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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Friedrich Schlegel (1772–1829): Lucinde – Musikartige Themen und Strukturen

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Friedrich Schlegel (1772–1829):Lucinde –Musikartige Themen und Strukturen*

Im Folgenden geht es nicht um Musik als Begleitung und Erhöhung von Literatur; auch nicht um Musik als Stoff, Thema, Motiv der Dichtung; nicht um Wortmusik, Reim u. dgl. Es geht um einen Roman, der sich musikartiger Strukturen und Wirkungen bedient. Jocelyne Kolb und ich versuchten, das Gleiche zu demonstrieren an Geschichten E.T.A. Hoffmanns, die gleichzeitig Musik und Musiker zum Thema hatten, zumal an den Kreisleriana I.1 Häufig führten solche Vergleiche zwischen Dichtung und Musik zu unergiebigen, ja zweifelhaften Resultaten. Das mag mit einem Grund sein, weshalb man Lucinde noch nicht unter diesem Gesichtspunkt untersuchte. Ich tue es hier nicht, um die Zahl solcher Versuche zu vermehren, sondern weil ich glaube, man kann Form, Sinn und Wert des Werkes von hier aus besser einschätzen, und der Leser hat so mehr von dem Roman.

Mit seinem Konzept der „progressiven Universalpoesie“ meinte Friedrich Schlegel: Durchdringung von Dichtung mit dem „Geist einer andern Kunst;“2 mit Malerei, Architektur, aber auch Wissenschaft, Kritik und Philosophie, die er zu Künsten gesteigert sehen wollte, endlich „immer wieder“ mit Musik;3 und niemals nennt er sie häufiger als in seinem Notizbuch zur Zeit der Lucinde.4 Hans Eichner, der beide herausgegeben hat, benutzt zur Beschreibung der Form des Romans vor allem musikalische Ausdrücke und fügt einmal hinzu: „wie Schlegel sagen würde.“ Allerdings gibt er zu, man könne der Struktur des Werkes „nur...

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