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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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„Daß er als Kleinod gehütet werde“ – Adalbert Stifter (1805–1858): Der Nachsommer. Eine Revision

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Revision – davon ist heute viel die Rede. In der Literaturkritik ist sie oft Neudeutung und Neubewertung von einem Standort her, der auf unsere gegenwärtigen Bedürfnisse (oder was wir dafür halten) antwortet, der als alleinseligmachend und allein wissenschaftlich legitim ausgegeben wird und damit ideologische Bedürfnisse befriedigt. Albert Glasers Buch Die Restauration des Schönen (1968) etwa beurteilt den Nachsommer politisch korrekt im Lichte der Kulturphilosophie Adornos und also der Umerziehung Deutschlands –also natürlich negativ, nachdem der Rebell Nietzsche das Werk sogar dem engsten Kreis deutscher Meisterdichtungen zurechnete. Der Roman nähme sich auch, wie wir sehen werden, positiv im Licht einer Kultursoziologie aus, die ideologisch unversehrt primär auf das Wohl des Individuums bedacht wäre. Um eine Revision dieser Art geht es hier ebenfalls, indes nicht nur. Auch nicht um eine Revision des ganzen Stifterbildes, wie sie Friedrich Sengle im literaturgeschichtlichen Rahmen der Dichtung des 19. Jahrhunderts vorbereitete. Natürlich geht es um eine Revision in dem selbstverständlichen Sinn, in dem jede kritische Studie die jeweils geltenden Akzente ergänzt oder verschiebt.

Darüberhinaus handelt es sich speziell um den Nachweis, daß man einen wesentlichen Teil des Romans bisher gründlich mißverstand, seinen Sinn sogar auf den Kopf stellte. Ja, man scheint das zentrale Kapitel „Der Rückblick“ nie wirklich gelesen noch interpretiert zu haben. Dabei verdient es beides mehr als alle übrigen Kapitel und erweist sich als äußerst ergiebig. Dem gilt die Revision. Dennoch wirft sie...

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