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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Auf der Schwelle – Franz Grillparzer (1791–1872): Die Jüdin von Toledo

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„Keiner der großen deutschen Dramatiker hat seine Werke so folgerichtig vom szenischen Spielraum her konzipiert;“ und die „Merkmale der dramatischen Kunst Grillparzers“ finden sich „in fast keinem seiner Dramen so konzentriert“ wie in der Jüdin von Toledo, schreibt Dieter Borchmeyer. Unter anderem nennt er „das Verlassen und Betreten symbolhaltiger Bezirke, das bedeutungsvolle Überschreiten räumlicher Grenzen, sei es auch nur durch das Lüften eines Schleiers oder Vorhangs.“1

Meint Borchmeyer hier das technische Motiv „Grenze,“ so doch auch mit Hel­mut Bachmaier das inhaltliche: „Ein idealtypisches Schema der Dramenstruktur bei Grillparzer muß den Begriff der Grenze ins Zentrum rücken.“ „Jeweils wird einem mehr oder weniger rigiden Festhalten an einer Ordnung ihre Verletzung, das Überschreiten einer durch Tradition gesetzten Grenze opponiert“ – „Ausgangspunkt für tragische Prozesse.“

So ließe sich das freilich auch von Hebbels Dramen sagen, zumal Bachmaier mit Kommerell und Peter von Matt2 an den Übertritt aus einem ursprünglichen Lebenskreis in einen neuen denkt. Bachmaiers Entwurf einer „Poetik der Grenze“ bei Grill­parzer3 mustert das Motiv der „Grenzüberschreitung“ auf vielen Ebenen. Zum Beispiel finde sich literarhistorisch bei Grillparzer Altes und Neues „ineinandergeschlungen.“ Hier wie im ethischen Widerspiel von Maßhalten und entgrenzender Vermessenheit sei­en die Positionen versöhnbar. In Hebbels Dramen sind sie es nie. Wie gelingt es in der Jüdin von Toledo? Und – gelingt es?

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