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In dreißig Jahren um die Welt

Begegnungen mit Menschen, Sprachen und Kulturen

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Lutz Götze

Der Band enthält Beschreibungen von Reisen, die der Autor als Germanist und Privatreisender während dreier Jahrzehnte in alle Kontinente unternommen hat. Ziel war, die deutsche Sprache und Literatur – als Teil der europäischen Kultur – zu lehren und zu verbreiten. Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen sowie vielfältige Eindrücke prägen die Texte. Grundlage der Schilderungen sind häufig Gedanken Wilhelm von Humboldts über die jeder Sprache innewohnende Weltansicht sowie die Kulturspezifik von Zeit und Raum. Das Glück des Reisens, aber auch die Klage über die ubiquitäre Zerstörung von Kulturen durch einen entfesselten Turbokapitalismus, werden transparent. Der Autor ruft auf zum Widerstand gegen diese scheinbar unaufhaltsame Entwicklung.
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1993 Ein Wendeereignis

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Die alten Kleider ablegen. Erinnern, ja. Aber nicht in alten Kleidern.Elias Canetti

Das Ende jenes mit so viel Hoffnung begonnenen und so kläglich gescheiterten sozialistischen Experiments im Osten Deutschlands birgt manche Erinnerung. Dereinst werden sich Historiker der Aufgabe widmen, die Wochen und Monate des Herbstes 1989, aber auch der Zeit davor und danach, zu bilanzieren – und dabei, wie jede Historiographie, zu kurz springen. Denn Geschichte ist auch und in erster Linie Alltagsgeschichte, genauer: Sie besteht aus einer Vielzahl von Geschichten von Menschen. Geschichten, die viel mehr und Genaueres erzählen als jede Statistik oder jeder Jahrhundertwurf eines vermeintlich genialen Historikers. Eine dieser Geschichten will ich erzählen.

Man schrieb den Sommer 1993; die Gilde der Deutschlehrerinnen und – lehrer aus aller Welt versammelte sich in Leipzig, um trefflich zu debattieren über deutsche Sprache und Kultur. Es herrschte kein Babylonisches Sprachengewirr, doch – wie es der Germanistik eigen ist – neue Begriffe wie „Eigen- und Fremdperspektive“, „Kognitive Lehrverfahren“, „Rechtshemisphärische Steuerungen“ und anderes machten die Runde und stürzten manchen von weither Gekommenen in bange Ratlosigkeit.

Jenseits der Fachsimpelei freilich ereignete sich Belangvolles. Anfangs nur wenige Teilnehmer, dann immer mehr, munkelten von einem Brief, der gezielt verteilt wurde an erhoffte Sympathisanten. Autor sei ein bekannter Mitarbeiter des Herder-Instituts, dem, so die einen, nach dem Mauerfall zu recht gekündigt worden sei ob allzu intimer Nähe zum alten Unrechtsregime, oder aber, so die anderen, dem gewaltiges Unrecht geschehen sei.

Der Brief tauchte alsbald auf und...

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