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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Volkstümlichkeit eines Unzeitgemäßen – Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857)

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Festrede, gehalten in Bad Godesberg März 1988 zu Eichendorffs 200. Geburtstag

Die Lieder keines anderen deutschen Dichters sind volkstümlicher geworden. Man sang sie als Volkslieder und hielt viele schon zu seinen Lebzeiten dafür, z.B. „In einem kühlen Grunde.“ Dennoch hat man diese Gedichte selten angemessen eingeschätzt. Dazu wußte und bemerkte man zu wenig von dem unzeitge­mäßen Eichendorff. Zu ihm führen meine einleitenden Beobachtungen hin.

Worin liegt der eigenartige Zauber dieser Gedichte? Man kann sie singen. Und es gibt unzählige Vertonungen. Satz- und Strophenbau sind einfach, der Wortschatz ist schmal und wiederholt sich samt Themen und Motiven, so daß man stutzt: „Das kenn‘ ich ja!“1 Die besten Elemente aus der Volksliedersammlung Des Knaben Wun­derhorn sind zu Gebilden umgeschmolzen, die sich dem Ich in einer beton­ten Tiefenperspektive darbieten: dem Ich des Dichters, und dem Ich, das diese Gedichte liest und hört. Räumlich und akustisch gliedert sich die Land­schaft in die Ferne und wird so zum Träger von Sehnsucht. Das Gedicht mit dem Titel „Sehnsucht“ verlängert die Ich-Perspektive noch durch die Per­spektiven weiterer Ichs:

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