuropa tragen. Militärisch behielt Polen...

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