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Die Chimäre als dialektische Denkfigur im Artusroman

Mit exemplarischen Analysen von Teilen des «Parzival» Wolframs von Eschenbach, des «Wigalois» Wirnts von Grafenberg und der «Crône» Heinrichs von dem Türlin

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Eva Bolta

«Vorn ein Löwe, hinten Schlange und Ziege inmitten», so beschreibt Homer die Chimäre. Das Mischwesen tritt als komposite Figur in Erscheinung, die als liminales monstrum die Grenzen zwischen engem Regelsystem und imaginativer Freiheit überwindet. Aus ihr entwickelt die Philosophie das Prinzip topisch-dialektischen Kombinierens, das sich auch in der Poetik mittelalterlicher Texte zeigt. Die Arbeit setzt den Begriff des Chimärischen von «hybrid», «fantastisch» und «grotesk» ab und führt die Differenzierung mittels einer Analyse exemplarischer monstra aus den Artusromanen Parzival, Wigalois und Diu Crône fort. Schließlich enthüllt eine komparatistische Interpretation Gaweins das widerspruchsvolle Konzept des scheinbar idealen Ritters, der damit zum wichtigsten Agenten der chimärischen Denkfigur wird.
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Kapitel I – Terminologische Differenzierung

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1 Das Phänomen Chimäre

Zum ersten Mal taucht die Chimäre in Homers Ilias als dreigestaltiges Wesen auf, zusammengesetzt aus Löwe, Schlange und Ziege: „Vorn ein Löwe und hinten Schlange und Ziege inmitten.“5 Homer erzählt in VI 179-183 von ihrer Bezwingung durch Bellerophon und verweist in XVI 328f. auf die lykische Sage ihrer Aufzucht durch Amesidoros. Grundsätzlich folgen antike Autoren wie Hesiod, Vergil und Ovid dieser Beschreibung, obgleich sie die drei Komponenten unterschiedlich kombinieren. So handelt es sich nach Hesiods Theogonie um ein dreiköpfiges Wesen;6 in Ovids Metamorphosen heißt es im Unterschied zu Homer: „[…] quoque Chimaera iugo mediis in partibus ignem, pectus et ora leae, caudam serpentis habebat. – […] Chimaera [...], Feier im Leib, mit dem Kopf und der Brust einer Löwin und dem Schweif eines Drachen.“ (9, 6477) Vergil dagegen verzichtet völlig auf eine genaue Beschreibung und konfrontiert seinen Helden im sechsten Gesang seiner Aeneis mit einer großen Anzahl Ungeheuer, unter denen sich die flammenbewehrte Chimäre befindet.8 Der Mythos liefert die exemplarische Form, in der sich die Chimäre denken lässt – sie ist von Anfang an ein kombinatorisches Phänomen. Darüber hinaus scheinen die Abstraktheit des Mythos und die chimärische Mischgestalt eine starke Verbindung zu teilen:

Formen verschiedenartiger Wesen in einer Gestalt vereinigt zu haben, bedeutet für die Griechen eher etwas Negatives als Positives, ja, es bedeutet die Gestaltlosigkeit selbst. Mischgestalt und Begrifflichkeit stehen in demselben Gegensatz...

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