Show Less
Restricted access

Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
Show Summary Details
Restricted access

Die Jedermann-Figuren Woyzeck, Mergel und der arme Spielmann

Extract

*

Heinz Wetzel1 behauptet, in meiner Sicht diene das Woyzeck-Drama „der Affirmation bestehender ethischer Gesetze.“ Das klingt gewaltig. Der zentrale Begriff meiner Deutung, das „Är­gernis,“ schließt nun Affirmation bestehender ethischer Gesetze im Sinne konventioneller Sonntags- und rhetorischer Moral per definitionem aus. Außerdem finde ich, daß Wetzel, Sengle und viele andere mit dem armen Woyzeck – obwohl Büchner als notorischer Dichter des Mitleids gilt – nicht mehr als das herkömmlich ‚bestehende‘ Mitleid äußern – und daß das bei ihnen nicht einmal ausreicht für Mitleid auch mit dem von ihm mörderisch verschuldeten Los Maries und des kleinen Cristian. Dabei kümmert man sich wenig darum, daß Büchners Satire schärfstens protestiert gegen dergleichen vorurteilsbedingte ethi­sche Indifferenz. Gegen sie zu allererst ziehen die drei hier be­handelten Autoren zu Felde: der pietistisch radikale Protestant Büchner, die katholische Droste und der ungläubige Agnostiker Grillparzer. Sie treffen sich in Goethes „unsichtbarer Kirche“ aller Menschen von einigem Geist, eben der ‚wahren Gläubigen,‘ auf dem Feld der Ethik, auf die es ihnen und mir und doch wohl überhaupt ankommt – und nicht auf die oder jene Konfession und linke oder rechte Ideologie.

Auch Heinz-Dieter Kittsteiner und Helmut Lethen ver­tun sich m.E. in ihrem Symposiums-Beitrag, indem sie die Dimension der Transzendenz imWoyzeck leugnen. Gleiches gilt von ihrer gewiß brillanten Kritik an mir: Büchners verborgener Gott des Ärgernis­ses verberge sich m.E. in seinen Ausdrucksformen und soll ihm trotzdem als Gott gegeben sein. In ihrer...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.