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Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben»

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Frederik Gierlinger

Ludwig Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben» gelten als äußerst schwieriger Text. Das vorliegende Buch führt Schritt für Schritt an die Themen und Problemstellungen der Farbbemerkungen Wittgensteins heran und liefert umfangreiche Erläuterungen zu den wichtigsten Textpassagen. Dies ist bemerkenswert, weil das bruchstückhafte Textmaterial aus den beiden letzten Lebensjahren Wittgensteins eine klare Struktur vermissen lässt, die darin aufgeworfenen Fragen häufig befremdlich anmuten und größtenteils ohne Antwort bleiben. So ist es wenig verwunderlich, dass bis jetzt keine umfassende philosophische Studie zu den «Bemerkungen über die Farben» zur Verfügung steht. Das Buch von Frederik A. Gierlinger füllt erstmalig diese Lücke in der Rezeptionsgeschichte.
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4 Logischer Farbraum

← 112 | 113 → 4 Logischer Farbraum

4.1 Das Problem des durchsichtigen Weiß

„Runge (in dem Brief, den Goethe in der Farbenlehre abdruckt) sagt, es gebe durchsichtige und undurchsichtige Farben. Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Dies zeigt die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleichheit.“ (BF I, 17; MS 176, 5v-6r)

Mit diesen Worten wird in Band I der „Bemerkungen über die Farben“ das Problem des durchsichtigen Weiß eingeführt. Im ersten Moment wird man sich als Leserin oder Leser etwas über die Aussage „Dies zeigt die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleichheit“ wundern, denn ohne Weiteres ist nicht ersichtlich, was die Behauptung, Weiß sei eine undurchsichtige Farbe, mit der Bestimmtheit des Begriffs der Farbe oder der Farbgleichheit zu tun hat. Ich möchte diese Ungereimtheit vorerst ausblenden und anstatt dessen auf zwei andere Textstellen zu sprechen kommen, die helfen werden, das Problem zu entwickeln und zu verdeutlichen, welche Signifikanz der Behauptung „Weiß ist eine undurchsichtige Farbe“ zukommt. Im Anschluss daran wird sich die Gelegenheit bieten, den Zusammenhang dieser Behauptung mit den Begriffen „Farbe“ und „Farbgleichheit“ zu bewerten.

Relativ bald nach dem Verweis auf Runge in § 17 stellt Wittgenstein in § 19 die Frage: „Wie kommt es, daß etwas Durchsichtiges grün, aber nicht weiß sein kann?“; und ergänzt in § 31: „Warum kann man sich durchsichtig-weißes Glas nicht vorstellen,—auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt?“. Nun gilt, dass die Frage, warum sich etwas so und so verhält, nur Sinn macht, wenn man auch überzeugt ist, dass es sich so und so verhält. Wittgenstein scheint also von der Wahrheit folgender Aussagen überzeugt: (1) Es gibt nichts, das sowohl durchsichtig als auch weiß ist. (2) Es kann nichts geben, das sowohl durchsichtig als auch weiß ist. (3) Wir können uns noch nicht einmal etwas vorstellen, das sowohl durchsichtig als auch weiß ist.

Jetzt hat man sich allerdings zu fragen, wonach Wittgenstein überhaupt fragt, wenn er schreibt „Wie kommt es, dass …“ und „Warum …“. Man könnte es als hinreichend klare Antwort empfinden, festzustellen, Weiß sei eine undurchsichtige Farbe, wie dies eben bei Runge geschieht. Aber obwohl Wittgenstein von Runges Bemerkung tief beeindruckt ist, empfindet er diese Antwort als unbefriedigend; und er liefert uns an einer späteren Stelle auch eine Erklärung dafür, weshalb:

← 113 | 114 → „Die Undurchsichtigkeit ist nicht eine Eigenschaft der weißen Farben. Sowenig wie Durchsichtigkeit eine Eigenschaft der grünen.

Und es genügt auch nicht zu sagen, das Wort ‘weiß’ werde eben nur für die Erscheinung von Oberflächen angewandt. Es könnte sein, daß wir zwei Wörter für ‘grün’ hätten: eines nur für grüne Oberflächen, das andre für grüne durchsichtige Gegenstände. Es bliebe also die Frage, warum es kein dem Wort ‘weiß’ entsprechendes Farbwort für etwas Durchsichtiges gibt.“ (BF I, 45-46; MS 176, 11v-12r)

Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit sind nicht Eigenschaften, die irgendwelchen Farben zugeschrieben werden können, sondern es sind Eigenschaften, die Körpern zukommen. Wenn man dennoch sagen möchte, Weiß sei eine undurchsichtige Farbe, dann stellt sich umgehend die Frage, wie es sich mit den anderen Farben verhält. Aber weil wir uns einen farbigen Gegenstand sowohl durchsichtig als auch undurchsichtig denken können, scheint es, dass man darauf nur sagen kann: „Das kommt darauf an“. Dann ist die Aussage, Weiß sei eine undurchsichtige Farbe, jedoch keine Erklärung mehr dafür, dass etwas Weißes nicht auch durchsichtig sein kann, denn anstatt einen relevanten Unterschied zu markieren, haben wir nur die Ausgangsfrage neu formuliert. Wenn es aber nicht in den Farben begründet liegt, dann wird das Bedürfnis verständlich, eine Erklärung dafür zu haben, dass man sich etwas Weißes nicht durchsichtig denken kann; gesetzt, man ist in der Tat davon überzeugt ist, dass man sich das nicht vorstellen kann, was von vornherein durchaus nicht ausgemacht sein dürfte, denn es gibt zahlreiche Situationen, in denen die Worte „durchsichtig-weiß“ eine sinnvolle Anwendung haben. Man denke etwa an dünnen, weißen Stoff, milchiges Glas oder auch an eine weiß getönte Glühbirne. Alle diese Beispiele, und es lassen sich zahlreiche weitere konstruieren, deuten darauf hin, dass es einfach nicht richtig ist, zu behaupten, Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Deshalb gilt es, bevor wir damit beginnen die Fragstellung näher zu beleuchten, zunächst einmal die in der Fragestellung verborgene Behauptung schärfer in den Blick zu bekommen. In den „Bemerkungen über die Farben“ finden sich diverse Hinweise verstreut, die das erlauben. Wittgenstein stellt u.a. Folgendes fest:

„Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß Schwarz auf weißem Grund durch ein ‘weißes durchsichtiges’ Medium wie durch ein farbloses gesehen werden.“ (BF I, 20; MS 176, 6v-7r)

[…]

„Von einer grünen Tafel würden wir etwa sagen: sie gäbe den Dingen hinter ihr eine grüne Färbung; also vor allem dem Weißen hinter ihr.“ (BF I, 26; MS 176, 8v)

[…]

„Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdunkeln? Und je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!“ (BF I, 30; MS 176, 9r)

← 114 | 115 → Diese Textpassagen, die allesamt über „Regeln für den Augenschein“ Auskunft geben, machen ersichtlich, woran verschiedene Versuche, einen durchsichtig-weißen Körper vorzustellen, scheitern. Die erste Schwierigkeit ergibt sich, wenn wir uns überlegen, wie ein schwarz-weißes Muster, bspw. ein Schachbrett, durch ein durchsichtig-weißes Medium erscheinen soll. Denn nach der ersten Regel „muss Schwarz auf weißem Grund durch ein ‘weißes durchsichtiges’ Medium wie durch ein farbloses gesehen werden.“ (BF I, 20; MS 176, 6v-7r) Unser Vorhaben war es aber ein farbiges Medium vorzustellen. Auch die Anwendung der dritten Regel führt sofort zu einem absurden Ergebnis. Gegeben, dass ein gefärbtes Medium verdunkelt, „[s]oll nun mein weißes Glas auch verdunkeln? Und je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!“ (BF I, 30; MS 176, 9r) Die zweite Regel beinhaltet zuletzt einen Ausdruck, der von Wittgenstein selbst an verschiedenen Stellen auf unterschiedliche Weise aufgefasst wird und dadurch erfordert mehrere Varianten durchzuspielen. Wenn wir „weiße Färbung“ derart auffassen, dass alle durch das Medium gesehenen Farben weißlicher werden, so geraten wir in Konflikt mit den beiden früheren Regeln, denn weder bliebe Schwarz unverändert, noch würde das Medium verdunkeln.69 Stellen wir uns hingegen vor, ein durchsichtig-weißes Medium würde den Erscheinungen ihre Buntheit nehmen, sodass alles wie auf einer Schwarz-Weiß-Photographie aussieht70, dann meinen wir mit „Färbung“ einen Effekt, der sich bei gefärbten, durchsichtigen Medien nicht einstellt. Während wir für gewöhnlich an Färbung nach dem Vorbild des Mischens von Farben in der Malerei denken, wird nach dem vorgeschlagenen Verständnis von „grüner Färbung“ der Farbraum auf eine Dimension reduziert, sodass uns nur Farben im Übergang von Schwarz über Grün nach Weiß erscheinen werden, wie es etwa beim Blick durch ein Nachtsichtgerät der Fall ist. Wir neigen allerdings nicht dazu ein solches Bild als „durchsichtig grün“ zu beschreiben, denn ein gelber Gegenstand durch ein durchsichtiges, grünes Glas betrachtet, erscheint nicht einfach als helles Grün sondern als gelbliches Grün.

Diese Betrachtung zeigt, dass ein bestimmtes, natürliches Verständnis der Worte „sym1.jpg ist weiß“ und „sym1.jpg ist durchsichtig“ uns dahin führt, zu sagen, die Zuschreibung dieser beiden Eigenschaften zu einem Gegenstand sei ausgeschlossen. Jemand kann selbstverständlich einen anderen Gebrauch dieser Ausdrücke ← 115 | 116 → vorschlagen—m.a.W. ein anderes Verständnis dieser Worte verteidigen—und es macht keine besonderen Schwierigkeiten, den zu verstehen, der von einem dünnen, weißen Stoff, z.B., sagt, er sei durchsichtig-weiß.71 Dennoch ist ganz erstaunlich, dass es nicht möglich scheint einen durchsichtig-weißen Körpers vorzustellen, wenn wir uns dabei daran orientieren, wie wir einen durchsichtig-farbigen Körper erleben, und zwar weil jede Verwendung des Ausdrucks „sym1.jpg ist durchsichtig-weiß“, entweder gar keinen Sinn macht oder einen farbigen Eindruck beschreibt, der in irgendeiner Weise von dem eines durchsichtigen, gefärbten Mediums abweicht. Das Problem des durchsichtigen Weiß hat also damit zu tun, dass eine bestimmte Verwendung unserer Worte, die zunächst unproblematisch erscheint, sich völlig unerwartet als problematisch herausstellt.

Wittgenstein selbst erweckt an manchen Stellen in den „Bemerkungen über die Farben“ den Eindruck, als wäre er nicht ganz von der Unmöglichkeit eines durchsichtig-weißen Körpers überzeugt. Vor allem seine Versuche ein Gegenbeispiel zu konstruieren, lassen schnell Zweifel an der Stärke seiner Überzeugung aufkeimen. Es wird darum sinnvoll sein diese Versuche kurz zu besprechen:

„Im Kino kann man manchmal die Vorgänge im Film so sehen, als lägen sie hinter der Leinwandfläche, diese aber sei durchsichtig, etwa eine Glastafel. Das Glas nähme den Dingen ihre Farbe und ließe nur Weiß, Grau und Schwarz durch. (Wir treiben hier nicht Physik, sondern betrachten Weiß und Schwarz als Farben ganz wie Grün und Rot.) Man könnte also denken, daß wir uns hier eine Glastafel vorstellen, die weiß und durchsichtig zu nennen wäre. Und doch sind wir nicht versucht, sie so zu nennen: Bricht also die Analogie mit einer durchsichtigen grünen Tafel, z.B., irgendwo zusammen?“ (BF I, 25; MS 176, 8r-8v; Vorfassung in BF III, 184; MS 173, 63r-63v)

Im ersten Beispiel werden wir aufgefordert uns eine Glastafel zu denken, die in Anlehnung an die Leinwandfläche in einem Schwarz-Weiß-Kino, den Farben ihre Buntheit nimmt. Wie schon bemerkt, ist der dabei erzielte Effekt, aber ein anderer, als wenn durch ein gefärbtes Glas geblickt wird, eben weil letzteres nicht alle durch das Glas gesehenen Farben als hellere oder dunklere Abstufung der Farbe des Glases, sondern als Mischung der beteiligten Farben erscheinen lässt. Ich denke, dass damit auch der Punkt bestimmt ist, an dem die Analogie zusammenbricht, allerdings habe ich keine gute Erklärung dafür, weshalb Wittgenstein fragt, ob die Analogie irgendwo zusammenbreche, anstatt auf den soeben gemachten Punkt zu verweisen. Nicht plausibel scheint mir anzunehmen, ← 116 | 117 → dass er diesen Bruch nicht gesehen hätte. Aber genau so unwahrscheinlich dürfte sein, dass er den skizzierten Unterschied als unwesentlich aufgefasst hätte. Möglicherweise ist dem Umstand, dass Wittgenstein hier mit einer Frage abschließt, auch nicht allzu großes Gewicht beizumessen, aber es ist durchaus bezeichnend, dass auch die nächsten beiden Versuche nicht mit der Feststellung enden, etwas Weißes könne nicht durchsichtig vorgestellt werden.

„Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, und was in ihr gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre und durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß und durchsichtig?

Man spricht von einem ‘schwarzen Spiegel’. Aber wo er spiegelt, verdunkelt er zwar, aber sieht nicht schwarz aus, und was durch ihn gesehen wird, erscheint nicht ‘schmutzig’, sondern ‘tief’.“ (BF I, 43-44; MS 176, 11r-11v)

Das zweite der drei zu behandelnden Beispiele ist derart, dass wir zunächst einmal vorstellen müssen, wie eine Farbe erscheint, wenn sie in einer glatten weißen Fläche gespiegelt wird. Dabei lässt sich feststellen, dass alle auf diese Weise gesehenen Farben aufgehellt erscheinen. Das steht in Kontrast zum Verhalten von durchsichtig gefärbtem Glas, denn durch ein solches werden die Farben stets verdunkelt. Auch verhält sich eine spiegelnde, weiße Fläche ganz anders als ein schwarzer Spiegel, weil die Fläche nun einmal überall weiß aussieht, und was in ihr gespiegelt wird, erscheint darum auch trüb und flach. Das gespiegelte Bild verliert in diesem Sinn an Räumlichkeit, während der Eindruck der Durchsichtigkeit ein Eindruck der Räumlichkeit ist und darum nicht abnehmen sollte.

„Denk daran, wie ein Maler die Durchsicht durch ein rötlich gefärbtes Glas darstellen würde. Es ist ja ein kompliziertes Flächenbild, was sich da ergibt. D.h., das Bild wird nebeneinander eine Menge von Abschattungen von Rot und andern Farben enthalten. Und analog, wenn man durch ein blaues Glas sähe.

Wie aber, wenn man ein Bild malte, in dem dort, wo früher etwas bläulich oder rötlich wurde, es weißlich wird?

Ist der ganze Unterschied hier, daß die Farben durch den rötlichen Schein nicht ihre Sattheit verlieren, wohl aber durch den weißlichen?

Ja man spricht gar nicht von einem ‘weißlichen Schein’!“ (BF II, 13-14; MS 172, 23)

Im dritten und letzten Beispiel werden wir aufgefordert, daran zu denken, wie ein Maler auf einem Bild ein gefärbtes durchsichtiges Glas darstellt. Wenn dieser nun anstatt einer bunten Farbe, verschiedene Abschattungen von Weiß verwendet, warum sollte man das fertige Gemälde dann nicht die Abbildung eines durchsichtig-weißen Glases nennen? Als Antwort bietet sich an, dass auch hier die Analogie zum durchsichtig-gefärbten Glas zusammenbricht, und zwar erneut aufgrund dessen, dass eine „weißliche Färbung“ die Farben aufhellt anstatt sie zu verdunkeln. Wie ← 117 | 118 → schon angekündigt, scheut Wittgenstein zwar erneut davor zurück, eine derartige Feststellung zu machen, aber wenn an einer solchen Feststellung etwas verkehrt sein sollte, so ist es zumindest kein Leichtes zu sehen, was.

Die anschließende Beobachtung, dass wir nicht von einem „weißlichen Schein“ sprechen, leitet über zu einer mit dem Problem des durchsichtigen Weiß eng verwandten Fragestellung und es ist durchaus ratsam, diese zu erörtern, bevor versucht wird, zu beantworten, warum etwas Weißes nicht durchsichtig gedacht werden kann und was für eine Rolle dabei die Bemerkung spielt, dass wir nicht von einem „weißlichen Schein“ sprechen.

4.2 Das Problem des leuchtenden Grau

Überlegen wir uns, welche Farben eine Lichtquelle in unserer Vorstellung annehmen kann, so stellen wir fest, dass eine solche u.a. nicht grau sein kann. Dies zumindest behauptet Wittgenstein: „Eine ‘schwärzliche’ Farbe—z.B. Grau—‘leuchtet’ nicht.“ (BF I, 55; MS 176, 13v) Die Anführungszeichen eliminierend lässt sich dies paraphrasieren als „Eine Farbe, die wir schwärzlich nennen, wie etwa Grau, werden wir nicht als leuchtend beschreiben“. Dem ein oder anderen wird sich die Vermutung nahe legen, dass sich dieser Befund wohl durch Verweis auf geeignete physikalische oder psychologische Fakten erklären lasse. Es wird aber kaum überraschen, dass Wittgenstein eine solche Vermutung ablehnt: „Denn, daß man sich etwas ‘Grauglühendes’ nicht denken kann, gehört nicht in die Physik oder Psychologie der Farbe.“ (BF I, 40; MS 176, 10v; Vorfassung in BF III, 222; MS 173, 71r)

Ich möchte dennoch damit beginnen einige vermeintliche Gegenbeispiele gegen die Behauptung „Etwas das grau ist, kann nicht zugleich leuchtend gedacht werden“ vorzubringen und den Satz also zunächst als einen behandeln, der wahr oder falsch sein kann, da man auch hier, wie schon im Zusammenhang mit dem Ausdruck „durchsichtig-weiß“, das Gefühl haben kann, die Behauptung sei eigentlich falsch. (1) Im Alltag wird der Ausdruck „Schwarzlicht“ als Bezeichnung einer ultravioletten Lichtquelle gebraucht. Der Wortlaut ließe vermuten, dass die so bezeichneten Gegenstände die Behauptung widerlegen, eine „schwärzliche“ Farbe könne nicht „leuchten“. Da sich Ultraviolett aber außerhalb des für Menschen sichtbaren Spektrums nahe dem Frequenzbereich für Violett befindet, wird eine Schwarzlichtquelle als „violett“, nicht als „schwärzlich“ empfunden. (2) Ähnlich verhält es sich mit der Verwendung der Ausdrücke, „schwarzer Strahler“ und „grauer Strahler“ in der Physik. Als solche werden idealisierte Körper bezeichnet, die durch ein ausschließlich von der Temperatur abhängiges Strahlungsverhalten ausgezeichnet sind. Der Farbeindruck des ← 118 | 119 → abgestrahlten Lichts verläuft mit steigender Temperatur von Rot über Weiß nach Blau. Ein „schwarzer Strahler“ emittiert also, entgegen dem, was die Bezeichnung vielleicht vermuten ließe, kein „schwarzes Licht“. Dasselbe gilt mit entsprechenden Anpassungen für einen „grauen Strahler“. Die Bezeichnung als schwarz oder grau wurde in Anlehnung an bestimmte, ideale Absorptionseigenschaften dieser Körper gewählt.72 (3) Physikalische Untersuchungen zum Verhältnis von Wärme und Licht liefern noch ein weiteres Beispiel, und zwar taucht hier auch manches Mal der Ausdruck „Grauglut“ auf. Dieser bezeichnet das schwache, farblose Leuchten eines Fadens vor Eintritt in den oben beschriebenen spektralen Bereich von Rot über Weiß nach Blau. Das Phänomen wurde bereits im Jahr 1887 durch Heinrich Friedrich Weber beschrieben und tritt etwa beim langsamen Erhitzen eines Kohlefadens in einem völlig abgedunkelten Raum auf. Die von ihm „gespenstergraues“ und „düsternebelgraues“ Licht getaufte Erscheinung konnte in der Folge durch die Erforschung der Zapfen und Stäbchen im menschlichen Auge erklärt werden. Die höhere Sensibilität der Stäbchen, denen die Aufgabe des Nachtsehens zugeschrieben wird, ruft bereits bei sehr schwacher Reizung eine Sinnesempfindung hervor, die jedoch monochromatisch ist, weshalb der Eindruck einer farblosen Lichtquelle entsteht. Erst zusätzliches Erwärmen des Kohlefadens führt zu einer ausreichend starken Reizwirkung für die Zapfen und lässt den Faden in leuchtendem Rot erstrahlen.73 Während einleuchtend sein dürfte, dass die ersten beiden Beispiele keinen zufriedenstellenden Einwand gegen die Behauptung darstellen, ein leuchtendes Grau sei undenkbar, ist nicht unmittelbar einzusehen, wie das dritte Beispiel abzuwehren ist. Wittgenstein dürfte von diesem Phänomen auch nichts gewusst haben, er erwägt aber ein Beispiel, das damit hinreichende Ähnlichkeit aufweist, sodass wir dort unseren Einstiegspunkt wählen können.

← 119 | 120 → „Denk dir, es würde uns gesagt, daß eine Substanz mit grauer Flamme brennt. Du kennst doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Stoffe: warum sollte das also nicht möglich sein? Und doch hieße es nichts. Wenn ich so etwas hörte, würde ich nur denken, die Flamme sei schwach leuchtend.“ (BF III, 223; MS 173, 71r)

Zuerst ist anzumerken, dass Wittgenstein in der Überarbeitung dieser Bemerkung, die in § 41 von Band I zu finden ist, die beiden letzten Sätze herausstreicht. Er setzt aber auf eine Weise fort, die gedanklich in dieselbe Richtung verweist, wie der Hinweis man werde „leuchtendes Grau“ als „schwach leuchtend“ verstehen: „Man redet von einem ‘dunkelroten Schein’, aber nicht von einem ‘schwarzroten’.“ (BF I, 42; MS 176, 11r) Dass man nicht von einem „schwarzroten Schein“ spricht, lässt sich unter Zuhilfenahme der früheren Bemerkung hinsichtlich „schwärzlicher Farben“ zur Behauptung verallgemeinern, dass wir uns unter einem „schwärzlich gefärbten Schein“ nichts vorstellen können. Wir können dann in einem weiteren Schritt unsere Frage, warum etwas Graues nicht auch leuchtend gedacht werden kann, zur Frage umwandeln, warum wir uns kein Licht denken können, welches einen „grauen Schein“ wirft. Wir müssen dazu lediglich nochmals auf obige Bemerkung zurückgreifen, in der Grau als „schwärzliche Farbe“ bezeichnet wurde. Hieran anknüpfend lassen sich nun probeweise Regeln für den Augenschein entwerfen, ähnlich jener, die Wittgenstein uns im Zusammenhang mit durchsichtigem Weiß anbietet.

1. Jedes Licht lässt die beschienene Fläche heller erscheinen.

2. Mit zunehmender Helligkeit der Beleuchtung nimmt der Eindruck der Sättigung einer Farbe zu.74

3. Von einem farbigen Licht sagen wir, es werfe einen farbigen Schein.

4. Wirft ein Licht keinen farbigen Schein, so nennen wir es „weiß“ oder „farblos“.

Versuchen wir anhand dieser Regeln einen „grauen Schein“ zu konstruieren: Regel 1 besagt, dass ein schwärzliches Licht nicht verdunkelt. Damit bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder wir stellen nach dem Vorbild von Regel 3 ein farbiges Licht vor, dann wirkt sich der Schein des vorgestellten Lichts auf den Farbeindruck, wie das Beimischen von grauer Farbe aus. Das Licht würde dann den ← 120 | 121 → beleuchteten Farben Sattheit entziehen, was in Konflikt mit Regel 2 steht. Oder wir stellen uns das Licht nicht als farbig vor, dann wäre es nach Regel 4 bloß ein schwaches, weißes Licht und von einem solchen sagen wir nicht, es werfe „einen grauen Schein“.

Ähnlich wie für den Ausdruck „durchsichtig-weiß“ lässt sich auch für den Ausdruck „leuchtend-grau“ feststellen, dass wir von diesem unter Umständen sinnvoll Gebrauch machen können, aber es zeichnet sich neuerlich eine Unähnlichkeit in diesem Gebrauch ab. Im Vergleich mit anderen Wortkombinationen nimmt „leuchtend-grau“ eine Sonderstellung ein. Neben dieser Beobachtung, die schon für sich interessant ist, lässt sich aus den angestellten Überlegungen auch etwas für das Problem des durchsichtigen Weiß lernen.

Wir erinnern uns daran, dass Wittgenstein im Anschluss an seine Bemerkung dazu, wie ein Maler die Durchsicht durch ein weißes Glas darstellen würde, behauptet: „Ja man spricht gar nicht von einem ‘weißlichen Schein’!“ Diese Beobachtung lässt sich jetzt recht unkompliziert erläutern. Ein weißlicher Schein wäre ein solcher, der den Farben ihre Sattheit entzöge. Weißes Licht wirft offenbar keinen weißlichen Schein, weil die Farben unter weißem Licht ganz im Gegenteil satter erscheinen, nicht weißlicher.75

„Wie aber, wenn es irgendwo so wäre: das Licht eines weißglühenden Körpers ließe die Sachen hell, aber weißlich, also farbschwach, erscheinen, das Licht eines rotglühenden rötlich, etc.? (Nur eine unsichtbare, dem Auge nicht wahrnehmbare Quelle ließe sie in Farben leuchten.)

Ja, wie wenn die Dinge nur dann in ihren Farben leuchteten, wenn, in unserm Sinne, kein Licht auf sie fällt, wenn z.B. der Himmel schwarz wäre? Könnte man dann nicht sagen: nur bei schwarzem Licht erscheinen uns die vollen Farben?

Aber wäre hier nicht ein Widerspruch?

Ich sehe nicht, daß die Farben der Körper Licht in mein Auge reflektieren.“ (BF II, 17-20; MS 172, 24)

← 121 | 122 → Wittgenstein macht in dieser Textpassage den Vorschlag sich vorzustellen, weißes Licht ließe alle beschienenen Farben weißlich erscheinen und werfe in diesem Sinn einen weißlichen Schein. Das scheint man sich in der Tat vorstellen zu können. Wenn man sich in diesem Szenario aber jetzt ein Licht vorstellen will, das farblos ist, dann scheint man gezwungen, anzunehmen, dass eine entsprechende Lichtquelle nicht wahrgenommen werden kann. Wie unterscheidet man nun den Fall, wo eine solche Lichtquelle vorhanden ist, von jenem, wo das nicht der Fall ist? Wohl daran, dass die Farben der Gegenstände das eine Mal hell, das andere Mal dunkel erscheinen. Wie Wittgenstein feststellt, sehen wir ja nicht, „daß die Farben der Körper Licht ins Auge reflektieren“, weshalb ein farbloses Licht in diesem Sinn keine besonderen Schwierigkeiten macht. Der Vorschlag ist auch weniger weit hergeholt als man vielleicht glauben könnte, denn Körper mit fluoreszierender Farbe verhalten sich in der Tat so, dass Licht, welches in einem Wellenbereich liegt, der vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen wird, in Licht umwandeln, welches im wahrnehmbaren Bereich liegt, was u.a. auch die kräftige Farbwirkung von Leuchtfarben erklärt. Um der Idee einer unsichtbaren Lichtquelle Gehalt zu geben, ist es entsprechend ausreichend sich vorzustellen, dass alle Farben sich auf die beschriebene Weise verhalten. Dass wir nicht von einem „weißlichen Schein“ sprechen erweist sich damit als ein kontingentes Faktum, welches auch anders vorgestellt werden kann.

Dahingegen kann man es als missverständlich (oder verkehrt) erachten, das vorgestellte, farblose Licht als „schwarzes Licht“ zu bezeichnen und zwar aus den Gründen, die zuvor gegen die Möglichkeit eines leuchtenden Grau vorgebracht wurden. Ein schwarzes Licht müsste ja einen schwärzlichen Schein werfen und das hieße die Farben dunkler erscheinen lassen, was offenkundig der Idee zuwiderläuft, dass wir ein Licht vorstellen.

4.3 Die Besonderheit dieser Probleme

Um die Besonderheit des Problems des durchsichtigen Weiß und des Problems des leuchtenden Grau klarer herauszuarbeiten sei angenommen, dass jemand, wir nennen ihn A, behauptet: „Man kann sich etwas das rund ist nicht gleichzeitig eckig denken.“ Diese Behauptung ist mit den behandelten Fragestellungen insoweit verwandt, als eine bestimmte Möglichkeit ausgeschlossen wird. Jetzt kann man sich jemanden vorstellen, der versucht, die Behauptung des A zu widerlegen, indem er sagt: „Denk nur an einen zylindrischen Gegenstand. Von oben betrachtet ist dieser rund, von vorne betrachtet eckig.“ Der A wird darauf erwidern, dass die Behauptung so nicht gemeint war, sondern dass lediglich etwas über die Form einer ebenen Figur ausgesagt werden sollte. Aber ← 122 | 123 → der Gegenüber hat auch darauf eine Antwort: „Stell dir eine Figur vor, die aus einem Kreis, einem Quadrat und einer Geraden besteht, wobei letzteres den Kreis und das Quadrat verbindet. Die so konstruierte Figur ist zugleich rund und eckig“. Der A kann dann versuchen seine Behauptung erneut zu konkretisieren, indem er erläutert, dass die Figur nicht zusammengesetzt sein dürfe. Aber was als zusammengesetzt gilt und was nicht, steht wiederum der Deutung offen, sodass sich zwischen dem A und seinem Gegenüber ein Disput darüber entwickeln kann, was denn nun eigentlich mit der Behauptung „Man kann sich etwas das rund ist nicht gleichzeitig eckig denken“ ausgesagt sein soll; und man darf erwarten, dass der A früher oder später ungeduldig erwidern wird: „Ja, verstehst Du denn nicht, wie ich den Satz meine?“ Diese Antwort verrät etwas Allgemeines über die Beschaffenheit von Sätzen der Form „Man kann sich etwas mit dieser Eigenschaft nicht zugleich mit jener Eigenschaft denken“. Derartige Aussagen bringen ein bestimmtes Verständnis der darin vorkommenden Eigenschaftsworte zum Ausdruck und sind entsprechend nicht als Behauptungen zu verstehen, die sich als wahr oder falsch herausstellen können. Treffender wäre es, zu sagen, den verwendeten Worten werde durch solche Sätze eine bestimmte Bedeutung zugeordnet.

Man kann dann sagen, der Ausdruck „sym1.jpg ist rund“ bedeute u.a. „sym1.jpg ist nicht eckig“ und wer das Wort „rund“ anders gebraucht als so, der spricht von etwas anderem. Wenn es sich bei den gewählten Wortpaaren um Bezeichnungen für Eigenschaften handelt, die sich sozusagen im selben logischen Raum befinden, wie das etwa bei „rund“ und „eckig“ der Fall ist, dann wird man das auch zugeben. Jede Zuschreibung einer bestimmten Farbe, Form, Länge, etc., schließt alle anderen möglichen Zuschreibung derselben Kategorie aus, und wer das nicht fände, von dem wird man sagen müssen, er verstehe nicht, was es heißt die Farbe, Form, Länge, etc., eines Körpers anzugeben. Das eigentümliche und besondere an Wortpaaren wie „weiß“ und „durchsichtig“ oder „grau“ und „leuchtend“ ist jetzt, dass die dadurch bezeichneten Eigenschaften gerade nicht derselben Kategorie zugehören zu scheinen. Das eine ist ein Farbwort, das andre nicht und es ist eine ganz erstaunliche Beobachtung, dass der logische Raum der Farben nicht von anderen unabhängig ist. Das Problem des durchsichtigen Weiß, wie auch das Problem des leuchtenden Grau machen uns m.a.W. darauf aufmerksam, dass es, entgegen unseres vorgefassten Verständnisses unterschiedlicher logischer Kategorien, gerade nicht so ist, dass die Zuschreibung einer Farbe unabhängig von der Zuschreibung solcher Eigenschaften wie „sym1.jpg ist durchsichtig“ oder „sym1.jpg ist leuchtend“ ist.

← 123 | 124 → 4.4 Versuch einer Auflösung

Wie ist nun mit der Frage umzugehen, warum man sich etwas Weißes nicht durchsichtig vorstellen kann? Wittgenstein selbst liefert in den „Bemerkungen über die Farben“ keine klare Antwort darauf und erweckt über weite Strecken sogar den Eindruck, als ginge es ihm überhaupt nicht darum eine solche zu finden. Das wird in der Sekundärliteratur zu den Farbbemerkungen—wie in der Einleitung dieser Arbeit geschildert—auch oft bemängelt. Diese Einschätzung und die darin zum Ausdruck kommende Enttäuschung entspringen meiner Ansicht nach einer falschen Erwartungshaltung gegenüber dem Text.

„Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.“ (BF I, 22; MS 176, 7r-7v)

Wittgenstein macht uns hier darauf aufmerksam, dass es ihm darum geht „die Logik der Farbbegriffe“ zu finden. Wie unterscheidet sich aber eine Theorie der Farben von einer Darstellung der Logik der Farben? Zunächst einmal steht fest, dass wir nicht nach einer Ursache dafür suchen, weshalb man sich etwas Weißes nicht durchsichtig vorstellen kann. Eine logische Beziehung kann nicht durch eine kausale Beziehung erläutert werden. Zugleich kann aber eine Frage wie „Warum kann man sich etwas Weißes nicht durchsichtig vorstellen?“ auch nicht als eine Frage nach den Gründen, d.h. als Frage nach einer Rechtfertigung, aufgefasst werden. Es macht ja keinen rechten Sinn nach den Gründen dafür zu fragen, warum man sich dieses oder jenes nicht vorstellen oder verständlich machen kann. Das lässt die ganze Angelegenheit etwas seltsam erscheinen und ich glaube, dass die Suche nach einer Antwort auf diese (und ähnliche) Fragen auch wirklich auf einem Missverständnis beruht; dass in der Tat bereits in der Frage ein Fehler liegt. Man könnte auch sagen: dass man überhaupt geneigt ist zu fragen, warum etwas Weißes nicht durchsichtig gedacht werden kann, hat mit einer bestimmten Vorstellung dessen, was wir „Farben“ nennen, zu tun. Das heißt aber, anstatt sich um eine Beantwortung der Frage zu bemühen, ist dieser Vorstellung auf den Grund zu gehen; und ich behaupte, wenn eben diese zurechtgerückt wird, löst sich auch die Fragestellung auf.

Zu diesem Zweck ist der Unterschied zwischen einer Theorie der Farben und einer Darstellung der Logik der Farben näher zu präzisieren. Ich hatte im vergangenen Kapitel, als davon die Rede war, dass ein weiß lackierter Eimer, in einem bestimmten Sinn, an verschiedenen Stellen verschieden hell erscheinen kann, angedeutet, dass Wittgenstein eben diese Bemerkung in den beiden Fassungen des Textes jeweils in einen verschiedenen Kontext stellt und offen gelassen, welche inhaltlichen Auswirkungen das für die überarbeitete ← 124 | 125 → Fassung hat. Zur Erinnerung: in der Vorfassung hatte Wittgenstein an die gemachte Beobachtung unmittelbar mit der Frage angeknüpft „Welches ist die Farbe des Eimers an dieser Stelle?“. In der Überarbeitung folgt dahingegen diese Anmerkung:

„Es ist nicht dasselbe, zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter solchen Bedingungen zustande (kausal), und: er ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben und Formen.“ (BF I, 51; MS 176, 12v-13r)

Um zu klären, inwiefern sich die Aussage „der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter solchen Bedingungen zustande“ davon unterscheidet zu sagen „der Eindruck des Weißen ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben und Formen“ lohnt erneut ein Blick auf die Vorfassung. Dort schreibt Wittgenstein:

„Ich sage hier nicht, was die Gestaltpsychologen sagen: daß der Eindruck des Weißen so und so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei, was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ‘weiß’ ist.“ (BF III, 221; MS 173, 70v)

[…]

„Es ist nicht dasselbe zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt nur unter diesen Bedingungen zustande (kausal), und daß er der Eindruck eines bestimmten Kontextes ist (Definition). (Das erste ist Gestaltpsychologie, das zweite Logik)“ (BF III, 229; MS 173, 72r)

„Der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter solchen Bedingungen zustande“ wird da der Gestaltpsychologie76 zugeordnet. Das erklärt, weshalb Wittgenstein diesen Satz mit dem Wort „kausal“ versieht. Davon will er die Aussage „Der Eindruck des Weißen oder Grauen ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben und Formen“ abgegrenzt wissen und bezeichnet diese zweite Aussage als definitorisch. Wittgenstein geht es also darum die Bedeutung der Ausdrücke „weiß“ und „grau“ (oder genauer: der Ausdrücke „der Eindruck des Weißen“ und „der Eindruck des Grauen“) zu erläutern. Ganz in diesem Sinn heißt es gegen Ende von § 49:

„In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern grau in guter Beleuchtung.

Dies sind Sätze über die Begriffe ‘weiß’ und ‘grau’.“ (BF I, 49; MS 176, 12v)

← 125 | 126 → Anstatt über den Eindruck weißer oder grauer Farbe zu sprechen, wird die Verwendung der Ausdrücke „weiß“ und „grau“ ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt. Für die psychologische Untersuchung macht es—unter dem gegebenen Verständnis dessen, was eine psychologische Untersuchung charakterisiert—keinen wesentlichen Unterschied, ob ein bestimmter Farbeindruck als Farbe eines Gegenstands, als Glanz, als Spiegelung oder als etwas, das durch die Beleuchtung oder durch die Betrachtungssituation hervorgebracht wurde, aufgefasst wird. Die Ursachen für einen bestimmten Farbeindruck stehen alle gleichberechtigt nebeneinander. In der philosophischen Betrachtung sind es aber gerade diese Unterschiede—Unterschiede in der Beschreibung dessen, was wir sehen, wenn wir einen farbigen Körper betrachten—auf die wir uns konzentrieren (sollten).

Wir sind als Philosophierende m.a.W. angehalten die logischen Unterschiede in der Verwendung unserer Farbworte aufzudecken. Jene Unterschiede, über die man nur allzu leicht hinwegsieht, wenn man sich die Farbworte aufsagt, ohne ihre tatsächliche Verwendung zu bedenken. Dieses Motiv ist aus den früheren Kapiteln wohlbekannt und zeigt sich besonders deutlich an der Versuchung, ausgehend von den einfachen Farbworten „weiß“, „schwarz“, „gelb“, „rot“, etc., ein Farbmodell zu konstruieren, welches die einzelnen Farben in Beziehung zueinander setzt, weil gerade diese Versuche von einem vollkommen idealisierten Gebrauch der Farbworte ausgehen. Wittgenstein vermutet einen Grund für diese Versuchung in der Schwierigkeit die Bedeutung der Farbworte zu erklären.

„Auf die Frage ‘Was bedeuten die Wörter ‘rot’, ‘blau’, ‘schwarz’, ‘weiß’, können wir freilich gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind,—aber weiter geht unsre Fähigkeit, die Bedeutungen dieser Worte zu erklären, nicht! Im übrigen machen wir uns von ihrer Verwendung keine, oder eine ganz rohe, zum Teil falsche, Vorstellung.“ (BF I, 68; MS 176, 23r-23v)

Die Überlegungen der beiden vorangegangenen Kapitel ließen erkennen, inwiefern es zu Schwierigkeiten führen kann, nicht auf den tatsächlichen Gebrauch, den wir von Farbworten machen, zu achten und wie es uns auf gedankliche Abwege führt, wenn wir etwa annehmen, die Farbworte stünden für abstrakte Gegenstände und würden diese gleichsam benennen. Die Beschäftigung mit einem Kriterium der Farbgleichheit hat insbesondere auch gezeigt, dass unsere Farbworte zuvorderst der Beschreibung komplexer Farbeindrücke dienen.77 Diese Einsicht, gepaart mit der Feststellung, dass die Verwendung der Farbworte ← 126 | 127 → „weiß“, „grau“ und „schwarz“ nicht unabhängig von Worten wie „durchsichtig“ oder „leuchtend“ ist, lässt erkennen, dass das Bild der Farben, welches uns durch Farbmodelle (wie der Farbenkugel oder dem Farboktaeder) nahe gelegt wird, eine sehr eingeschränkte Gültigkeit besitzt. Und nur wenn wir bemüht sind die Farben und ihre gegenseitigen Verbindungen durch solche Modelle zu erklären, drängt sich einem die Frage auf, wie es sein kann, dass Weiß einen derartig ungewöhnlichen Platz unter den Farben einnimmt. Je mehr man sich aber umsieht, desto mehr logische Unterschiede zwischen den Farben lassen sich erkennen,78 und die Verwunderung darüber, dass etwas Weißes nicht durchsichtig gedacht werden kann, wird in eben dem Ausmaß abnehmen, in dem man sich von der Vorstellung löst, dass der Ausdruck „die Farben“ einen logisch unterschiedslosen Gegenstandsbereich bezeichnet.

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69Der § 205 im dritten Band enthält eine Abwandlung dieser Überlegung dahingehend, dass die Farbtöne von Weiß über Grau nach Schwarz unverändert bleiben, womit nur gegen eine der Regeln verstoßen wird, was aber offenkundig keinen wesentlichen Unterschied macht.

70Dezidiert angesprochen wird diese Möglichkeit in § 137 des dritten Bandes.

71Anzumerken ist, dass die Eigenschaft durchsichtig zu sein von der Eigenschaft lichtdurchlässig zu sein unterschieden werden muss. Ein getöntes Glas, z.B., kann lichtdurchlässig sein, ohne durchsichtig zu sein. (Im Englischen wird dieser Unterschied durch die Worte „transparency“ und „translucency“ markiert.)

72Der Ausdruck „schwarzer Strahler“ wurde 1860 durch Gustav Kirchhoff in einem Aufsatz „Über das Verhältnis zwischen dem Emissionsvermögen und dem Absorptionsvermögen der Körper für Wärme und Licht“ eingeführt. Der Aufsatz ist u.a. in einer 1898 von Max Planck herausgegebenen Sammlung mit dem Titel „Abhandlungen über Emission und Absorption“ erschienen.

73Eine Erörterung zu dem von Weber entdeckten Phänomen findet sich u.a. im 1899 (in fünfter Auflage) erschienen vierten Band des „Lehrbuchs der Experimentalphysik“ von Adolph Wüllner; dort nachzuschlagen unter § 59. Die Verbindung dieses Phänomens mit Ergebnissen der Forschung zur menschlichen Farbwahrnehmung kann in einem Aufsatz von Otto Lummer nachgelesen werden, der im 1901 durch Emil Lampe, Friedrich Wilhelm Franz Meyer und Eugen Jahnke herausgegebenen Sammelband „Archiv der Mathematik und Physik“ abgedruckt wurde.

74Wichtig ist an diesem Punkt die Helligkeit eines Farbtons, der im letzten Kapitel Gegenstand unserer Untersuchung war, von der Helligkeit der Beleuchtung zu unterscheiden. Das durch die Regel zum Ausdruck gebrachte Phänomen wurde 1952 durch Robert W. G. Hunt systematisch untersucht und erhielt nach diesem den Namen Hunt-Effekt. Die zugrundeliegende Arbeit mit dem Titel „Light and dark adaptation and the perception of color“ ist in Ausgabe 42 des „Journal of the Optical Society of America“ auf den Seiten 190-199 zu finden.

75Jemand könnte hier einwenden, dass weißes Licht auf einer spiegelnden Fläche einen glänzenden Eindruck hervorruft und an eben diesen Stellen, wird die Fläche durchaus weißlich—im Extremfall sogar leuchtend Weiß—und verliert an Buntheit. Gibt es guten Grund hier nicht davon zu sprechen, dass ein weißes Licht einen weißlichen Schein wirft? Meiner Ansicht nach ja, denn der beschriebene Effekt stellt sich erst ab einer gewissen Helligkeit der Lichtquelle ein und ist für gewöhnlich räumlich auf eine bestimmte Stelle der Fläche beschränkt. D.h. nicht, dass die Worte „weißlicher Schein“ keinen Sinn machen, wenn damit ein derartiger Eindruck beschrieben werden soll, sondern lediglich, dass von einem weißen Licht dann nicht in demselben Sinne gesagt wird, es werfe einen weißen Schein, wie man von einem roten Licht, z.B., sagt, es werfe einen roten Schein.

76Als Gestaltpsychologie wird gängig eine Richtung innerhalb der Psychologie bezeichnet, die bestrebt ist einen Satz von Regeln oder Prinzipien zu formulieren, mit denen möglich sein soll, vorherzusagen, unter welchen Reizbedingungen welche Wahrnehmung entsteht.

77Das lässt sich auch anhand der Ausdrücke „durchsichtig“ und „leuchtend“ demonstrieren.

„Kann ein durchsichtiges grünes Glas die gleiche Farbe haben wie ein undurchsichtiges Papier, oder nicht? Wenn ein solches Glas auf einem Gemälde dargestellt würde, so wären die Farben auf der Palette nicht durchsichtig. Wollte man sagen, die Farbe des Glases wäre auch auf dem Gemälde durchsichtig, so müßte man den Komplex von Farbflecken, der das Glas darstellt, seine Farbe nennen.“ (BF I, 18; MS 176, 6r)

„Eine Farbe ‘leuchtet’ in einer Umgebung. (Wie Augen nur in einem Gesicht lächeln.) Eine ‘schwärzliche’ Farbe—z.B. Grau—‘leuchtet’ nicht.“ (BF I, 55; MS 176, 13v)

78Man erinnere sich hier auch nochmals daran, dass wir solche Worte wie „blond“ oder „brünett“ zur Beschreibung der Haarfarbe, oder „zinkfarben“ und „bronzefarben“ zur Beschreibung der Farbe bestimmter Metalle heranziehen, und diese Ausdrücke ganz anders verwendet werden als „gelb“, „braun“ oder „grau“.

„Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’ und ‘gelb’ oder ‘grau’.“ (BF I, 54; MS 176, 13r-13v)← 127 | 128 →