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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Erkennen, Reden, Tun im Zusammenhang der Dinge – Wilhelm Raabe (1830–1910): Das Horn von Wanza und Theodor Fontane (1819–1898): Irrungen Wirrungen – ethisch betrachtet

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„Was es alles Schönes gibt!“ – diesen klassisch zu nennenden Ausspruch tatest Du, lieber Wolf, als Du vor nicht langer Zeit aus Deinem sprachgeschichtlichen Seminar kamst: „Wege der Worte.“ Erschöpft und glücklich erzähltest Du kurz vom Bedeutungswandel des Wortes „edel.“ Ich fiel ein mit Goethe, Schiller, Kleist. Das Edle oder Noble war der Kern des Ethos, welches auch sie verbreiten wollten. Der Inhalt blieb, im Anschluß an die besten Werte von Antike, Christentum und Adel, Selbstaufopferung für andere.

Dafür traten auch Denker und Dichter der Folgezeit ein bis zu Nietzsche1 und zu dem Zyniker Brecht. Dessen stumme Kattrin rettet mit der Trommel den Kindern der Stadt Halle das Leben, obwohl sie weiß, daß sie selber dafür sterben muß. Es ist eine der Szenen, in denen Brecht seine ideologische Befangenheit durchbrach und als Mensch dichtete, als Erbe einer großen ethischen Tradition; Kattrins Handeln entspringt ihrer rein menschlichen Natur und nicht der ideologischen Prägewirkung einer Glaubens- oder Standeszugehörigkeit. Der Kontrast zur Gebetsgläubigkeit der Bauern hebt das hervor.

Für eine derart befreiende Aufhebung ideologischer Determination gelang Brecht ein großartiges Symbol, eben die Sprachlosigkeit seiner Heldin. Großartig symptomatisch für eine Zeit, die mehr und mehr und allzuviel redet und schreibt, unser Denken intellektualisiert. Es geschieht zum guten Teil unter Berufung gerade auf Brecht. Zu Unrecht. Diejenigen, die seine Theoreme in diesem Punkte gläubig übernahmen und sich weniger an seine großen Werke hielten,...

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