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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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„Von der alten schönen Zeit“ – Mozart auf der Reise nach Prag. Eduard Mörike (1804–1875) und Eichendorffs Zeitkritik

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„Von der alten schönen Zeit“ – Mozart auf der Reise nach Prag. Eduard Mörike (1805–1875) und Eichendorffs Zeitkritik*

Weniger in seiner Lyrik, wohl aber in seinen übrigen poetischen und historischen Schriften übt Eichendorff, teils deutlich, teils andeutend, Kritik an seiner Zeit: an der modernen Emanzipation des Subjekts, an der Diesseitsreligion eines selbstherrlichen Rationalismus, Egoismus und der irdischen Selbsterlösung. Das Übel begann seiner Meinung nach mit der Reformation, gelangte in der Geister- und der politischen Revolution des 18. Jahrhunderts zum Ausbruch und wurde weiter ins 19. hineingetragen, weitergetragen von den Geheimbünden und den Universitäten, die den Leidenschaften dieses Protestantismus im weitesten Sinne das akademische Mäntelchen philosophischer Theorien umhängten.

Schon in jener „alten schönen Zeit“ der vorrevolutionären Aufklärung „brütete“ nur „äußerlich noch ein unheimlicher Frieden über Deutschland, aber die prophetischen Gedanken, die den Krieg bedeuten, arbeiteten gebunden,“ noch unentfesselt, in Kopf und Brust der Intellektuellen. Diese Diagnose, hauptsächlich in dem Aufsatz Halle und Heidelberg (1857), wird heute bestätigt von Eichendorffs Landsmann Reinhart Koselleck in Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt.1

Anders als der Historiker bemühte der Dichter sich energisch um Abhilfe. Er suchte sie in der Kräftigung des alten Glaubens und in der Erneuerung des Adels und seiner Führungsrolle. Bewährung und Versagen dieser alten Kräfte und das schädliche Wirken der neuen gefährlichen Gedanken schildert er in Zeitsatiren...

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