Show Less
Restricted access

Die Chimäre als dialektische Denkfigur im Artusroman

Mit exemplarischen Analysen von Teilen des «Parzival» Wolframs von Eschenbach, des «Wigalois» Wirnts von Grafenberg und der «Crône» Heinrichs von dem Türlin

Series:

Eva Bolta

«Vorn ein Löwe, hinten Schlange und Ziege inmitten», so beschreibt Homer die Chimäre. Das Mischwesen tritt als komposite Figur in Erscheinung, die als liminales monstrum die Grenzen zwischen engem Regelsystem und imaginativer Freiheit überwindet. Aus ihr entwickelt die Philosophie das Prinzip topisch-dialektischen Kombinierens, das sich auch in der Poetik mittelalterlicher Texte zeigt. Die Arbeit setzt den Begriff des Chimärischen von «hybrid», «fantastisch» und «grotesk» ab und führt die Differenzierung mittels einer Analyse exemplarischer monstra aus den Artusromanen Parzival, Wigalois und Diu Crône fort. Schließlich enthüllt eine komparatistische Interpretation Gaweins das widerspruchsvolle Konzept des scheinbar idealen Ritters, der damit zum wichtigsten Agenten der chimärischen Denkfigur wird.
Show Summary Details
Restricted access

Einleitung

Extract



Auffällige Figuren schmücken die Initialen und Ränder mittelalterlicher Prachthandschriften und illuminierter Gebrauchstexte sowie die Fassaden und Eingangsbereiche gotischer Kathedralen. Ihre Körper setzen sich aus disparaten Komponenten zusammen; sie drohen jede Ordnung, ob weltlich oder klerikal, zu durchbrechen. Als Phänomene der Liminalität umspielen und übertreten sie die Grenzen zwischen Heidnischem und Religiösem, Dämonie und Apotropeia, klassischem Regelsystem und imaginativer Freiheit. Ihr vermehrtes Auftauchen gerade im religiösen Bereich mag zunächst als heidnisches Relikt erscheinen und bringt Bernhard von Clairveaux zu dem Ausspruch: „Caeterum in claustris coram legentibus fratribus quid facit illa ridicula monstruositas, mira quaedam deformis formositas, ac formosa deformitas? – Was hat in den Klöstern unter den Augen der mit Beten beschäftigten Fratres diese Galerie lächerlicher Ungeheuer zu suchen, diese verwirrende missgebildete Schönheit und diese schöne Missgebildetheit…?“1 In seiner Frage schwingt die Ambivalenz des mittelalterlichen Verständnisses solcher Kreaturen mit: Einerseits werden sie mit dem eindeutig negativ konnotierten Terminus monstruositas belegt; andererseits lässt sich eine eigentümliche, als irritierend wahrgenommene Faszination nicht leugnen, die ihnen Schönheit zugesteht, wo eigentlich Hässlichkeit zu erwarten wäre.

Denn das Mittelalter übernimmt das antike Ideal der Kalokagathie, wonach innerer Wert und äußere Hülle notwendig aufeinander verweisen, ein tugendhafter Mensch folglich schön, ein hässliches Wesen bösartig sein muss – doch ebenso oft, wie dieses Ideal auf bildlichen Darstellungen und in der volkssprachigen Literatur zutrifft, wird es von Didaktikern und K...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.