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Leben und Lehre

Dogmatische Perspektiven auf lutherische Orthodoxie und Pietismus- Studien zu Gerhard, König, Spener und Freylinghausen

Tim Christian Elkar

Ist lutherische Orthodoxie mit toter Dogmatik und Pietismus mit reiner Frömmigkeit gleichzusetzen? Lange wurde dies so gesehen. Tatsächlich begegneten sich beide Richtungen in einer Orientierung auf die theologischen Grundkategorien von Leben und Lehre. Dies wird erstmalig in dieser dogmatischen Arbeit über die vier herausragenden Vertreter beider Richtungen nachgewiesen: Johann Gerhard, Johann König, Philipp Jakob Spener und Johann Anastasius Freylinghausen.
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D. Das Heil

← 104 | 105 → D.Das Heil

1.Die Theologie des Heils – zur Methodik von lutherischer Orthodoxie und Pietismus

1.1.Die Loci-Methode und ihre Ablösung durch die analytische Methode

Auf der Ebene des Gesamttextes ist Gerhard noch Anhänger der von Melanchthon eingeführten Loci-Methode. In der Reihenfolge der einzelnen Lehrstücke steht er in gewisser Kontinuität mit Hutter und Chemnitz, allerdings lassen sich auch einige Parallelen zu Petrus Lombardus erkennen. Die Lehre von der Schrift steht als Erkenntnisprinzip der Theologie für Gerhard ganz am Anfang604 und bildet das Fundament des Glaubens.605 Den gesamten der Schriftlehre folgenden theologischen Stoff unterteilt Gerhard in die Lehre vom Wesen und vom Willen Gottes.606 Mit letzterem zu beginnen, ist typisch für die damaligen Dogmatiken.607 Zum Wesen Gottes gehören die Loci von der göttlichen Natur und den göttlichen Attributen, vom Geheimnis der Trinität und von der Person und dem Amt Christi. Sie bilden den ersten Band der „Loci“. In der Urausgabe waren hier noch die Loci „Vom Vater und seinem ewigen Sohn“ und „Vom Heiligen Geist“ (Steiger Nr. 80.1) eingefügt.

Der restliche dogmatische Stoff, der dann ab dem zweiten Band entfaltet wird, ist dem Willen Gottes gewidmet.608 Die Abfolge entspricht der biblischen Heilsgeschichte. Der 1611 erschienene zweite Band behandelt die Lehre von der Schöpfung, der Vorsehung, der Erwählung und Verwerfung, der Gottebenbildlichkeit, der Sünde und vom freien Willen.

Die Lehre von der Erlösung verteilt sich auf den dritten bis fünften Band.609 Der dritte Band enthält die Loci vom göttlichen Gesetz, ← 105 | 106 → vom Zeremonialgesetz, vom Evangelium, von der Buße und von der Rechtfertigung durch den Glauben. Im vierten geht es um die guten Werke, die Sakramente, die Beschneidung, das Passalamm und die Taufe. Im fünften Band legt Gerhard die Lehre vom Abendmahl und von der Kirche vor, worauf im sechsten das kirchliche und das weltliche Amt entfaltet werden. Der siebte Band widmet sich der Frage nach dem Zölibat, während die beiden letzten Bände die Eschatologie behandeln. Dabei werden die einzelnen Eschata unter dem Begriff novissima zusammengefasst.610

In den einzelnen Loci wendet Gerhard vor allem das onomatologisch-pragmatologische Schema an, das allerdings in den ersten Bänden nicht durchgehend als Mittel der äußeren Textgliederung Verwendung findet.611 Dies ist dahingehend zu präzisieren, dass der erste Band der „Loci“, mit Ausnahme des Proömiums über die Natur der Theologie und des Locus von der Schrift, auf die Pragmatologie verzichtet. Gleiches gilt auch für weite Teile des zweiten Bandes, wobei hier der Locus „Von der Schöpfung und den Engeln“ und die Sündenlehre schon nach dem onomatologisch-pragmatologischen Schema geordnet sind.

In den ersten beiden Bänden geht Gerhard eher so vor, dass er zu Beginn eine Verbindung mit dem vorhergehenden Locus herstellt (Proömium), dann die Onomatologie und nachfolgend Hauptthesen entwirft, die er schließlich durchspielt. Immer wieder werden dabei auch Einzelfragen behandelt. Der praktische Nutzen (usus practicus), der aus der jeweiligen Lehre gezogen wird, kann in Band ein und zwei an verschiedenen Stellen auftreten, wobei es nicht so ist, dass jeder Locus nur einen praktischen Nutzen nennt. Insgesamt sind die besagten Bände deutlich unstrukturierter als die folgenden. Erst ab dem dritten Band kommt es nach Proömium und Onomatologie zu einer pragmatologischen Bestimmung. Dabei kann die Reihenfolge variieren. Fast immer werden die verschiedenen Ursachen, das Subjekt, das Objekt, die Materie und der Zweck dargelegt. Oft behandelt Gerhard noch verschiedene Einzelfragen zu dem jeweiligen Lehrartikel. Bei den meisten Loci – nicht jedoch in 3, 5 und 15 – wird ein praktischer Nutzen (usus practicus) aus der Lehre ← 106 | 107 → gezogen, der entweder lehrend, tröstend oder ermahnend sein kann. Auch dies zeigt die enge Verbundenheit von Dogmatik und seelsorglicher Umsetzung.612 In der Regel schließt eine Definition den jeweiligen Locus ab,613 nur die Loci 2, 3, 11 und 13 weichen davon ab. Eingeschoben in die eigene Lehre ist die Darstellung und Abgrenzung von Irrlehren. Inhaltlich haben die „Loci“ besonders in den Prolegomena, der Schriftlehre und der Ekklesiologie große Nachhaltigkeit erreicht. Den Menschen zum Heil zu führen, ist den Prolegomena zufolge das Ziel jeglicher Theologie.614 Damit prägte Gerhard die gesamte lutherische Orthodoxie ebenso wie mit seinem Schriftverständnis.615 Gerhards Nachwirkung in diesen beiden Bereichen sollte lange währen. Seine Ekklesiologie baute die für das orthodoxe Luthertum und spätere Epochen charakteristische Drei-Stände-Lehre aus.616

Die Loci-Methode blieb aber nicht die bestimmende Methode der lutherischen Orthodoxie. Diese Rolle nahm die analytische ein. Sie geht auf Bartholomäus Keckermann (1572–1608) zurück,617 Vorformen finden sich bei Caspar Olevian (1536–1587).618 Trotz ihrer Herkunft aus der reformierten Theologie hat sie sich in der lutherischen Orthodoxie durchgesetzt619 und dabei gegen die zeitgleiche synthetische Methode behauptet.620 Der Unterschied besteht vereinfachend gesagt darin, dass die synthetische Methode zuerst den Gegenstand untersucht, dann auf dessen Ursachen zurückgeht und abschließend die Eigenschaften des Gegenstandes bestimmt. Deshalb ist sie eher für theoretische Wissenschaften ← 107 | 108 → geeignet. Die analytische Methode geht hingegen vom Ziel aus, danach erfolgt die Gegenstandsbeschreibung und am Ende steht die Beschäftigung mit den Mitteln, durch die der Gegenstand zu seinem Heil geführt wird.621 Übertragen auf die Theologie bedeutet dies, dass bei der analytischen Methode zunächst Gott beschrieben wird, dann der gefallene Mensch und schließlich die Mittel, mit denen der gefallene Mensch zum Heil gelangt.622 Durchgesetzt hat sich die analytische Methode, u. a. weil sich mit ihr leichter als mit der synthetischen ein dogmatisches System errichten lässt.623 Deshalb entwickelte König seine „Theologia“ analytisch. Im Anschluss an die Widmung, die Widmungsvorrede, die Vorrede an den Leser und die Vorrede des Verlegers folgen die Praecognita. In ihnen werden das Wesen der Theologie,624 die christliche Religion,625 die Schrift626 und die Glaubensartikel627 beschrieben. Wichtig für das Verständnis der „Theologia“ sind die letzten Ausführungen innerhalb der Lehre von den Glaubensartikeln, da durch die §§ 149 bis 152 die rechtfertigungstheologische Begründung für das weitere Vorgehen erfolgt.628 In § 151 werden die Christologie und damit verbunden die Soteriologie als ursprünglicher Glaubensgrund festgelegt.629

Die „Theologia“ hat drei Gliederungsebenen: Gesamttext, Ebene der Lehrstücke und Einzellocus. Auf der Ebene des Gesamttextes folgt sie der analytischen Methode. Dies hat die Einordnung der Theologie in die praktischen Wissenschaften630 und eine Dreiteilung in Zweck,631 Subjekt der ← 108 | 109 → Theologie632 sowie Heilsprinzipien und Heilsmittel zur Folge.633 Die pars prima der „Theologia“ beschäftigt sich mit dem Zweck der Theologie. Dieser ist entweder objektiv Gott634 oder formal die Freude an Gott.635

Königs pars prima zeigt drei Schwierigkeiten: Die erste ist in der Ungleichgewichtung des Stoffes begründet,636 wird doch beispielsweise die Lehre von den Engeln637 sehr viel ausführlicher behandelt als jene vom Menschen.638 Dies liegt daran, dass die für die theologische Anthropologie zentralen Aussagen über die Gottebenbildlichkeit und den Fall des Menschen im zweiten Teil der „Theologia“ folgen.639 Das nächste Problem bereitet die Unvollständigkeit der Lehre von den Werken Gottes, da nur die Schöpfung und Vorsehung im ersten,640 alle anderen Werke Gottes jedoch im dritten Teil thematisiert werden. Schließlich bleibt noch festzuhalten, dass Stoff dargeboten wird, dessen Zusammenhang mit der soteriologisch-christologischen Ausrichtung nur schwer in Einklang zu bringen ist. Diese Stoffbehandlung ist damit zu erklären, dass die „Theologia“, wie andere Werke der lutherischen Orthodoxie auch, nach Vollständigkeit in der Lehrdarstellung strebten.641 Außerdem war der Glaube an Engel damals für lutherische Theologen selbstverständlich.642

Die pars secunda der „Theologia“ hingegen fügt sich passgenau in die analytische Methode ein. Die Verknüpfung zur pars prima geschieht in doppelter Weise. Einerseits geht es um das Subjekt, das zur Freude an Gott gebracht werden soll, andererseits kommt es mit der Schilderung des Sündenfalls zur heilsgeschichtlichen Fortsetzung der pars prima.

Mit der pars tertia ist der zweite Teil insofern verbunden, da die dort geschilderten Heilsmittel eine Fortsetzung der series historica bieten. ← 109 | 110 → Nachdem in der pars secunda der sündige Mensch beschrieben wird, liegt der Schwerpunkt im dritten Teil auf dem rechtfertigenden Gott. Innerhalb der pars secunda wird die Lehre von der Gottebenbildlichkeit, von der Sünde und vom freien Willen beschrieben.643 Auf der Sündenlehre liegt der Schwerpunkt.644 Zentral ist dabei die adamitische Sünde als allertiefste Verkehrung, die alle Kinder Adams betrifft; sie besteht sowohl aus der Erbsünde als auch den Tatsünden,645 die sich in verschiedene Arten unterscheiden lassen.646

Die pars tertia bildet die sachliche Mitte der gesamten „Theologia“. In ihr werden die Mittel dargestellt, mit denen der sündige Mensch zu Gott zurückgebracht wird. Da es aber nicht der Theologe ist, der den Menschen zum Heil bringt, sondern Gott selbst, müssen zunächst die Heilsprinzipien dargelegt werden.647 Diese sind das Wohlwollen des Vaters gegenüber den gefallenen Menschen, die brüderliche Erlösung durch Christus und die zueignende Gnade des Heiligen Geistes.648 Im Zentrum steht dabei die Lehre vom Erlöser und der Erlösung, um sie herum gruppieren sich die Lehre vom göttlichen Willen und die von der Zueignung des Heiligen Geistes. Ein Blick in die Theologiegeschichte zeigt, dass es auch durchaus andere Möglichkeiten der Bestimmung der Heilsprinzipien gegeben hätte. Georg Calixt (1586–1656) nennt nur zwei: Prädestination649 und Person sowie Werk Christi.650 Meist jedoch werden drei aufgeführt, so etwa bei Musaeus651 und Hollatz.652

← 110 | 111 → Bei der Beschreibung der Handlungen des Heiligen Geistes gibt es ebenfalls Unterschiede zwischen den lutherisch-orthodoxen Entwürfen. Waren es bei Musaeus nur die Wiedergeburt, Rechtfertigung und Erneuerung,653 so nennt die „Theologia“ Berufung, Wiedergeburt, Bekehrung, mystische Einheit der Glaubenden mit Gott und Erneuerung.654 Die Bekehrung bewirkt die Buße,655 die zur Rechtfertigung führt.656 Hollatz nennt neun Heilsstufen: Berufung, Erleuchtung, Bekehrung, Wiedergeburt, Rechtfertigung, mystische Einheit, Erneuerung, gläubiger und geheiligter Lebenswandel, Verherrlichung.657

Es gibt bei König Heilsmittel im engen und im weiteren Sinn.658 Jene wiederum sind zu unterscheiden in solche, in denen Gott das Heil gibt, nämlich Wort und Sakramente,659 und in den Glauben, der das empfangende Heilsmittel bildet.660 An die Lehre vom Glauben wird mit der Lehre von den guten Werken, vom Kreuz, vom Gebet, von den drei Ständen, von der Kirche und vom Antichristen im gegebenen Zusammenhang eher ungewohntes Material angehängt. Am Schluss der „Theologia“ stehen die Heilsmittel im weiteren Sinn: Der Tod, die Auferstehung der Toten, das Jüngste Gericht und die Weltvernichtung.661

Die einzelnen Lehrstücke bilden die mittlere Gliederungsebene. Meist werden sie durch Distinktionen aus dem Oberthema gewonnen.662 So lässt sich der Zweck der Theologie in einen objektiven und einen formalen aufteilen.663 Diese beiden Formen lassen sich dann weiter bestimmen.664 Es kann aber auch zu einer lockeren Aneinanderreihung von Einzelloci ← 111 | 112 → kommen, etwa in der Lehre von den empfangenden Heilsmitteln. Auf der untersten Ebene, der des Einzellocus, benutzt die „Theologia“ meist das onomatologisch-pragmatologische Schema. In der Gotteslehre, der Christologie und der Lehre von der Idiomenkommunikation verzichtet sie allerdings darauf. In der Onomatologie tritt die Frage nach Etymologie, Synonymie und Homonymie eines Wortes hervor.665 In der Pragmatologie werden die verschiedenen causae behandelt, wichtig sind dabei vor allem die causa efficiens, die causa formalis, die causa materialis und die causa finalis. Auch hier gilt, dass sich König in der „Theologia“ nicht pedantisch an ein vorgefertigtes Muster hält, sondern die einzelnen causae je nach dogmatischer Wichtigkeit unterschiedlich stark betont.666

1.2.Die Konvergenzmethode und das pneumatologische Schema

Die „Grundlegung“ und die „GlL“ wollen, wie die analytische Methode auch, die Rückführung des Menschen zu Gott beschreiben, dennoch verabschieden sie sich von dieser Methode. Diese Abwendung ist keinesfalls typisch für den gesamten Pietismus. So geht etwa Breithaupt in seinen „Institutionum theologicarum libri duo“ weiterhin in herkömmlicher Weise vor.667 Die Abkehr von der analytischen Methode durch Spener ist letztlich nicht zu begründen, möglicherweise ist sie mit Speners Abneigung gegenüber dem Schularistotelismus zu erklären.668 Die von Spener in der „GlL“ verwendete neue Methode, der sich Freylinghausen anschließt, ist bisher noch nicht erforscht worden. Kim belässt es bei dem Hinweis, dass die „GlL“ in zwei Teile zerfällt,669 und auch die Ausführungen bei Matthias Paul sind diesbezüglich eher kurz gehalten.670 Hervorgegangen ist das neue Verfahren der pietistischen Werke aus der ← 112 | 113 → „Sciagraphia doctrinae fidei“ (künftig: „Sciagraphia“)671 von Philipp Jakob Spener,672 die eine lateinische Zusammenfassung der „GlL“ ist und gleichzeitig im Nachhinein versucht, der „GlL“ eine Ordnung zu geben.673 Der dort enthaltene „Ordo Articulorum“ bildet die Vorlage für die Gliederung der „Grundlegung“.674 Allerdings finden sich im „Ordo Articulorum“ mit der Lehre vom göttlichen Strafgericht, von der Verdammnis, vom Ärgernis, von der Sabbatfeier, von der Anfechtung durch den Teufel und vom Antichristen675 Stücke, die in der „Grundlegung“ nicht vorkommen. Vorweg sei angemerkt, dass die Pietisten von Glaubensartikeln sprechen, wenn sie die einzelnen Lehrstücke meinen. Zudem gibt es in der „GlL“, da es sich um eine Predigtsammlung handelt, nicht so viele Aussagen zum Zusammenhang der einzelnen Lehren, wie dies in der „Grundlegung“ der Fall ist. Werden in der vorliegenden Arbeit Termini wie „vorher“, „nachher“, „darauf folgend“ etc. verwendet, so beziehen sie sich nicht auf die Perikopenordnung der „GlL“, sondern auf die Reihenfolge, wie sie in der „Ordo Articulorum“ und der „Grundlegung“ angegeben sind.

In der „GlL“ und der „Grundlegung“ lassen sich drei Gliederungsebenen voneinander unterscheiden. Auf der Ebene des Gesamttextes stehen sich Gotteslehre und Anthropologie direkt gegenüber. Vorhergehende Prolegomena, in denen die Erkenntnisprinzipien, das Theologieverständnis oder die Schriftlehre zu verhandeln gewesen wären, fehlen völlig.676 Die zweite Gliederungsebene bilden die Glaubensartikel.

Innerhalb der einzelnen Glaubensartikel der „Grundlegung“ bzw. der einzelnen „Lehrpunkte“ der „GlL“ als dritter Gliederungsebene kommt es zu einer strikten Dreiteilung in Lehre, Pflichten und Trost.677 Im Zusammenhang der Lehrdarstellung orientiert sich vor allem die „GlL“ ← 113 | 114 → noch an den causae des pragmatologischen Schemas.678 Aber auch in der „Grundlegung“ werden meist Urheber, Zweck, Form oder Mittel genannt.

Begründet wird die Zweiteilung der Dogmatik dadurch, dass alle Lehre, welche die Heilige Schrift zu erkennen und zu glauben dem Gläubigen vorhält, entweder zur Erkenntnis Gottes oder zu der des Menschen gehört.679 Der Schwerpunkt liegt, wie Matthias Paul für die „Grundlegung“ festgestellt hat, eindeutig auf der Lehre vom Menschen.680 Dies lässt sich durchaus auf die „GlL“ übertragen.

Die Leitlinie der analytischen Methode lautet: Gott ist der ewige Zweck der Theologie, zu dem der sündige Mensch aufgrund der Heilsprinzipien durch die Heilsmittel über verschiedene Heilsstufen zurückgeführt werden muss. Für Spener und Freylinghausen lässt sich formulieren: Die christliche Glaubenslehre handelt von Gott, dessen drei Personen das menschliche Heil ermöglichen, und vom Menschen in seinen vier Ständen, besonders aber von dem durch Christus erwirkten Gnadenstand.

Das Problem in der von Spener vorgeschlagenen Ordnung und Freylinghausens durchgeführter Methodik besteht darin, dass die Gotteslehre und die Anthropologie sich direkt gegenüber stehen, ohne dass ihre Beziehung deutlich geklärt wäre.681 Freylinghausen war sich dessen bewusst, lieferte er doch 1717 in den „Definitiones“ eine beide Gegenstände verbindende Bestimmung: „Die Theologie, oder Christliche Glaubens=Lehre, ist eine solche Lehre, die nicht nur zu erkennen giebet I. wer Gott sey […] sondern auch II. wie, oder durch was für Mittel, und in was für Ordnung der zuerst in Unschuld erschaffene, aber in Sünde und von Gott abgefallene Mensch wieder könne mit Gott vereinigt werden.“682

Hinweise auf die Verbindung von Gotteslehre und Anthropologie finden sich aber bei genauerer Betrachtung bereits in der „Grundlegung“ und in der „GlL“. So haben die Lehren von der Schöpfung,683 von der ← 114 | 115 → Vorsehung684 und von der Gnadenwahl685 direkte Konsequenzen für den Menschen. Gleiches gilt für die Christologie, da Jesus Christus den Gnadenstand bringt, und für die Pneumatologie, da von den Werken des Heiligen Geistes nur innerhalb der Anthropologie gesprochen werden kann.686 Der Bezug der Anthropologie zur Gotteslehre wird darin deutlich, dass der Mensch in die göttliche Ordnung von Buße und Bekehrung eintreten muss, weil er nur so in den Stand der durch Christus wiedergebrachten Gnade eintreten kann.687 Da die Gotteslehre und die Anthropologie auf verschiedene Weise zueinander in Beziehung stehen, bietet sich der Begriff „Konvergenzmethode“ an. Mit dem Begriff „Konvergenz“ wird ausgedrückt, dass zwei Dinge sich aufeinander zuneigen: Gott neigt sich dem Menschen zu, indem er diesem das Heil anbietet. Der Mensch soll sich aber auch Gott zuneigen, denn ohne die Bereitschaft, sich auf Gott einzulassen, kann er das Heil nicht erlangen. Dabei bleibt es aber so, dass sich Gott stärker dem Menschen zuwendet als umgekehrt.

Die Gotteslehre als erster Teil der pietistischen Dogmatiken besteht einerseits aus der allgemeinen Lehre von Gottes Wesen, Eigenschaften und Personen sowie andererseits aus Ausführungen über die drei Personen im Besonderen.688 Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Letzterem. Zur allgemeinen Lehre von Gott gehören die Ausführungen zur Gotteserkenntnis, zu den göttlichen Eigenschaften und zur Trinitätslehre. Dieser Beginn mit Gottes statischem Sein entspricht dem typischen Gliederungsschema in der älteren lutherischen Lehrbuchliteratur.689

Die Lehre von den drei Personen im Besonderen beschreibt das unterschiedliche Sein und Handeln von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Lehre vom Vater wiederum besteht aus der Schöpfung, der Vorsehung und der ewigen Gnadenwahl. Sie ist insofern mit dem Vorhergehenden ← 115 | 116 → verknüpft, als die Ausführungen über Gottes allgemeines Wesen dessen statisches Sein in den Mittelpunkt rückt und im Glaubensartikel über den Vater vor allem dessen dynamisches Handeln in Form seiner Werke entscheidende Bedeutung erlangt. Allerdings werden an dieser Stelle nicht alle göttlichen Werke behandelt. Die Weltvernichtung wird in der Anthropologie beschrieben und die Ausführungen zur Schöpfung bleiben unvollständig, weil Aussagen über Gottebenbildlichkeit und Sündenfall erst in der Lehre vom Menschen folgen. Dies führt – wie bei König auch – dazu, dass die Lehre von den Engeln innerhalb der Schöpfungslehre einen großen Stellenwert einnimmt. Die Verbindung der Angelologie zum Hauptthema, nämlich der Überführung des Menschen aus dem Sünden- in den Gnadenstand, bleibt eher lose.690 Die Lehre von der Vorsehung wird an das Grundthema insofern angebunden, als sich in ihr zeigt, dass Gott dem Menschen Gutes will.691 Die Vorsehung fehlt als eigenständiges Kapitel in der „GlL“. Durch die ewige Gnadenwahl wird ausgedrückt, dass Gott das Heil aller Menschen will und es denjenigen schenkt, die sich ihm zuwenden.692

Die „Grundlegung“ und die „GlL“ teilen die Christologie in die Behandlung der Person, der Ämter und der beiden Stände ein. Die Christologie hat höchste soteriologische Relevanz, weil an Jesus Christus der ganze christliche Glauben und die Seligkeit des Menschen hängen.693 In der Lehre vom Heiligen Geist werden dessen Person und Amt thematisiert. Die Darstellung seiner Werke findet sich allerdings erst in der Anthropologie.694

Im zweiten Teil der Dogmatik erfolgt die Beschreibung des Menschen nach vier Ständen: Unschuld, Sündenfall, Gnadenstand und künftige, ewige Herrlichkeit.695 Diese Unterteilung ist nicht neu, Quenstedt unterscheidet bereits den Menschen im Stand der Unversehrtheit, der Verderbnis, der ← 116 | 117 → Gnade, der Herrlichkeit und der Verdammnis.696 Der Aufriss der Anthropologie orientiert sich somit weniger an einem philosophischen Schema, sondern stärker an der Bibel. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem durch Christus erwirkten Gnadenstand, er bildet das Zentrum der Anthropologie, ja sogar der beiden Dogmatiken insgesamt.

Die drei anderen Stände des Menschen werden immer in Bezug zum Gnadenstand gesetzt. So dient die Lehre vom Ebenbild Gottes hauptsächlich dazu zu zeigen, wie der Mensch war.697 Aus diesen Ausführungen ergibt sich die Forderung, dass göttliche Ebenbild wiederherzustellen.698

Als Zweites folgt der Sündenstand, er ist mit dem ersten Stand insofern verbunden, als der Sündenfall den Verlust der göttlichen Ebenbildlichkeit bedeutet.699 Dabei wird die Sünde unterschieden in die Erbsünde und die wirkliche Sünde,700 welche wiederum unterschiedliche Formen annehmen kann.701 Sie ist mit der Lehre vom Gnadenstand verbunden, da Gott seinen Sohn geschickt hat, damit dieser die Sünde auf sich nimmt und so den Menschen mit Gott versöhnt.702 Zur Lehre vom Sündenfall gehört für die „GlL“ als Folge das Unvermögen des Menschen zum Guten, daraus ergeben sich Ausführungen zu dessen natürlichen Kräften, den göttlichen Strafgerichten, der Verstockung und der Verdammnis.703 In der „Grundlegung“ begegnet nur das Lehrstück von den Kräften des menschlichen Verstandes und Willens.704

In der Mitte der Lehre vom Menschen steht sowohl in der „Grundlegung“ als auch in der „GlL“ eindeutig der durch Christus gebrachte Gnadenstand. In ihr wird ein zentrales Lehrstück der Dogmatik, nämlich die ← 117 | 118 → Überführung des Menschen vom Stand der Sünde in den Stand der Herrlichkeit, behandelt. Der Gnadenstand umfasst die Lehren von den göttlichen Wohltaten, von den göttlichen Gnadenmitteln, von der göttlichen Ordnung an der Seite des Menschen und der Lehre von denjenigen, die der Gnade teilhaftig werden.705

Die göttlichen Wohltaten umfassen Berufung, Erleuchtung, Wiedergeburt, Rechtfertigung, geistliche Vereinigung mit Gott und die Erneuerung bzw. Heiligung. Zu den göttlichen Gnadenmitteln gehören erstens das Wort, welches in der Heiligen Schrift enthalten ist, in Gesetz und Evangelium geteilt wird und die Schlüssel des Himmelsreiches birgt, sowie zweitens die Sakramente der Taufe und des Abendmahls.706 Die Lehre von der göttlichen Ordnung an der Seite des Menschen besteht in der „Grundlegung“ aus den Glaubensartikeln von Buße und Bekehrung, Glauben, guten Werken, Kreuz und Gebet.707 In der „GlL“ bildet die Reue einen eigenen Glaubensartikel, außerdem befasst sich Spener mit der Vergeltung der guten Werke, mit der Sabbatfeier und den Anfechtungen durch den Teufel.708 Nicht nur die Lehre von den göttlichen Wohltaten und der göttlichen Ordnung werden, wie Matthias Paul für die „Grundlegung“ festgestellt hat,709 sehr eng miteinander verzahnt. Dieser enge Bezug zwischen göttlichen Wohltaten und göttlicher Ordnung wird auch an verschiedenen Stellen der „GlL“ deutlich.710

Aber auch das Verhältnis von göttlichen Wohltaten und göttlicher Ordnung zu den Gnadenmitteln ist sehr eng: So bewirken letztere die göttlichen Wohltaten,711 und bestimmte Elemente der göttlichen Ordnung hängen ← 118 | 119 → direkt von den Gnadenmitteln ab.712 Die Ekklesiologie und die Lehre von den drei Ständen – Prediger, weltliche Obrigkeit, Hausstand – bilden in der „GlL“ und der „Grundlegung“ den Abschluss der Ausführungen zum Gnadenstand.713 Sie sind insofern an die anderen drei Lehren angebunden, als sie die Menschen beschreiben, an denen die göttlichen Wohltaten sowie die Gnadenmittel gewirkt haben und die sich unter die göttliche Ordnung gestellt haben.714 Zudem befasst sich die „GlL“ mit dem Antichristen als Feind der Kirche.715

Den vierten Block innerhalb der Anthropologie der „Grundlegung“ und der „GlL“ bildet die künftige Herrlichkeit des Menschen. Er besteht aus der Beschreibung der vorhergehenden Dinge, nämlich Tod, Auferstehung, künftiges Gericht und Ende der Welt sowie ewiges Leben.716 Die strukturelle Trennung von Weg und Ziel, wie sie in der „Theologia“ stattfand, wird somit wieder aufgehoben.717

Die vorhergehenden Dinge zielen in der „Grundlegung“ immer auf die Lehre vom ewigen Leben,718 während sie sich in der „GlL“ sowohl auf dieses als auch auf die ewige Verdammnis beziehen können.719 Die Lehre vom ewigen Leben als sachliche Mitte des vierten Standes wird mit dem Stand der Sünde und dem Gnadenstand substanziell verbunden. Jesus Christus bringt denjenigen, der die göttlichen Wohltaten an sich ergehen lässt, die Gnadenmittel gebraucht und sich in göttliche Ordnung begibt, vom Sündenstand in den Gnadenstand.720

Die zweite Gliederungsebene der „Grundlegung“ und der „GlL“ ist die der einzelnen Glaubensartikel. Diese werden entweder als Distinktionen aus Oberthemen abgeleitet oder eher linear und locker aneinandergereiht. ← 119 | 120 → Als distinktionshaftes Vorgehen können die Ausführungen zu Gott gelten. Sie bestehen aus der Lehre von seinem Wesen insgemein und der von den drei Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist.721 Die Lehre vom Sohn besteht wiederum aus den Ausführungen über Person, Amt und Stände.722 Dabei kommt es nicht immer nur zu Zweier-Distinktionen, im Fall der göttlichen Wohltaten können sogar aus einem Oberthema sechs Unterthemen formuliert werden. Als Beispiel für die lineare, lockere Aneinanderreihung bietet sich die Lehre von der künftigen Herrlichkeit an, da Tod, Auferstehung und Jüngstes Gericht zum ewigen Leben führen.723

Innerhalb der jeweiligen Glaubensartikel als dritter Gliederungsebene ist eine Dreiteilung in einen Lehr-, Pflicht- und Trostabschnitt zu bemerken. Auch für die Dreiteilung gibt es bisher keinen Begriff in der Forschung. Matthias Paul hat die These aufgestellt, dass die durchgehaltene Dreiteilung eines jeden Artikels auf der Predigt Speners über das Amt des Heiligen Geistes fußt.724 Deshalb bietet sich der Begriff „pneumatologisches Schema“ an. Nach Spener hat der Heilige Geist das Straf-, Lehr-, Vermahnungs- und Trostamt inne.725 Das Strafamt spielt für die Gliederung keine Rolle.726 Das Lehramt des Heiligen Geistes gibt den Gläubigen durch das Wort zu erkennen, was sie glauben und wie sie leben sollen.727 Der Lehrteil innerhalb der jeweiligen Glaubensartikel übernimmt genau diese Funktion. Seine Legitimationsquelle ist meist die Bibel. So wie das Lehramt auf die Glaubenserweckung zielt,728 tun dies auch die Dogmatiken. Das Vermahnamt des Heiligen Geistes hat seinen Zweck darin, die Menschen auf den rechten Weg zu bringen und zur Heiligung anzuspornen.729 Diese Funktionen übernehmen in den beiden pietistischen Werken die Pflichten. In den Pflichtabschnitten tritt die Forderung nach einem neuen, heiligen ← 120 | 121 → Leben und die Ablegung des alten Menschen entscheidend hervor. Besteht der Zweck des Trostamtes des Heiligen Geistes darin, die Seele zu beruhigen, Frieden und Ruhe zu stiften und einen Vorgeschmack auf das ewige Leben zu geben,730 so übernimmt diese Funktion der Trostteil in der „GlL“ und der „Grundlegung“.

Weder Spener noch Freylinghausen arbeiten bei ihrer Formulierung von Lehre, Pflicht und Trost immer exakt nach einem Schema. Dies macht Spener in seiner Vorrede selbst deutlich, allerdings versucht er, in der Lehre die von der analytischen Methode eingebrachten causae zu behandeln.731 Das Verhältnis von Lehre, Pflicht und Trost unterscheidet sich je nach Glaubensartikel, allerdings ist der Lehrteil immer am umfangreichsten. Der Trostteil hingegen kann teilweise sehr kurz ausfallen, an seinem Ende steht in den meisten Fällen ein eschatologischer Trost.

Die Konvergenzmethode hat keine besondere Wirkungsgeschichte erlebt. Weder Lange noch Breithaupt haben sie in ihren Werken aufgegriffen, nur bei Siegmund Jakob Baumgarten ist sie zu finden. Die Idee, innerhalb der Dogmatik an die Lehre Pflichten und Trost anzuhängen (pneumatologisches Schema), wurde ebenfalls nicht von allen pietistischen Dogmatiken aufgegriffen. So fehlt es bei Breithaupt und Lange. Verwendung findet es abermals bei Siegmund Jakob Baumgarten, allerdings stehen die Pflichten und der Trost hier deutlich im Schatten der Lehre, mehr, als dies bei Spener und Freylinghausen der Fall ist.

1.3.Methodenvergleich

1.3.1.Gemeinsamkeiten

Ausgangsbasis aller genannten Methoden sind die dogmatischen Lehrstücke in der Tradition Melanchthons. Aus dieser Grundlage werden einzelne Lehrstücke aufgenommen werden. Die überwiegende Mehrheit der Lehrstücke finden sich aber bei allen vier Dogmatiken. Die Loci-Methode formuliert das Heil des Menschen als zentrales Anliegen der Theologie, hieran gingen König, Spener und Freylinghausen nicht vorbei. Außerdem erklärte Gerhard die Bibel zur einzig legitimen Quelle für dogmatische Aussagen. ← 121 | 122 → Was ihrer Prüfung nicht standhält, ist zu verwerfen.732 Sowohl Gerhard, König, Spener als auch Freylinghausen teilen diese Hochschätzung der Heiligen Schrift. Alle vier Entwürfe greifen mehr oder weniger stark auf das von Gerhard etablierte onomatologisch-pragmatologische Schema zurück, bei den beiden pietistischen Entwürfe fehlt allerdings meistens die Onomatologie und in der „Grundlegung“ findet kein solch expliziter Bezug zu den einzelnen causae statt, wie dies noch in der „GlL“ der Fall war. Aus den jeweiligen Oberbegriffen entwickeln sowohl die „Theologia“ als auch die beiden pietistischen Werke oft anhand von Distinktionen ihre einzelnen Lehrstücke. Die Oberbegriffe werden in der „Theologia“ und den beiden pietistischen Werken unterschiedlich benannt, je nachdem werden ihnen auch verschiedene Lehrstücke zugeordnet. Darauf wird im Folgenden noch einzugehen sein.

1.3.2.Soteriologische Gliederung: Von der Loci-Methode zur analytischen Methode

Die Loci-Methode kannte noch kein übergeordnetes Lehrsystem. Dies wurde erst durch die analytische Methode eingeführt. Ausgehend vom Zweck der Theologie (Gott), werden ihr Ausgangspunkt (sündiger Mensch) und im Hauptteil die Mittel, um diesen Zweck zu erreichen, beschrieben.733 Damit wird eine eindeutige soteriologische Gliederung vorgenommen. Hierbei kommt es auch zu Umgewichtungen: Trinitätslehre, Schöpfungslehre und Hamartiologie werden deutlich kürzer behandelt und unmissverständlich der Soteriologie untergeordnet. Im Vergleich zur Loci-Methode wird die Christologie gestärkt. Emil Weber hat dies als allgemeines Kennzeichen der Entwicklung von der Loci- zur analytischen Methode bezeichnet.734 Die Christologie ist nun das zweite Heilsprinzip und erhält somit eine klare Beziehung zur Soteriologie. Durch die analytische Methode erfolgt die Einordnung der Theologie in die praktischen Wissenschaften, eine Idee, die bereits Gerhard hatte und auch im Pietismus common sense bleiben wird. Gerhards Werk zeugt schon von einer gewissen Nähe zur analytischen Methode, da es ihr im Aufbau seiner Loci ← 122 | 123 → sehr ähnelt. So beginnt Gerhard auch sehr früh mit der Lehre von Gott, hängt dann die Sündenlehre an und kommt schließlich zu dem, was man als Heilsmittel bezeichnen kann. König verwendet bereits die analytische Methode in ihrer ausgereiften Form. Bei ihm hat der dritte Teil (Heilsprinzipien, Heilsstufen, Heilsmittel) die dominierende Rolle innerhalb der Dogmatik eingenommen; die Hamartiologie und Gotteslehre nehmen nicht mehr einen gleichen Umfang ein. Durch die analytische Methode wurde auch das Rechtfertigungsgeschehen in verschiedene Elemente zerlegt, die in der „Theologia“ unter den Handlungen der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes beschrieben werden. Diese Ausdifferenzierung der Rechtfertigung findet sich bei den Pietisten in der Lehre von den göttlichen Wohltaten wieder.

1.3.3.Anthropologische Zuspitzung durch die Konvergenzmethode und das pneumatologische Schema

Wurde die Entwicklung von der Loci-Methode zur analytischen Methode beschrieben, sollen beide nun ins Verhältnis zu den beiden pietistischen Entwürfen gesetzt werden. Die Beziehung zwischen rechtfertigendem Gott und sündigem Mensch bleibt das durchgängige Grundschema. Ebenso ist die Soteriologie, wie bereits in der „Theologia“, ein wichtiges Gliederungsmerkmal in der „Grundlegung“ und der „GlL“. Der Ablauf der analytischen Methode findet sich in gewisser Weise innerhalb der Anthropologie Speners und Freylinghausens wieder. Stellt die „Theologia“ zu Beginn ihrer Dogmatik den höchsten Zweck des Menschen vor Augen, nämlich das ewige Leben,735 so nimmt die Anthropologie Speners und Freylinghausens ihren Ausgangspunkt in der Gottebenbildlichkeit, deren Wiedererlangung wiederum das Ziel des Menschen sein soll. Als zweiter Teil der Dogmatik folgt in der „Theologia“ der Sündenfall, genauso wie der zweite Stand in den beiden pietistischen Werken der Sündenstand ist. In der pars tertia nennt die „Theologia“ die Heilsprinzipien und die Heilsmittel, mit denen Gott und das ewige Leben erreicht werden können. Im dritten Stand der Anthropologie werden ebenfalls die Mittel beschrieben, durch die der Mensch zu Gott zurückkommen kann.

← 123 | 124 → In den beiden pietistischen Werken kommt es zu einer anthropologischen Zuspitzung, die sich sechsfach äußert:

1. Gegenüber der analytischen Methode der „Theologia“ wird die Gotteslehre in der „Grundlegung“ und der „GlL“ deutlich gestärkt. Die bei König so genannten drei Heilsprinzipien gehen vollständig in die Gotteslehre über und bilden dort etwa die Hälfte des Stoffumfangs. War in der „Theologia“ die Lehre vom Menschen über alle drei Teile verteilt (Schöpfung des Menschen in der pars prima, Gottebenbildlichkeit und Verlust des Heils in der pars secunda, Tod, Glaube etc. in der pars tertia), so stehen diese nun in der Konvergenzmethode – bis auf die Schöpfung des Menschen – gemeinsam in der Anthropologie. Die pars secunda der analytischen Methode wandert dabei komplett in die Anthropologie. Die Auflösung der Sündenlehre als eigenem Teil innerhalb der Dogmatik lässt sich so begründen, dass Spener und vor allem Freylinghausen kein sehr großes Interesse an den verschiedenen Unterformen der Sünde haben, wie sie sich in den „Loci“ und den „Theologia“ finden lassen. Die Sündenlehre besitzt keinen eigenen Wert mehr, sondern wird lediglich für die Darstellung des tiefen Falls und der damit verbundenen Auflösung der Gottesbeziehung benötigt.

2. Gab es in den „Loci“ und der „Theologia“ noch keinen Locus oder größeren Abschnitt, der Anthropologie heißt, so bildet sie in den beiden pietistischen Werken das entscheidende Element der Dogmatik. Ihr wird etwa die Hälfte des dogmatischen Stoffs zugeordnet. Die gesamten pars secunda und tertia der „Theologia“ gehören in beiden pietistischen Werken zur Anthropologie. Übertragen auf die „Loci“ wird in der Lehre vom Menschen der „GlL“ und der „Grundlegung“ der Stoff der Bände 2 bis 9 bzw. die Loci 12 bis 31 behandelt.

3. Die anthropologische Zuspitzung wird nicht zuletzt darin deutlich, dass es zur Formulierung von Pflichten und Trost kommt, die aus der jeweiligen Lehre zu ziehen sind. Einen usus practicus anzuführen, der tröstend oder ermahnend sein kann, war in der lutherischen Orthodoxie durchaus bekannt, meist in erbaulichen Schriften, aber, wie gezeigt, auch in den „Loci“ oder als Strukturelement der Predigt. Neu ist, dass Pflichten und Trost in der „GlL“ und der „Grundlegung“ zu einem Strukturmerkmal der Dogmatik werden. Durchgängig kommt es zu ihrer Berücksichtigung, während in den „Loci“ ein deutlich freierer Umgang gepflegt wird. ← 124 | 125 → Dogmatik ist für Spener und Freylinghausen nur im lebenspraktischen Vollzug denkbar.

4. Der dogmatische Stoff wird in den beiden pietistischen Werken darauf reduziert, was für das Heil wichtig ist. Dies betrifft die Sündenlehre, die besonders in der „Grundlegung“ nicht mehr den Stellenwert einnimmt wie in der „Theologia“ oder den „Loci“. Sie dient lediglich dazu, den Grund des menschlichen Falls anzuzeigen. Ebenfalls werden die Sakramente des Alten Testamentes in den beiden pietistischen Entwürfen nur sehr am Rande behandelt. Vollständig entfallen die Prolegomena, in der die Frage nach dem Theologieverständnis zu behandeln gewesen wäre. Dieses Fehlen wird etwas dadurch ausgeglichen, dass im Rahmen der Lehre von Gott sehr kurz die Gotteserkenntnis gestreift wird und in der Vorrede der „Grundlegung“ durchscheint, was Freylinghausen unter Theologie versteht. Diese Reduktion des dogmatischen Stoffes auf das Heilsrelevante geschieht aber auch nicht vollständig. So findet sich in der „GlL“ noch eine im Vergleich mit der „Grundlegung“ stärker ausgebaute Sündenlehre. Zudem spielt die Frage nach dem Sabbat eine Rolle, und es wird der Weg des Menschen beschrieben, der sich nicht zu Gott bekennt.

5. Gegenüber den „Loci“ und der „Theologia“ kommt es aber nicht nur zu einer Stoffreduzierung, vielmehr werden auch zwei neue Lehrstücke eingefügt. Beide haben unmittelbar mit dem Menschen und seinem Heil zu tun. In der Lehre vom vierfachen Amt des Heiligen Geistes steht die Frage im Mittelpunkt, wie der Heilige Geist den Einzelnen leitet. Nur wer sich den Ämtern des Heiligen Geistes, besonders dem Strafamt unterwirft, kann das Heil erhalten. In der Lehre von den Schlüsseln des Himmelsreiches geht es darum, den Menschen entweder den Himmel auf- oder zuzuschließen. Somit haben diese Ausführungen hohe soteriologische Relevanz.

6. In beiden pietistischen Werken kommt es zwar nicht zu einer Vorstellung eines Synergismus zwischen Gott und Mensch, doch wird betont, dass es eine Ordnung von der Seite des Menschen gibt, in die sich dieser begeben muss, damit das Heil möglich werden kann. Die Buß- und Heiligungsforderung bildet ein Strukturelement der pietistischen Dogmatiken. Die Buße spielt auch in der „Theologia“ und den „Loci“ eine Rolle, wird dort aber nicht so oft betont wie bei Spener und Freylinghausen.

← 125 | 126 → 1.3.4.Stellung der Buße

Die Buße hat in den „Loci“, der „Theologia“ und den beiden pietistischen Werken jeweils einen anderen Platz im Gesamtkonzept. In den „Loci“ steht sie direkt vor dem Locus „Rechtfertigung durch den Glauben“. Begründet wird dies damit, dass in der Buße der Mensch sein Sündersein erkennt, darüber Leid empfindet und durch den Glauben an Christus wieder aufgerichtet wird. Dieser bußfertige Mensch wird dann gerechtfertigt. Möglich war diese Abfolge in den „Loci“ deshalb, weil diese noch kein übergeordnetes Gliederungsschema kannten, in das die einzelnen Lehrstücke einsortiert werden mussten. In der „Theologia“ wird die Buße als unmittelbare Wirkung der Bekehrung innerhalb der Lehre von der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes beschrieben. Was dies bedeutet, soll an anderer Stelle der vorliegenden Arbeit thematisiert werden (D 6.3.2), hier soll es nur um ihre Stellung gehen. Unmittelbare Wirkung der Buße ist die Rechtfertigung des sündigen Menschen vor Gott. Den Glauben hingegen behandelt König innerhalb der empfangenden Mittel und somit äußerlich deutlich von der Rechtfertigungs- und Versöhnungslehre, zu der die Buße gehört, getrennt. In der hier untersuchten pietistischen Sicht gehören Glaube wie Buße zur „göttlichen Ordnung an Seiten des Menschen“ bzw. „unserer Ordnung“. Sie werden wiederum äußerlich deutlich von der Rechtfertigungslehre getrennt. Beide Einordnungsvarianten haben Vor- und Nachteile. Durch die von der „Theologia“ vorgenommene Stellung wird ersichtlich, dass die Buße zwar ein Handeln des Menschen darstellt, sie aber nur Antwort auf das göttliche Heilsgeschehen der Bekehrung ist. Der Nachteil der Trennung des Glaubens von der Rechtfertigung und der Buße ist darin zu sehen, dass der Glaube nur als Instrument zur Erfassung der Gerechtigkeit Christi und nicht auch als Realisierung des Rechtfertigungsgeschehens verstanden wird.736 In der von Spener und Freylinghausen vorgenommenen Einordnung stehen Buße und Glaube direkt nebeneinander, somit wird ihr Zusammenhang sofort klar. Problematisch ist diese Einordnung, als nun die Rechtfertigung äußerlich weit von Buße und Glaube entfernt steht. Buße, Glaube, gute Werke und Gebet werden als eine Ordnung beschrieben, in die der Menschen einzutreten hat. Dies kann leicht zu dem Missverständnis führen, dass Buße, Glaube, ← 126 | 127 → gute Werke und Gebet vor allem Werke des Menschen seien. Dies ist freilich nicht die Intention der zwei Pietisten, betonen doch beide, dass die Buße ein Werk Gottes ist, das der Mensch von sich allein aus nie bewerkstelligen kann.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Darstellung Gerhards am unproblematischsten ist, da hier bereits im Aufbau der enge Zusammenhang zwischen Buße, Rechtfertigung und Glaube deutlich wird. Diesen können die anderen drei Dogmatiken aufgrund ihres deutlich komplexeren Aufbaus so direkt nicht herstellen.

2.Systematische Neuordnung der Begriffe

Wie nicht anders zu erwarten, befassen sich die genannten Werke der lutherischen Orthodoxie und des Pietismus mit zentralen theologischen Themen wie Christologie, Gnade, Rechtfertigung, Glaube, Buße, Wort Gottes, Kirche, den letzten Dinge u. a. Das geschieht in einer durchweg sehr differenzierten und auf den ersten Blick nicht ohne weiteres vergleichbaren Ausdrucksweise. Um jedoch fokussierte Perspektiven herstellen zu können, ist es notwendig, hermeneutische Zugänge zu finden, die Gemeinsamkeiten dogmatisch erschließen, gleichzeitig aber auch die bestehenden Unterschiede kenntlich machen. Dies lässt es geboten erscheinen, neue Begriffe sowohl in Quellennähe als auch in Nähe zu heutigen dogmatischen Bezeichnungen auf einer vermittelnden Position zwischen beiden einzurichten. Sie sollen dabei möglichst alle in Bezug zum Heil des Menschen stehen, da dies das dogmatische Hauptanliegen der genannten Werke der lutherischen Orthodoxie und des Pietismus bildet. Dies führt zur Vorstellung von vier Beobachtungsfeldern. Zunächst stellt sich die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen das Heil stattfindet, daher der Begriff Heilsrahmen. Dann soll es darum gehen, wie sich das Heil im Menschen realisiert, dies geschieht durch die Beschreibung des Weges zum gerechtfertigten Sünder, die Heilsmittel und die Wirklichkeit Gottes im Menschen. Das dritte Beobachtungsfeld beschreibt die Gemeinschaft der Subjekte, bei denen das Heil Wirklichkeit geworden ist (Ekklesiologie), worauf in einem vierten die Frage beantwortet wird, wie die Zukunft dieser Subjekte aussieht (Eschatologie).

Ein Vergleich der „Theologia“ mit den beiden pietistischen Werken zeigt, dass sie dieselben Lehrstücke zu übergeordneten Gruppen, jedoch mit unterschiedlichen Bezeichnungen zusammenziehen. Die „Loci“ hingegen verzichten meist auf solche Kategorisierungen.

← 127 | 128 → Unter Heilsrahmen sind in der vorliegenden Arbeit die göttliche Gnadenwahl, die Christologie und der Heilige Geist zu verstehen, denn nur sie wirken das Heil für den Menschen. Die „Theologia“ benutzt dazu den Ausdruck Heilsprinzipien,737 während die „Loci“ und die beiden pietistischen Werke keinen Oberbegriff kennen. Die Übernahme der Bezeichnung Heilsprinzipien ist insofern schwierig, als die „Theologia“ hierzu auch die Handlungen des Heiligen Geistes, wie sie sich in Berufung, Wiedergeburt, Bekehrung, mystische Einheit der Glaubenden mit Gott und Erneuerung ausdrücken, zählen.738 Da diese aber nur in der „Theologia“, nicht aber in den „Loci“ und den beiden pietistischen Werken in die Pneumatologie integriert sind, sollen sie separat von der Person des Heiligen Geist behandelt werden. Statt von göttlicher Gnadenwahl spricht die „Theologia“ von göttlichem Wohlwollen.739 Die „Loci“ kennen keinen Oberbegriff, und die beiden pietistischen Werke verwenden den Begriff der ewigen Gnadenwahl.740 Dogmatisch gesehen geht es darum, was z. B. Wilfried Joest als Gnadenwahl bezeichnet hat.741

Unter „Der Weg zum gerechtfertigten Sünder“ sind in der vorliegenden Arbeit die Gerhardschen Loci Buße und Rechtfertigung allein aus dem Glauben, die Handlungen der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes der „Theologia“ sowie die göttlichen Wohltaten in den beiden pietistischen Werken zu verstehen. Denn in ihnen wird jeweils beschrieben, wie der sündige Mensch von Gott zum gerechtfertigten Sünder gemacht wird. Die „Theologia“, die „Grundlegung“ und die „GlL“ unterscheiden sich wiederum von den „Loci“. Die „Loci“ haben im Gegensatz zu den anderen drei Dogmatiken keine geschlossene dogmatische Behandlung zur Berufung, Erleuchtung, Wiedergeburt u. a. Erwähnen die „Loci“ die Berufung (vocatio), so geschieht dies hauptsächlich im Rahmen der Lehre vom kirchlichem Amt.742 ← 128 | 129 → Freilich ist die Berufung zum kirchlichen Amt etwas anderes als die Berufung zum Christsein. Die Erleuchtung (illuminatio) begegnet lediglich an zwei Stellen in den „Loci“.743 Die Wiedergeburt (regeneratio) spielt vor allem im Zusammenhang mit der Taufe eine Rolle,744 allerdings nur auf sehr wenigen Seiten. Die Bekehrung (conversio) wird an verschiedenen Stellen behandelt, schwerpunktmäßig im Zusammenhang mit Buße und freiem Willen.745 Der unio-Gedanke tritt vor allem in der Christologie bedeutend hervor.746 Die Heiligung (renovatio) wird im Rahmen der Tauflehre auf wenigen Seiten dargestellt.747 Wie umfangreich es wäre, aus den „Loci“ eine geschlossene Abhandlung dieser einzelnen Lehren zu entwickeln, lässt sich daraus ersehen, dass Martti Vaahtoranta allein der Fragestellung der Vereinigung von Gott und Mensch eine eigene umfängliche Arbeit widmet.748 Die „Loci“ kennen damit zwar die verschiedenen Begriffe, diese werden aber nicht systematisiert dargestellt, wie dies in der „Theologia“, der „GlL“ oder der „Grundlegung“ der Fall ist. Diese ausdifferenzierte Darstellungsweise der letztgenannten drei Dogmatiken geht theologiegeschichtlich auf die Kritik an einer rein forensischen Rechtfertigungslehre zurück.749 So ist zu fragen, ob sich diese verschiedenen Lehrstücke unter einen gemeinsamen Oberbegriff stellen lassen. In der „Theologia“ bilden Berufung, Wiedergeburt, Bekehrung mit ihren Elementen Buße und Rechtfertigung, mystische Einheit der Glaubenden mit Gott und Erneuerung die Handlungen der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes.750 Die beiden pietistischen Werke erfassen Gnadenruf, Erleuchtung, Wiedergeburt, Rechtfertigung, geistliche ← 129 | 130 → Vereinigung mit Gott und Heiligung als göttliche Wohltaten.751 Dafür käme gewiss, nach Einsichtnahme in die theologischen Standardlexika, auch der Begriff ordo salutis in Frage. Zu ihm gehören erstens verschiedene Stufen, die das Werden des neuen Menschen in eine Sukzession von Einzelschritten zerlegen.752 Diese sind oft Berufung, Bekehrung, Rechtfertigung, Erneuerung, unio mystica und Heiligung, können jedoch auch erweitert werden;753 die genannten finden alle zu einem Zeitpunkt statt.754 Es besteht zweitens eine Verbindung zwischen dem ordo salutis und dem Lehrstück von der gratia spiritus sancti applicatrice (zueignende Gnade des Heiligen Geistes).755 Der Urheber des ordo salutis ist drittens nicht der Mensch, sondern Gott ← 130 | 131 → allein.756 Diese drei Punkte treffen auf den ersten Blick für die „Theologia“ zu, der erste und dritte Punkt auch für die beiden pietistischen Werke.

Markus Matthias hat allerdings in seinem Aufsatz auf die Schwierigkeit des Terminus ordo salutis hingewiesen. So wird anhand der lexikalischen Definitionen nicht deutlich, ob es sich beim ordo salutis um eine rein methodisch begründete Ordnung oder eine logische Reihenfolge handelt.757 Außerdem wird unter ordo salutis zur Zeit Königs eine religiöse Praxis bezeichnet, wobei eine Verbindung mit der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes nicht stattfindet, die deutlich späteren Datums ist.758 Schwierigkeiten entstehen auch bei der Übersetzung ins Deutsche, käme doch hier nur der Begriff „Heilsordnung“ in Frage, der aber im Pietismus insofern schon besetzt ist, als er das bezeichnet, was jedem aus der christlichen Lehre zu seinem Heil zu wissen nötig ist. Heilsordnung umfasst dabei auch die Heilsmittel,759 inhaltlich geht dies also deutlich über die Lehrstücke von Berufung, Wiedergeburt, Rechtfertigung etc. hinaus. Der Begriff ordo salutis ist mithin denkbar ungeeignet, nicht zuletzt deshalb, weil er weder in der „Theologia“ noch in der „Grundlegung“ oder der „GlL“ verwendet wird. Nun ließe sich fragen, warum nicht „zueignende Gnade des Heiligen Geistes“, wie ihn die „Theologia“ für die einzelnen Elemente benutzt, verwendet wird. Für die „GlL“ könnte man bei diesem Begriff bleiben, da hinsichtlich der Berufung,760 der Erleuchtung,761 der Wiedergeburt,762 der geistlichen Vereinigung763 und der Heiligung764 dem Heiligen Geist eine besondere Rolle zugeschrieben wird. Die von Wallmann in sonstigen Fällen sicherlich zutreffende These, dass Spener sich von dem Lehrstück einer zueignenden Gnade des Heiligen Geistes abwendet,765 trifft für den speziellen ← 131 | 132 → Fall der „GlL“ eher nicht zu. Für Freylinghausens „Grundlegung“ ist die Verwendung „zueignende Gnade des Heiligen Geistes“ dagegen schwierig, denn in der „Grundlegung“ werden nur die Berufung, die Wiedergeburt und die Heiligung besonders dem Heiligen Geist zugeordnet.766 Ob die Erleuchtung bei Freylinghausen besonders dem Heiligen Geist zuzuordnen ist, lässt sich nicht klären. Gelegentlich wird dies bejaht,767 andererseits findet sich in dem besonderen Lehrartikel zur Erleuchtung eine gleichberechtigte Zuordnung auf alle drei trinitarischen Personen.768

Ein Ausweg kann es nur sein, einen neuen theologischen Begriff zu etablieren. Dazu ist es zunächst nötig zu rekapitulieren, was dogmatisch in der Lehre von der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes („Theologia“) bzw. den göttlichen Wohltaten („Grundlegung“ und „GlL“) im Vordergrund steht. Es handelt sich erstens um den Ausdruck einer Gnade. In der „Theologia“ wird dies darin deutlich, dass sie von der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes spricht.769 Dass es sich um eine Gnade handelt, wird in der „Grundlegung“ und der „GlL“ darin deutlich, dass alle göttlichen Wohltaten (Gnadenberuf, Gnadenerleuchtung, Wiedergeburt, Rechtfertigung, geistliche Vereinigung und Heiligung) dem einen von Christus gebrachten Gnadenstand zugerechnet werden.770 So ist weiter zu fragen, wie sich die einzelnen Elemente zueinander verhalten.

Für die „Theologia“ lässt sich Folgendes formulieren: Gott offenbart im Wort seinen gütigen Willen gegenüber dem Menschen (Berufung), dadurch wird dieser in Verstand und Wille (Wiedergeburt) verändert, in der Bekehrung wird der Wiedergeborene von Gott individuell angesprochen, wenn er sich durch diese Ansprache von Gott zur Buße führen lässt und diese übt, so wird er von Gott gerechtfertigt. In diesem bußfertigen und gerechtfertigten Menschen wohnt Gott ein und wirkt in ihm die Heiligung. Die Leitlinie in den beiden pietistischen Werken lautet: Gott ruft durch sein Wort alle Menschen (Berufung), wenn der Mensch die von Gott ← 132 | 133 → gewirkte Buße an sich wirken lässt. So wird sein Verstand (Gnadenerleuchtung) und sein Wille (Wiedergeburt) verändert, was zur Rechtfertigung führt. In dem bußfertigen und gerechtfertigten Menschen wohnt Gott ein und schenkt ihm dadurch die Kräfte zur Heiligung, die er dann nutzen soll. Anhand dieser Definitionen wird deutlich, dass es einerseits einzelne, unterscheidbare göttliche Wohltaten bzw. Handlungen sind, die andererseits aber alle zusammengehören. Dass es unterscheidbare Handlungen sind, erhellt die „Theologia“ durch die Formulierungen, dass sie die Elemente als verschiedene Handlungen bezeichnet,771 dass Bekehrung nicht mit dem Begriff Wiedergeburt deckungsgleich ist,772 dass sich manche,773 aber nicht alle Elemente774 über eine gewisse Zeit erstrecken und dass der sündige Mensch bei der Buße aktiv handelt,775 während er in allen anderen Elementen passiv ist.776 Die Zusammengehörigkeit solcher Elemente wird darin deutlich, dass synonym für Bekehrung der Begriff „Wiedergeburt“ verwendet werden kann,777 da Bekehrung und Wiedergeburt die Überführung des Menschen in den Stand des Glaubens zum Ziel haben.778 Matthias Paul formuliert dementsprechend für die „Grundlegung“ in seiner Werkeinleitung, dass die einzelnen Elemente zwar unterschieden werden, aber sachlich als gleichzeitiges Geschehen anzusehen sind.779 Die Unterschiedenheit wird in der „GlL“ darin deutlich, dass Heiligung und Rechtfertigung nicht vermischt werden dürfen.780 Zudem kommt es zur Ausdifferenzierung in verschiedene göttliche Wohltaten.781 Ihre Zusammengehörigkeit wird darin deutlich, dass Spener ein Beziehungsgeflecht von Begriffen bildet. Die Heiligung steht in engem Bezug zur Rechtfertigung, Berufung, Erleuchtung und Wiedergeburt.782 Letztere wiederum steht in einem deutlichen ← 133 | 134 → Zusammenhang mit der Glaubensentzündung, der Rechtfertigung und der Kindschaft Gottes.783

Das Zwischenfazit lautet: Bei allen drei theologischen Entwürfen werden die Elemente der einen Gnade zwar voneinander unterschieden, sie gehören aber zusammen. Dadurch rückt die Frage nach der zeitlichen Reihenfolge der einzelnen Elemente eher in den Hintergrund. Logisch gesehen muss zuerst die Berufung stattfinden, setzt sie doch den gesamten Prozess erst in Gang. Dann muss es zur Glaubensschaffung durch Gott vor der Rechtfertigung kommen, da ohne den Glauben kein Mensch gerechtfertigt wird. Ebenso ist es zwangsläufig, die Einheit mit Gott und die Heiligung nach der Rechtfertigung anzusetzen, da Gott nur im gerechtfertigten Menschen einwohnt und dieser dadurch erst die Kraft zur Heiligung erfährt. Datierbar sind diese einzelnen Gnadenelemente jedoch nicht, da sie eben zusammengehören. Außerdem handelt es sich bei der Wiedergeburt und der Heiligung um einen lebenslangen Prozess,784 der nicht mit einem festlegbaren Datum verbunden ist. Zusätzlich nennen die „Theologia“ und die „Grundlegung“ die Einheit mit Gott,785 die „Theologia“ fügt die Bekehrung786, die „GlL“ und die „Grundlegung“ die göttliche Gnadenerleuchtung787 als lebenslange Prozesse hinzu. Daher ist es nur folgerichtig, den Begriff „Gnadenelemente“788 zu verwenden, da hierdurch deutlich wird, dass alle Elemente den einen Gnadenakt Gottes darstellen. Die verschiedenen Gnadenelemente beschreiben die Umgestaltung des Menschen zurück zum göttlichen Ebenbild. Dieser Vorgang erstreckt sich über eine gewisse Zeit. Eine empirische Datierbarkeit bleibt unmöglich. Innerhalb dieser Umgestaltung des Menschen können einzelne Elemente eine größere Rolle ← 134 | 135 → spielen, wie etwa die Bekehrung in der „Theologia“ oder die Wiedergeburt in Speners „GlL“.

Durch die Einführung des Begriffs „Gnadenelemente“ fällt auch ein anderes Licht auf die in der Einleitung der Arbeit beschriebene Debatte um das Zentrum der Theologie Speners, die meist ohne Berücksichtung der „GlL“ verlief. Wenden wir uns also der Sachlage in der „GlL“ zu. Einerseits nimmt die Wiedergeburt darin eine besondere Rolle ein, weil in ihr die Rechtfertigung, die Entzündung des Glaubens und die Schaffung eines neuen Menschen geschehen789 und weil Spener der Wiedergeburt als einzigem Gnadenelement zwei Predigten widmet. Zudem betont die „GlL“, dass die Wiedergeburt das Fundament des gesamten Christentums sei.790 Dies sind sehr gewichtige Gründe für eine hervorgehobene Stellung der Wiedergeburt. Andererseits wird sie in die anderen Gnadenelemente eingereiht. Spener formuliert auch von weiteren Lehren, dass sie höchst wichtig seien. So heißt es, dass die Rechtfertigung von größter Wichtigkeit sei und zwar vor allen anderen Glaubensartikeln.791 Im Zusammenhang mit der Heiligung spricht Spener davon, dass es zwei Hauptwohltaten Gottes gibt: Rechtfertigung und Reinigung von den Sünden.792 Zur Buße führt Spener an, dass sie „eine der allervornehmsten Artikel christlicher Religion ist“793. Ihr widmet Spener, wenn man die Bestandteile der Buße, die bekanntlich kein Gnadenelement ist, mit hinzuzählt, sogar sechs Predigten,794 der Wiedergeburt hingegen nur zwei.795

Die Frage, ob ein bestimmtes Gnadenelement bei Spener in der „GlL“ besonders in den Mittelpunkt rückt, führt vom Hauptanliegen dieses Werkes weg. In der „GlL“ ist es nicht erheblich, ob die Wiedergeburt oder die Rechtfertigung im Vordergrund steht, werden doch beide in Anspruch genommen, um zu zeigen, wie sich die eine Gnade Gottes am Menschen auswirkt und diesen verändert. Aus all dem wird deutlich, dass in der „GlL“ ← 135 | 136 → die Zusammengehörigkeit der einzelnen, unterschiedenen Elemente in den Fokus rückt. Kurt Aland formulierte es in Bezug auf Spener so, dass die Wiedergeburt nur eine Hilfestellung ist, um den Menschen zum göttlichen Ebenbild zu führen.796 Diesem Anliegen dienen, wie oben bereits aufgeführt, auch die anderen Gnadenelemente. Für Beyreuther liegen Rechtfertigung, Wiedergeburt und Erneuerung unzertrennlich ineinander,797 dies trifft exakt die Sachlage in der „GlL“ oder, um mit Brecht zu schließen: Das Zentrum der Theologie Speners liegt in der Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes und seiner ursprünglichen Vollkommenheit.798 Die Verwirklichung dieses Ziels wird in der „GlL“ anhand der göttlichen Gnadenelemente, der Heilsmittel und der Buße beschrieben und sie stehen zugleich in ihrem Zentrum.

Die Lehre vom Wort Gottes und von den Sakramenten wird in heutigen dogmatischen Diskursen799 wie in der vorliegenden Arbeit als Heilsmittel bezeichnet. In der „Theologia“ heißen sie darreichende Mittel Gottes800 und in den beiden pietistischen Werken göttliche Gnadenmittel.801 In den „Loci“ fehlt ein vereinigender Oberbegriff.

Glaube, gute Werke, Gebet und Kreuz gehören zur fortan so bezeichneten „Wirklichkeit Gottes im Menschen“; die „Grundlegung“ und die „GlL“ rechnen noch die Buße hinzu. Sie sind Zeichen, dass Gott im Menschen wirklich geworden ist. Die Bezeichnung „Wirklichkeit Gottes im Menschen“ erscheint auch deshalb als passend, weil der Glaube einerseits von Gott geschenkt wird802 und er die gesamte Existenz des Menschen verändert. Andererseits zeigen die Menschen durch ihren Glauben, dass Gott in sie hineingekommen ist, sowohl in ihren Verstand als auch in ihr Herz. Deshalb die Bezeichnung „Wirklichkeit Gottes im Menschen“. Aber ← 136 | 137 → auch hinsichtlich der anderen Lehrstücke bietet sich als Gesamtüberschrift „Wirklichkeit Gottes im Menschen“ an, denn wahre Buße, gute Werke und ein aufrichtiges Gebet ist nur den Menschen möglich, bei denen Gott bereits einwohnt, die schon vom Glauben ergriffen sind und bei denen somit Gott „Wirklichkeit geworden ist“. Das Gebet bildet zudem die direkte Kommunikationsmöglichkeit des Menschen mit Gott und geht auf diesen zurück.803 Gott hat das Kreuz errichtet, um den gläubigen Menschen zu prüfen804 bzw. ihn zu bessern.805 Der Unterschied zur Lehre von den Heilsmitteln besteht darin, dass der Mensch nun aktiv Handelnder ist.806 Buße, Reue, Glaube, gute Werke, Kreuz und Gebet firmieren in den beiden pietistischen Werken entweder unter dem Namen „göttliche Ordnung von Seiten der Menschen“807 oder „Ordnung von unserer Seite“.808 In der „GlL“ kommt noch die Lehre vom Sabbat hinzu.809 Sie wird in der vorliegenden Arbeit keine weitere Berücksichtigung finden, da hier lediglich die Frage nach dem Verhalten des Menschen am Sabbat beantwortet wird.810 Der Glaube heißt in der „Theologia“ empfangendes Heilsmittel,811 ihm werden die guten Werke und der christliche Kriegsdienst als mittelbarer Zweck zugeordnet. Zum christlichen Kriegsdienst gehören das Kreuz, das Gebet und die drei Stände, die die Kirche bilden.812 In den „Loci“ gibt es nur einen Locus über die guten Werke, der Glaube wird als Teil des Locus „Rechtfertigung aus Glauben“ beschrieben.

Die Ekklesiologie wird in der „Theologia“ zum „christlichen Kriegsdienst“ gerechnet, sie ist eine Wirkung des Glaubens.813 In den beiden ← 137 | 138 → pietistischen Werken wird die Kirche als „Stand der der Gnade Teilhaftigen“ benannt.814 Die in der „Thelogia“ so bezeichneten mittelbaren Wirkungen des Glaubens sind also in der vorliegenden Arbeit auf zwei Kapitel (D.6 Wirklichkeit Gottes im Menschen und D. 7 Ekklesiologie) aufgeteilt, was kurz zu begründen ist. Die Zuordnung der Ekklesiologie zum Glauben, wie sie die „Theologia“ vornimmt, ist dogmatisch schwierig.815 Sie findet weder in den „Loci“ noch in den beiden pietistischen Werken statt, bei denen die Ekklesiologie eigens gewürdigt wird. Zudem legt die lockere Aneinanderreihung der darreichenden Mittel in der „Theologia“, die auf eine Unabhängigkeit der Lehrstücke voneinander schließen lässt, eine Neuordnung.

Zur Eschatologie gehören Tod, Auferstehung der Toten, künftiges Gericht, Ende der Welt, Hölle und ewiges Leben, für die die „Loci“ den Begriff novissima verwendet. Unter Ausschluss des ewigen Lebens heißen sie in der „Theologia“ weitere Heilsmittel.816 Das ewige Leben wird als formaler, vollendeter Zweck der Theologie bezeichnet.817 In den beiden pietistischen Werken gehören Tod, Auferstehung der Toten, künftiges Gericht und das ewige Leben zum Stand der Herrlichkeit.818

3.Der Heilsrahmen

3.1.Lehre von der Gnadenwahl

3.1.1.„Theologia“ und „Loci“

Die „Loci“ unterscheiden zwischen einem vorhergehenden und einem nachfolgenden Willen Gottes,819 die „Theologia“ spricht von einem allgemeinen und einem besonderen Wohlwollen Gottes.820 Unter vorhergehendem Willen bzw. allgemeinem Wohlwollen verstehen die „Theologia“ ← 138 | 139 → und die „Loci“ Gottes Absicht, allen sündigen Menschen das Heil zu schenken.821 Das Problem besteht für die „Theologia“ und „Loci“ darin, dass nicht alle Menschen diesem universalen Willen Gottes entsprechen, sondern sich vielmehr von Gott abwenden.822 Hier spielt nun der nachfolgende Wille bzw. das besondere göttliche Wohlwollen eine wichtige Rolle. Das besondere göttliche Wohlwollen äußert sich in der Erwählung,823 dessen Gegenteil die Verwerfung ist.824 Die „Loci“ verstehen hingegen unter dem nachfolgenden Willen nur die Verwerfung.825 Aussagen zur Erwählung und Verwerfung finden sich in den „Loci“ nicht in der Lehre vom Willen Gottes, sondern in einem eigenen Locus. Die Erwählung beruht für die „Theologia“ auf dem Willen und der Gnade Gottes, die jeden Verdienst menschlicher Werke ausschließt, sowie dem Verdienst Christi.826 Letzteres nennen auch die „Loci“.827 Nach Auffassung beider Werke geschieht die Erwählung dadurch, dass Gott den Vorsatz hat, diejenigen zu retten, die durch die Kraft des Heiligen Geistes im Glauben bis zum Ende ausharren; sie kennt Gott bereits im Voraus.828 Das Gegenteil der Erwählung ist für die „Theologia“ die Verwerfung.829 Die „Loci“ sehen dies nicht viel anders, wenn sie der Erwählung zum Leben auch eine solche zum Tode gegenüberstellen.830 Für beide Dogmatiken liegt die Schuld für die Verwerfung, die Gott vollzieht,831 allein beim Menschen.832 Gott allein weiß im Voraus, wie bei der Erwählung auch, wer sie zu erwarten hat.833 Zu den Eigenschaften der Verwerfung äußert sich nur die „Theologia“ detailliert. So führt diese aus, dass es viele sein werden, die verworfen werden, und es auch solche gibt, die vorher zum Stand der Wiedergeborenen ← 139 | 140 → gehörten.834 Den praktischen Nutzen (usus practicus) aus der Lehre vom göttlichen Willen erkennen die „Loci“ in der Mahnung, von Gott keine Rechtfertigung seiner Taten zu verlangen, den eigenen Willen dem Willen Gottes unterzuordnen und die Knechtschaft der Sünde zu vermeiden. Als Trost halten die „Loci“ fest, dass Gott frei ist zu helfen und zu seinen Kindern zu machen.835

3.1.2.„Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Die ewige Gnadenwahl Gottes besteht aus einem vorhergehenden und einem nachfolgenden Willen.836 Unter vorhergehendem Willen verstehen die „Grundlegung“ und die „GlL“, wie Gott allen Menschen gegenüber gesinnt ist.837 Dieser Wille drückt sich in der Liebe Gottes gegenüber dem gesamten menschlichen Geschlecht, in der Sendung des Sohnes und im Ruf an alle Menschen aus.838

Durch den nachfolgenden Willen erwählt Gott jene, die sich in die göttliche Ordnung von Buße und Glauben fügen, oder aber er verwirft jene anderen, die dem nicht folgen.839 Diese Gnadenwahl geschah vor aller Zeit und sie orientiert sich nur daran, ob die Menschen glauben oder nicht.840 Über die Verwerfung wird nur so viel bemerkt, dass sie allein in der Schuld des Menschen liegt.841 Eine Abgrenzung gegenüber der reformierten Lehre ist darin zu erkennen, dass die Erwählung nicht nur ein bloßer Ratschluss Gottes ist, sondern davon abhängt, ob sich der Mensch von der Gnade regieren lässt, was nur Gott im Voraus weiß.842 Die aus dieser Lehre folgenden Pflichten sind, nicht zu tief den göttlichen Gnadenwillen ergründen zu wollen und die eigene Erwählung durch ein heiliges Leben sicher zu machen.843 ← 140 | 141 → In der „GlL“ kommt noch die Forderung hinzu, sich vor der reformierten Lehre zu hüten.844 Der Trost für die Gläubigen besteht für die „Grundlegung“ und die „GlL“ darin, dass die Gläubigen ihrer Erwählung sicher sein können.845 Zusätzlich nennt die „Grundlegung“, dass Gott seine Kinder niemals verlassen wird.846 Die „GlL“ führt alternativ an, dass Gott jedem, der glauben will, den Glauben schenken wird und derjenige, der wirklich den Vorsatz hat, sich vor Sünden zu hüten, auch erwählt ist.847

3.1.3.Fazit: Stoffreduktion und Schwerpunktverlagerung durch die „Grundlegung“ und die „Glaubenslehre“

Die materialdogmatischen Unterschiede sind minimal, zu nennen wären die verschiedenen Bezeichnungen. Alle vier Entwürfe stimmen darin überein, dass der vorhergehende Wille bzw. das allgemeine Wohlwollen sich im grundsätzlichen Entschluss Gottes zeigt, die Sünder zum Heil zu führen. Den nachfolgenden Willen setzen die „Loci“ allerdings mit der Verwerfung gleich, während die „Theologia“, die „Grundlegung“ und die „GlL“, anlehnend an andere Entwürfe der lutherischen Orthodoxie,848 unter nachfolgendem Willen bzw. besonderem Wohlwollen die Entscheidung über das Endgeschick jedes einzelnen Menschen verstehen. Dies kann dann entweder zur Erwählung oder zur Verwerfung führen. Wiederum einig sind sich alle vier Texte, dass die Erwählung allein vom Glauben des Menschen abhängt, den Gott im Menschen wirkt.

Merklich reduzieren die beiden pietistischen Werke den dogmatischen Stoff auf das für den Menschen Heilsrelevante. Die Verwerfung spielt dabei eine deutlich geringere Rolle als in den Entwürfen der lutherischen Orthodoxie, die sich einer umfassenden Lehrdarstellung verpflichtet sahen. Die Heiligungsforderung begegnet schon in den „Loci“, in der „Grundlegung“ wie in der „GlL“ findet sie sich, allerdings erheblich ausgebaut, wieder.

← 141 | 142 → 3.2.Christologie

Die Darstellung der Christologie konzentriert sich in der vorliegenden Arbeit auf das, was für die Soteriologie wichtig ist, dies sind die Person Christi, seine Ämter und seine Stände. So wird die Einordnung in die Trinitätslehre, welche in allen vier Dogmatiken durchgeführt wird, nicht vorgenommen.849 Vieles, was dort formuliert wird, lässt sich auch in der Lehre über die Person Christi wiederfinden.

3.2.1.Die Person Christi

3.2.1.1.„Theologia“ und „Loci“

Selbstverständlich behandeln „Loci“ wie „Theologia“ die göttliche und menschliche Natur Jesu zunächst getrennt, um anschließend die Einheit der Naturen und die Idiomenkommunikation zu erörtern, was ganz der Tradition altprotestantischer Dogmatik entspricht.850 Auf der Idiomenkommunikation liegt der klare Schwerpunkt in den „Loci“. Die Behandlung der göttlichen Natur Christi fällt in der „Theologia“ sehr kurz aus, da sie bereits im Lehrstück vom Sohn Gottes behandelt wurde.851 Die „Loci“ hingegen führen einen erneuten, sehr ausführlichen Beweis durch.852 Er erfolgt aus den göttlichen Namen, den wesensmäßigen Attributen Gottes, aus der personalen Eigenheit und aus den göttlichen Werken.853 Der Nutzen dieser Lehre besteht im Trost.854

Der Beweis der wahren Menschheit Christi wird in der „Theologia“ wie in den „Loci“, hier freilich im Vergleich zur Lehre von der göttlichen Natur deutlich kürzer, mit dem Hinweis auf seinen menschlichen Körper und seine menschlichen Eigenschaften vollzogen.855 Die „Loci“ führen weitere Beweise an.856 Beide lutherisch-orthodoxen Werke unterscheiden die menschlichen Eigenschaften Christi in dreierlei Hinsicht: einmal in ← 142 | 143 → solche, die Jesus mit allen Menschen gemeinsam hat,857 dann in solche, die Christus freiwillig mit allen Menschen teilt – wie die Gefühle des Frierens und Hungerns, aber auch die Unruhe der Seele – und schließlich besondere, der menschlichen Natur Christi zukommende Eigenschaften, wie die Sündlosigkeit858 und die Anhypostasie.859 Letzteres ist wichtig, denn würde man lehren, dass die menschliche Natur Jesu Christi autark wäre, so hätte sich das menschliche Geschlecht selbst erlöst.860 Im Unterschied zu den Menschen litt Jesus Christus unter keinen selbstverschuldeten oder erblich bedingten Krankheiten.861 In den „Loci“ bezweckt die Lehre von der wahren Menschheit Christi vor allem einen tröstenden Nutzen.862

Der getrennten Betrachtung der Naturen schließt sich die Darlegung ihrer Vereinigung an.863 Vorangeht eine Übertragung von Benennungen der einen auf die andere Natur Christi (propositiones personales), um dann die Übertragung bestimmter Eigenschaften der einen auf die andere Natur Christi – Idiomenkommunikation – zu beschreiben. Die göttliche und die menschliche Natur verbinden sich.864 Dies wird von der allerheiligsten Dreieinigkeit bewirkt, aber nur vom Sohn vollzogen.865 Zweck der personalen Einheit ist für die „Theologia“ die Ausführung der zum Amt gehörenden Handlungen866, für die „Loci“ die Erlösung des menschlichen Geschlechts und die Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit.867 Sehr ausführlich beschreiben die „Loci“ den Nutzen der persönlichen Vereinigung für das Leben der Gläubigen. Der Trost aus dieser Lehre ist nach Gerhard darin zu sehen, dass die Einheit der beiden Naturen in Christus den ← 143 | 144 → Grundstein des menschlichen Heils bildet. Die hauptsächlichen Früchte der Fleischwerdung sind für die „Loci“ die Heilung der menschlichen Natur und die Versöhnung sowie die Vereinigung mit Gott. Der ermahnende Nutzen aus dem Lehrstück ist es, Gott richtig zu erkennen, das Vertrauen allein auf Christus zu setzen und dessen Selbsterniedrigung und Liebe nachzuahmen.868

Die Lehre von den propositiones personales dient dazu, Begrifflichkeiten für die Idiomenkommunikation zu entwickeln..869 Diese Feststellung Stegmanns hinsichtlich der „Theologia“ lässt sich auch auf die „Loci“ anwenden. Personalsätze sind Aussagen, durch welche die konkreten persönlichen Benennungen der einen Natur auf die andere übertragen werden,870 so z. B. „Der Sohn Davids ist der Herr Davids“, „Der Menschensohn ist der Sohn des lebendigen Gottes“.871 Der praktische Nutzen (usus practicus) besteht nach den „Loci“ in der Mahnung, die Personalsätze nicht allein durch die Vernunft erklären zu wollen.872

Unter Idiomen sind die unterschiedlichen Eigenschaften und Eigenheiten der göttlichen einerseits und der menschlichen Natur Christi andererseits zu verstehen.873 Die „Theologia“ und die „Loci“ kennen drei Arten von Idiomenkommunikation, die wiederum weiter ausdifferenziert sind:874

Die erste Art der Idiomenkommunikation (genus idiomaticum) liegt vor, wenn die Eigenheiten der göttlichen oder der menschlichen Natur dem aus zwei Naturen bestehenden Christus zugesprochen werden.875 Dies kann für die „Theologia“ auf dreierlei Weise geschehen: Christus wird nach seinen beiden Naturen sowohl Göttliches wie Menschliches zugeschrieben („Christus ist aus den Vätern nach dem Fleisch“) oder von der menschlichen Natur des Sohnes werden göttliche Eigenschaften ausgesagt („der Sohn Marias ist geboren von Ewigkeit“) oder dem Konkreten der göttlichen Natur – sprich vom inkarnierten Jesus Christus ← 144 | 145 → – werden menschliche Eigenschaften zugewiesen („der Herr der Herrlichkeit ist gekreuzigt“).876 Die „Loci“ nennen sechs verschiedene Beispiele für das genus idiomaticum. Dazu kommt es, weil der Tausch im besonderen Sinn, den die „Theologia“ als eine Unterart der ersten Kommunikation ansieht, in den „Loci“ weiter ausdifferenziert wird.877 Als praktischer Nutzen aus dieser Lehre folgt in den „Loci“, dass Christus und die Gemeinde auf dieselbe Art und Weise vereinigt werden wie die göttliche und menschliche Natur in Christus.878 Außerdem eignet sich Gott das Leiden der Gläubigen an.879

Die zweite Art der Idiomenkommunikation (genus majestaticum), ein christologisches Charakteristikum der Wittenberger Reformation,880 wird Erhöhung, herrliches Geschenk oder Verherrlichung genannt.881 Ihre Darlegung nimmt in den „Loci“ den größten Raum der Christologie ein,882 während die „Theologia“ alle genera gleich behandelt. Das genus majestaticum liegt für die „Theologia“ und die „Loci“ vor, wenn die menschliche Natur von der göttlichen durchdrungen wird, ohne dass es zu einer Vermischung oder Vermengung beider Naturen kommt.883 Betroffen von dieser Kommunikationsform ist nur die menschliche Natur.884 Daran beteiligt ist das Wort.885 Mitgeteilt werden unbegrenzte, göttliche Gaben.886 Als solche nennen die „Loci“ Allmacht, Allwissenheit, Sündenvergebung, die Kraft lebendig zu machen, die Verrichtung von Wundern, das Werk der Erlösung, die Vereinigung der Gläubigen zu einer Kirche und die Sendung des Heiligen Geistes.887 Notwendig ist diese Art der Kommunikation und die damit verbundene Erhöhung der menschlichen Natur, damit Christus die zu seinen Ämtern gehörenden soteriologischen Werke vollziehen ← 145 | 146 → kann.888 Der Zeitpunkt dieser Kommunikationsform ist der Augenblick der Menschwerdung Christi.889 Sie unterscheidet sich vom genus idiomaticum hinsichtlich des Subjekts und darin, dass es keine Wechselseitigkeit gibt.890 Der Inhalt der zweiten Idiomenkommunikation hat für die „Loci“ zunächst einen seelsorglichen Nutzen, der darin besteht, dass Jesus Christus, der nun alle Nöte der Menschen kennt, alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat. Dem Gläubigen ist es fortan möglich, Werke des Glaubens zu tun.891

Die dritte Art der Idiomenkommunikation (genus apotelesmaticum) lässt sich in beiden Werken auch als gemeinsames Tun bezeichnen.892 In den „Loci“ wird diese Art der Kommunikation deutlich kürzer als die zweite und auch knapper als die erste Idiomenkommunikation dargestellt, während dies für die „Theologia“ nicht gilt. Unter dieser dritten Kommunikationsform sind für die „Theologia“ und die „Loci“ alle Werke Christi zu verstehen, die dieser nach seinen beiden Naturen wirkt.893 Dabei eignet sich Christus gleichzeitig aber auch die menschlichen Erlebnisse, wie z. B. das Leiden, an. Der Zweck dieser Kommunikation besteht in der Erlösung des Menschen.894 Den praktischen Nutzen aus dieser Lehre sehen die „Loci“ darin, dass Gott mit der gläubigen Seele gemeinsam Werke tun will.895

3.2.1.2.„Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Auch in der „Grundlegung“ und der „GlL“ konstituiert sich die Person Jesu Christi aus der göttlichen und der menschlichen Natur.896 Seine wahre Gottheit lässt sich aus den göttlichen Namen, aus der ewigen Geburt, aus den göttlichen Eigenschaften, aus den göttlichen Werken und aus seiner Verehrung ableiten.897 Zudem nennt die „Grundlegung“ ← 146 | 147 → den Vergleich von Stellen des Alten und Neuen Testaments.898 Aus dieser Lehre ergeben sich für Spener und Freylinghausen die Pflichten, Gott gegenüber gehorsam zu sein und Christus als Gott zu ehren.899 Dem fügt nur die „GlL“ die Abkehr von der Sünde hinzu.900 Als tröstende Aspekte treten die Tatsachen hervor, dass Christi Verdienst von unendlicher Kraft und Gültigkeit ist und dass er daher mächtig genug ist, die Gläubigen gegen alles zu schützen.901 Zur menschlichen Natur Christi ist zu sagen, dass Jesus aus dem Heiligen Geist von der Jungfrau Maria geboren wurde und dass er somit wahrer Mensch geworden ist. Jesus Christus hat aber auch menschliche Schwächen, wie z. B. Essen, Trinken und Schlafen, angenommen.902 Im Gegensatz zu allen anderen Menschen ist er aber ohne Sünde. Die Annahme der menschlichen Natur ist durchweg soteriologisch begründet.903 Die Vereinigung zwischen göttlicher und menschlicher Natur in Jesus Christus wird als unio personalis bezeichnet.904 Sie bildet die Voraussetzung für die Ausübung des Mittleramtes Christi. Aus dieser Vereinigung kommt es zur Mitteilung von Eigenschaften zwischen den beiden Naturen. Dabei lassen sich die drei Arten voneinander unterscheiden,905 wobei in der „GlL“ ein leichter Schwerpunkt auf dem genus majestaticum zu liegen scheint.906 Die erste Kommunikation liegt dann vor, wenn die Eigenheiten der göttlichen oder der menschlichen Natur dem aus zwei Naturen bestehenden Christus zugesprochen werden (genus idiomaticum).907 Wenn von Werken und Verrichtungen gesprochen wird, die vom Gottmenschen Christus gewirkt werden, liegt die zweite Art der Kommunikation vor (genus apotelesmaticum).908 Abschließend wird das genus majestaticum behandelt. Dieses drückt sich ← 147 | 148 → darin aus, dass der menschlichen Natur göttliche Eigenschaften und Vollkommenheit zugeschrieben werden.909 Auffallend ist, dass sich die Pflichten und Trostgründe nicht auf die Idiomenkommunikation, sondern auf die Lehre von der Menschheit bzw. der Einheit von göttlicher und menschlicher Natur beziehen. Sie bestehen darin, dem Heiland für seine Menschwerdung herzlich zu danken, die eigene Natur nicht zu beschmutzen und sich mit Christus auf geistliche Weise vereinigen zu lassen. Außerdem soll eine Trennung von der Sünde stattfinden. Aus der Lehre von der Menschheit Jesu Christi ergibt sich der Trost, dass wahrhaftige Erlösung möglich ist, dass der Sohn Gottes zum Bruder geworden ist und dass durch die unio personalis die menschliche Natur eine deutliche Aufwertung erfahren hat.910 Zusätzlich sagt die „GlL“, dass es tröstlich ist zu wissen, dass auch der Heiland die Erfahrung des Leidens gemacht und er die Gläubigen zu Miterben eingesetzt hat.911

3.2.1.3.Fazit: Der Rückgang der Bedeutung der Idiomenkommunikation und der Verzicht auf die Personalsätze durch die „Grundlegung“ und die „Glaubenslehre“

Inhaltlich widersprechen sich die lutherisch-orthodoxen und pietistischen Konzepte kaum.

Zwei größere Unterschiede zwischen den beiden lutherisch-orthodoxen und den pietistischen Werken fallen jedoch ins Auge, erstens wird der dogmatische Stoff anders gewichtet und zweitens wird die Reihenfolge der Idiomenkommunikationen verändert.

Zum einen ist zu bemerken, dass die Lehre von den Personalsätzen in beiden pietistischen Entwürfen fehlt und die Idiomenkommunikation nicht so stark ausgebaut ist wie in den lutherisch-orthodoxen Texten. Letztere bildete in den „Loci“ den Hauptschwerpunkt der gesamten Christologie und in der „Theologia“ immerhin noch den Schwerpunkt in der Lehre von der Person Christi. Dies lässt sich damit begründen, dass jede Kommunikationsform einen praktischen Nutzen für das Leben besitzt und sie damit hohe soteriologische Relevanz hat. Auch für die „Theologia“ ← 148 | 149 → ereignet sich das eigentliche Heilsgeschehen in der Idiomenkommunikation.912 In den beiden pietistischen Werken ist dies nicht so. Sie haben die soteriologische Relevanz der Idiomenkommunikation nicht gesehen. Dies schlägt sich darin nieder, dass sich Spener und Freylinghausen in ihrem Pflichten- und Trostteil überhaupt nicht auf die Idiomenkommunikation, sondern nur auf die Lehre von der Menschheit Christi bzw. der Einheit der beiden Naturen in Jesus Christus beziehen. Eine Verbindung von Soteriologie und Idiomenkommunikation sucht man bei ihnen vergeblich, wobei sie allerdings nicht allein stehen, so hat etwa auch Schleiermacher die ganze Idiomenkommunikation für entbehrlich gehalten.913 Ihre geringe Berücksichtigung mag auch damit zusammenhängen, dass diese sich zwar aus einer biblischen Exegese entwickelte, sich gleichzeitig aber der aristotelischen Logik bediente.914 Dieser stand Spener, wie auch andere Pietisten, eher skeptisch bis ablehnend gegenüber.915

Zum anderen kommt es zu einer unterschiedlichen Reihenfolge der Kommunikationsarten in „Theologia“ und „Loci“ einerseits und „Grundlegung“ und „GlL“ andererseits. Die ursprüngliche Reihenfolge war genus idiomaticum, genus apotelesmaticum und genus majestaticum.916 So findet sie sich auch in den beiden pietistischen Entwürfen. Sowohl die „Loci“ als auch die „Theologia“ stellen jedoch den genus apotelesmaticum an die letzte Stelle. Dies liegt daran, dass das genus idiomaticum und das genus majestaticum eher mit dem Sein und das genus apotelesmaticum eher mit dem Tun des Erlösers zusammenhängen. Andreas Stegmann hat zudem richtigerweise festgestellt, dass sich in der „Theologia“ ein klarer Bezug zwischen genus apotelesmaticum und der Ämterlehre finden lässt.917 Damit wäre die Stellung des genus apotelesmaticum an dritter Stelle und ← 149 | 150 → somit am Übergang zur Ämterlehre zu erklären. Letzteres Argument muss allerdings relativiert werden, denn auch zwischen dem genus majestaticum und der Ämterlehre gibt es in den „Loci“ und der „Theologia“ einen engen Bezug.918 Letztendlich bleibt die Frage, warum das genus apotelesmaticum an die letzte Stelle rückt, unbeantwortet.

3.2.2.Die Ämter Christi

3.2.2.1.„Theologia“ und „Loci“

Zunächst ist festzuhalten, dass die Ämterlehre in den „Loci“ im Vergleich zur Personenlehre einen verschwindend geringen Raum einnimmt.919 Ausdruck findet dies auch darin, dass sich in den „Loci“ der usus practicus auf alle Ämter gemeinsam bezieht. In den Ausführungen zur Idiomenkommunikation erhielt noch jede ihrer Formen einen eigenen usus practicus. In der „Theologia“ ist die Lehre von den Ämtern zwar nicht so stark ausgebaut wie jene der Personen, sie haben aber hier ein stärkeres Gewicht. Jesus Christus übt nach der „Theologia“ und den „Loci“ das prophetische, priesterliche und königliche Amt aus.920 In jeder Funktion werden Christus den „Loci“ zufolge unterschiedliche Namen beigelegt.921 Verwaltet werden die drei Ämter nach Überzeugung der lutherisch-orthodoxen Texte von Christus nach seinen beiden Naturen.922 In seiner prophetischen Tätigkeit hat Jesus Christus zwei Dinge verrichtet. Er hat den Willen Gottes, bestehend aus Gesetz und Evangelium, selbst verkündet und das Lehr- und Predigtamt eingesetzt. Der eigentliche Zweck dieses Amtes ist die Hinführung aller Menschen zur Erkenntnis der himmlischen Wahrheit.

Das hohepriesterliche Amt besteht darin, dass Christus Gott und den sündigen Menschen miteinander versöhnt.923 Es hat zwei Elemente: das der Genugtuung, d. h. Christus hat Gott ein ausreichendes Lösegeld für die Sünden der Welt gegeben, und das der Vertretung, d. h. Christus tritt ← 150 | 151 → fürbittend vor dem himmlischen Vater für die Menschen ein.924 Die „Theologia“ äußert sich detailliert zu den beiden Teilen des hohepriesterlichen Amtes, indem sie die Ursachen, den Gegenstand, die Mittel, die Form und den Zweck und den Beginn der Genugtuung925 sowie das Ziel, den Gegenstand, die Materie, die Form, den Zweck und den Beginn der Fürbitte darlegt.926

Das königliche Amt drückt sich laut „Theologia“ und „Loci“ darin aus, dass Christus als Gottmensch alles im Himmel und auf Erden leitet. Sein Reich ist dreifach.927 In dem der Macht herrscht er über alle Kreaturen.928 Die „Theologia“ macht darüber hinaus noch Aussagen zum Ort (die Erde), zum Zweck (Bewahrung und Heil der Menschen), zum Beginn (Erschaffung der Welt) und zu den dienenden Ursachen (Engel) dieses Reiches.929 Im Reich der Gnade übt Christus nach der „Theologia“ und den „Loci“ seine Gewalt über die Kirche und alle Frommen aus.930 Die „Theologia“ fügt dem noch Aussagen über die dienenden (alle drei Stände) und werkzeuglichen Ursachen (Wort und Sakrament), über den Zweck (Ehre Gottes, Zerstörung des Satans, Heil des Menschen), über den Ort (die Gemeinde) und den Beginn (Entrückung Jesu zur Rechten Gottes) an.931 Im Reich der Herrlichkeit regiert Jesus Christus nach der „Theologia“ über alle Bewohner des Himmels,932 die „Loci“ weiten dies auf alle Verstorbenen aus.933 Die „Theologia“ nennt noch den Zweck (Ehre Gottes und Empfang himmlischer Freuden), den Ort (Himmel) und den Beginn dieser Herrschaft (Erhöhung Christi zur Rechten Gottes).934 Die praktische Nutzanwendung der Lehre von den Ämtern ist für die „Loci“ sowohl tröstend als auch ermahnend.935 Tröstlich ist es zu wissen, dass Jesus als Lehrer den ← 151 | 152 → Gläubigen den Weg der Wahrheit führen will, dass er als Hohepriester fürbittend für die Gläubigen eintritt und dass er als König die Seinigen schützt. Die Lehre ermahnt aber auch dazu, über die Sünde zu herrschen und dem Teufel zu widerstehen.936

3.2.2.2.„Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Bevor die „Grundlegung“ und die „GlL“ zu den drei Ämtern Christi übergehen, stellen sie sich die Frage, ob Jesus Christus der wahre Messias937 bzw. Mittler938 ist. Hieran entscheidet sich, ob Jesus Christus derjenige ist, den Gott zum Heiland und somit zu demjenigen, der Gott und Mensch versöhnt, bestimmt hat oder ob man, wie es Freylinghausen formuliert, weiter auf den Messias warten soll.939 Beide pietistischen Schriften verweisen auf die Vielzahl an Bibelstellen, die eine Identität von Jesus Christus mit dem wahren Messias bezeugen,940 wobei besonders Abstammung und Geburtsort als Nachweise seiner wahren Messianität dienen.941 Weitere Beweise sind für die „Grundlegung“ Christi Lehre, Wunderwerke, seine geringe und schlechte Gestalt sowie seine Passion.942 Die „GlL“ nennt alternativ Jesu Geburt, deren Zeitpunkt und seine Passion.943

Die Pflichten gegenüber dieser Lehre bestehen für die „Grundlegung“ und die „GlL“ darin, allein auf die Gnade und den Verdienst Jesu zu vertrauen, auf Jesus Christus als den einzigen Weg zum Heil zu verweisen, sich in die Nachfolge zu begeben und sich an der Niedrigkeit Christi nicht zu stören sowie auf die Offenbarung seiner Herrlichkeit geduldig zu warten.944 Die „GlL“ fordert im Zusammenhang mit der Lehre von der Messianität Christi zur Selbstprüfung auf. Demnach soll sich der Gläubige fragen, ob das ganze Vertrauen auf Christus gesetzt wird,945 ob danach ← 152 | 153 → begehrt wird, diesem treulich zu dienen, sich in die Nachfolge zu begeben und die Welt gering zu schätzen. Ernüchtert stellt die „GlL“ fest, dass nur wenige übrig bleiben werden, die diese Selbstprüfung bestehen.946 Als Trost lassen sich für die „Grundlegung“ und die „GlL“ aus dieser Lehre ableiten, dass Jesus Christus der Glaubensgrund ist und dass alle Weissagungen über ihn erfüllt werden.947 Zusätzlich sagt die „Grundlegung“, dass das Heil der Gläubigen sehr nahe ist.948 Die „GlL“ betont alternativ dazu, dass Christus noch Wunderwerke tut und in den Gläubigen wirkt.949

Der Nachweis der wahren Messianität Christi dient in der „Grundlegung“ und der „GlL“ als Basis für die drei Ämter Christi, denn nur als wahrer Messias kann er diese ausüben. Das Mittleramt Christi wird unterteilt in das prophetische, hohepriesterliche und königliche.950 Die prophetische Tätigkeit führt der durch den Heiligen Geist gesalbte Jesus Christus nach seinen beiden Naturen aus,951 für die „Grundlegung“ spielt die göttliche Natur eine besondere Rolle.952 Alle Menschen sind für die „Grundlegung“ und die „GlL“ vom prophetischen Amt Christi betroffen, das in der Verkündigung des Willens Gottes besteht.953 Während seiner Zeit auf Erden hat Jesus diese Verkündigung zunächst selbst vorgenommen, nach seinem Tod hat er dafür das Predigtamt eingesetzt.954 Zum Zeitpunkt und zum Nachweis dieser Einsetzung finden sich weitere Ausführungen in der „GlL“.955 Außerdem verweist der Text darauf, dass Christus das prophetische Amt nicht nur verwaltet, sondern mit den Predigern kooperiert, denn nur dadurch kann das Wort Gottes, vermittelt durch den Heiligen Geist, das Herz der Menschen erreichen.956 Die Pflichten sind darin zu sehen, ← 153 | 154 → Christus als Lehrer und Meister anzuerkennen und sich der Wirkung seines Geistes nicht zu verschließen,957 dabei betont die „GlL“ wieder die Selbstprüfung.958 Nur in der „GlL“ finden sich Pflichten für die Prediger.959 Das prophetische Amt hat für die „Grundlegung“ eine tröstende Funktion, indem es verdeutlicht, dass Christus als Prophet den Gläubigen den Heilsweg selber zeigen will.960 In eine ähnliche Richtung weist Spener, wenn er als Trost anführt, dass derjenige, der an Jesus in seiner Funktion als Prophet glaubt, nicht fehl geht.961

Zum hohepriesterlichen Amt wurde Christus für die „Grundlegung“ und die „GlL“ von Gott selbst berufen.962 Er steht dabei in der Tradition der Hohenpriester des Alten Testamentes, diese sind jedoch nicht seinesgleichen, vielmehr ist Christus einzigartig.963 Er übt dieses Amt für alle Menschen964 und nach seiner menschlichen und göttlichen Natur aus.965 Die hohepriesterlichen Verrichtungen bestehen in opfern, beten und segnen.966 Jesus Christus hat sich selbst zum Opfer gegeben, durch sein Leiden hat er die Rolle des alttestamentlichen Sündopfers übernommen und so die menschliche Schuld endgültig ans Kreuz gehängt.967 Als Hohepriester betet Jesus Christus für die Bekehrung der Gottlosen und für die Erhaltung der Gläubigen. Diese Tätigkeit führt er auch noch nach seiner Zeit auf Erden aus. Der Segen dieses Amtes besteht in der Zueignung aller Gnadenschätze, die zur Seeligkeit nötig sind, insbesondere in der Sendung des Heiligen Geistes.968 Es ist nötig, dem Hohepriester für sein Opfer zu danken und nur in ihm das Heil zu suchen. Die Fürbitte und die eigene Opferbereitschaft sind als Pflichten für ein christliches Leben aus der Lehre vom ← 154 | 155 → hohepriesterlichen Amt abgeleitet.969 Der Trost aus der Lehre vom hohepriesterlichen Amt besteht darin, dass es zur vollen Sündenvergebung gekommen ist und dass es den Gläubigen an nichts mangeln wird.970 Zudem nennt die „Grundlegung“, dass Gott Geduld mit den Schwachheiten der menschlichen Natur hat und dass die Opfer des Gläubigen Gott genehm sein werden.971 Alternativ dazu führt die „GlL“ auf, dass Jesus Christus als Hohepriester immer noch für die Gläubigen betet.972

Nach der „Grundlegung“ und der „GlL“ ist Jesus Christus König nach seinen beiden Naturen, allerdings hat er im Stand seiner Erniedrigung die Königsherrschaft ruhen lassen. Eingesetzt wurde Jesus Christus zu diesem Amt vom Vater.973 Als König herrscht Christus in drei verschiedenen Reichen. Dabei liegt der Schwerpunkt in der „Grundlegung“ auf dem der Gnade und dem der Herrlichkeit, während die „GlL“ alle Reiche in etwa gleich behandelt. Im Reich der Macht, welches sich über die ganze Erde erstreckt, regiert und erhält er alle Kreaturen. Das der Gnade umfasst die Kirche, die das Eigentum Jesu Christi ist. Daraus folgt, dass die Untertanen alle wahrhaft Gläubigen sind, sie werden der Gnade und der Heilsgüter Christi teilhaftig.974 Das Reich der Herrlichkeit hat Christus durch seine siegreiche Himmelfahrt eingenommen, in ihm sind alle auserwählten Menschen seine Untertanen, gleichzeitig partizipieren diese an der Macht Christi.975 Die Pflichten bestehen darin, dem König gehorsam zu sein, sich nicht an der Welt zu orientieren, sondern ihr vielmehr zu entsagen.976 Die „GlL“ ergänzt, dass es notwendig ist, im Reich der Gnade zu sein, denn nur so ist es möglich, in die Herrlichkeit zu kommen.977 Der Trost aus dem königlichen Amt besteht für die beiden pietistischen Werke darin, dass die Gläubigen sich dem Schutz des Herrschers anvertrauen können, dass alle geistlichen Feinde überwunden werden und dass es nach dem Glaubenskampf zum ← 155 | 156 → Eintritt ins Reich der Herrlichkeit kommt.978 Die „Grundlegung“ fügt dem noch hinzu, dass die Untertanen zu Mitherrschern werden.979

3.2.2.3.Fazit: Die große Bedeutung der Ämterlehre in „Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Materialdogmatisch finden sich viele Gemeinsamkeiten zwischen den lutherisch-orthodoxen und pietistischen Konzepten. Es ist keineswegs so, dass die lutherische Orthodoxie Jesus Christus nur in seiner Funktion als Hohepriester kennt, wie es Hermann Bauch behauptete.980 Ein kleinerer Unterschied zwischen den pietistischen und lutherisch-orthodoxen Entwürfen besteht darin, dass jene zusätzlich zu den beiden Tätigkeiten, die die lutherisch Orthodoxen dem Hohepriester zuordnen, noch das Segnen als dritte Tätigkeit hinzufügen.

Der Hauptunterschied zwischen den lutherisch-orthodoxen und pietistischen Werken liegt darin, dass letztere vor der Lehre von den drei Ämtern einen Nachweis über die wahre Messianität Christi führen. Solches fehlt in der „Theologia“ und den „Loci“. Dogmatisch ist dies so zu erklären, dass die beiden Pietisten die Ämter als Konsequenz der wahren Messianität981 und nicht, wie König und Gerhard, als Folge der Idiomenkommunikation ansehen. Die wahre Messianität Christi ist für Spener und Freylinghausen auch insofern wichtig, als der gesamte christliche Glaube und die Seligkeit des gläubigen Menschen darauf beruhen.982

Es fällt auf, dass es eine Entwicklungslinie von Gerhard bis Freylinghausen gibt, in welcher der Stellenwert der Ämterlehre immer weiter zunimmt. Gerhard behandelt diese im Vergleich zur Lehre von der Person Jesu Christi recht kurz, sie bildet nur eines der 15 Kapitel seiner Christologie. Auch fasst er Pflichten und Trostgründe, die sich aus dieser Lehre ergeben, zusammen. Diese recht knappe Behandlung bei Gerhard liegt darin begründet, dass das Mittleramt Christi nur Ausdruck der Einigung der göttlichen und menschlichen Natur ist, was Gerhard bereits vorher ← 156 | 157 → ausführlich thematisiert.983 Bei ihm bildet die Ämterlehre nur einen Anhang an die Ausführungen zur Person.

In der „Theologia“ nimmt die Bedeutung dieser Lehre zu, so kommt es zu einer stärkeren Ausdifferenzierung. Sie wird zwar, wie bei den „Loci“ auch, als Folge der Idiomenkommunikation verstanden,984 jedoch wird der soteriologische Wert jedes einzelnen Amtes deutlicher dargestellt, als dies noch in den „Loci“ der Fall war.

In den beiden pietistischen Entwürfen sind die Ausführungen über die Ämter das zentrale Lehrstück innerhalb der Christologie. An der Frage, ob Jesus Christus der wahre Mittler ist, entscheidet sich bei Freylinghausen und Spener Sein oder Nichtsein des christlichen Glaubens und der Seligkeit.985 Die deutliche Aufwertung der Ämterlehre wird schließlich noch darin erkennbar, dass aus jedem einzelnen und sogar aus dem Nachweis der Messianität Christi Pflichten und Trost erwachsen, während sich in den „Loci“ der usus practicus gemeinsam auf alle Ämter bezieht. War Gerhard an einer Spezifizierung der Idiomenkommunikation und an deren soteriologischen Konsequenzen interessiert, so trifft dies bei Spener und Freylinghausen für die Ämterlehre zu.

3.2.3.Die beiden Stände Christi

3.2.3.1.„Theologia“ und „Loci“

Erniedrigung und Erhöhung sind die beiden Stände Christi,986 die sie betreffende Lehre nimmt in der „Theologia“ einen deutlich höheren Stellenwert als in den „Loci“ ein. Verkörperte sie in der ersten Auflage der „Loci“ noch einen Teil der Lehre von der Idiomenkommunikation und mithin der Personenlehre, so bekam sie in späteren Auflagen, darunter auch in der Edition Preuss, einen eigenen Platz. Trotz dieser späteren Zuweisung eines eigenen Platzes bleibt es bei dem Eindruck, dass die Ständelehre in den „Loci“ nur einen Anhang der Personenlehre bildet. Im Mittelpunkt steht dagegen die Auslegung von Phil. 2,7 ff. Die Verselbstständigung der Ständelehre, die schon in den Editionen der „Loci“ begann, führte dann dazu, ← 157 | 158 → dass sie in der „Theologia“ fast gleichberechtigt neben den Ausführungen über die Person Christi steht.987

Zur Erniedrigung gehören für die „Theologia“ und „Loci“ Christi Erdenleben von der Krippe bis zum Kreuz.988 Ihr Subjekt ist die fleischgewordene Person des Logos. Dabei wirkt die Erniedrigung sich nur auf dessen menschliche Natur aus.989 Sehr ausführlich beschäftigen sich die „Loci“ mit dem Prädikat der Erniedrigung. Hierbei differenzieren sie zwischen dem, was Christus hätte sein können, was er sein wollte und was der himmlische Vater aus ihm machte.990 Eine solch differenzierte Beschäftigung fehlt in der „Theologia“. In der Erniedrigung gibt Jesus Christus nach der „Theologia“ und den „Loci“ seine göttliche Majestät ab, um der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung zu leisten und das Heil der Menschen wiederherzustellen. Zu den wichtigsten Handlungen der Erniedrigung gehören Empfängnis, Geburt, Leiden, Gottverlassenheit, Tod und Begräbnis.991 Detaillierte Einzelheiten zu den jeweiligen Stadien finden sich nur in der „Theologia“,992 was damit zu tun hat, dass jede einzelne Stufe eine unmittelbare soteriologische Bedeutung hat. So dient die Empfängnis Christi zur Rettung und zur Heiligung der unreinen Empfängnis des Menschen. Die Geburt hat wiederum den Zweck, die sündige Geburt zu heiligen und die menschliche Kindschaft bei Gott zu erwirken.993 Das Leiden bewirkt die Sühne aller Sünden des menschlichen Geschlechts.994 Die Gottverlassenheit öffnet den freien Zugang zum Vater995 und der Tod Christi erwirkt die Erlösung vom ewigen Tod.996 Das Begräbnis verfolgt als Zweck die Beseitigung und Versiegelung der Sünde, die geistliche Mitbestattung der Menschen, die Heiligung der Gräber und die Lebendigmachung.997

← 158 | 159 → Unter Erhöhung verstehen „Loci“ und „Theologia“, dass Jesus Christus erhoben wird998 und seine volle göttliche Macht und Erhabenheit ausübt.999 Ihr Subjekt ist die menschliche Natur Christi.1000 Sie beginnt mit dem Ende der Leidenszeit1001 und erreicht die höchste Stufe mit dem Sitz zur Rechten Gottes.1002 Der Stand der Erhöhung Christi hat für die „Theologia“ und die „Loci“ vier Stufen: Niederfahrt zur Hölle, Auferstehung, Himmelfahrt, Sitzen zur Rechten Gottes.1003 Weitere Aussagen zur Erhöhung und besonders zu ihren einzelnen Stufen finden sich nur in der „Theologia“, weil jede einzelne, wie beim Stand der Erniedrigung, soteriologische Relevanz hat. Die Niederfahrt zur Hölle bildet die erste Stufe der Erhöhung, dabei geht Jesus Christus, nachdem er lebendig gemacht wurde, in die Hölle, um dort den verdammten Geistern als Sieger zu spotten.1004 Darauf folgt die Auferstehung, welche die Zueignung der erworbenen Wohltaten an die Menschen zum Zweck hat.1005 In der Himmelfahrt geht Jesus in den Himmel ein, um das vorher verschlossene Paradies zu öffnen und eine dauerhafte Bleibe für die gläubigen Menschen zu errichten.1006 Dort sitzt der Gottmensch zur Rechten Gottes, um über alle Werke Gottes zu herrschen, zum Lobpreis seines Namens und zum Trost und Heil der angefochtenen Kirche.1007 Die „Loci“ führen als praktischen Nutzen an, dass die Erniedrigung die Menschenfreundlichkeit Christi zeigt. Gleichzeitig gilt es aber, dem Beispiel Christi zu folgen, dabei darf sich der Gläubige einer Belohnung gewiss sein.1008

3.2.3.2.„Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Vorweg sei angemerkt, dass die Darstellung der Ständelehre, wie sie die beiden pietistischen Werke vornehmen, gewisse Probleme bereitet. Die ← 159 | 160 → „Grundlegung“ behandelt beide Stände auf dieselbe Art und Weise als dritten Teil der Lehre von Christus. Die „GlL“ hingegen hat eine geschlossene dogmatische Abhandlung nur zum Stand der Erniedrigung, wobei sie sich nochmals separat zu Geburt und Leiden Christi äußert. Für die Erhöhung gibt es keine geschlossene dogmatische Abhandlung in der „GlL“, sondern nur Lehrstücke zu ihren einzelnen Stufen. Legt man nun diese einzelnen Lehrstücke zu Grunde, so nimmt die Erhöhung einen viel größeren Umfang ein als die Erniedrigung. Dass dies nicht Intention der „GlL“ ist, wird darin deutlich, dass im Register beide Stände gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es bietet sich daher an, ausgehend von der „Grundlegung“ bei der „GlL“, nur Ausgewähltes aus der Schilderung der einzelnen Stufen der Erhöhung heranzuziehen.

Ausgehend von Phil. 2,6–8 beschreiben „Grundlegung“ wie „GlL“ den Stand der Erniedrigung, der als freiwilliger Akt mit der Ablegung der göttlichen Gestalt und der Annahme der Knechtsgestalt beginnt.1009 Eine ausführliche Beschreibung, wie diese Ablegung und Annahme geschieht, findet sich lediglich in der „GlL“.1010 Jesus Christus behält für Freylinghausen und Spener gewisse göttliche Eigenschaften, sonst hätte er die ihm zugeschriebenen Wunderwerke, insbesondere die Auferweckung von den Toten, nicht vollbringen können, wie beide Texte betonen.1011 Der Grund der Erniedrigung ist im menschlichen Fall zu suchen, führt doch dieser dazu, dass der göttlichen Gerechtigkeit durch das Opfer des menschgewordenen Christus Genüge getan werden musste.1012 Die Geburt, das Leiden unter Pontius Pilatus, die Kreuzigung, der Tod am Kreuz und das Begräbnis bilden die Stationen der Erniedrigung.1013 Die „Grundlegung“ nennt zusätzlich die Kinder- und Jugendzeit.1014 Direkte Verknüpfungen mit der Soteriologie finden sich in der „Grundlegung“ nur für die Kreuzigung, den Tod am Kreuz und das Begräbnis; die „GlL“ erweitert dies um die Geburt.1015 Die Pflichten aus dieser Lehre bestehen vor allem darin, sich ← 160 | 161 → Christus zum Vorbild zu nehmen und anderen zu dienen.1016 Tröstlich ist es zu wissen, dass es durch Christus zu einer vollkommenen Bezahlung aller Schuld gekommen ist.1017 Zusätzlich nennt die „Grundlegung“, dass Christus alles Leid wie auch den Tod überwindet.1018

Die Erhöhung beginnt damit, dass Jesus Christus die angenommenen Schwächen ablegt1019 und über verschiedene Stufen zur Majestät und Herrlichkeit hinaufsteigt. Die „Grundlegung“ ergänzt, dass Christus in diesem Stand seine göttliche Majestät wieder voll nutzt und dass er seine Herrlichkeit vor den Menschen offenbaren wird. Dieser Stand ist nicht nur in der Erfordernis eines Heilands gegründet, sondern auch in der Notwendigkeit einer Mitteilung der Erlösung, was ausgeschlossen wäre, wenn Christus im Tod geblieben wäre.1020 Die einzelnen Stufen der Erhöhung sind für die „Grundlegung“ die Höllenfahrt, die Auferstehung, die Himmelfahrt, das Sitzen zur Rechten Gottes und Christi Zukunft zum Gericht.1021 Die „GlL“ streicht lediglich die Höllenfahrt,1022 sie dient nach der „Grundlegung“ mit Verweis auf Luther dazu, dass weder Teufel noch Hölle den Gläubigen gefangen nehmen können. Als Nächstes schildert die „Grundlegung“ die Auferstehung Christi,1023 mit der die „GlL“ ihre Lehre von der Erhöhung Christi beginnt. Die „Grundlegung“ führt zur Auferstehung nur aus, dass sie in der Bibel nachzulesen ist, und verweist darauf, dass ihr durch die Heilige Schrift eine besondere Kraft zugeschrieben wird.1024 Die „GlL“ äußert sich noch zum Subjekt der Auferstehung (Jesus Christus nach seinen beiden Naturen),1025 zu den Elementen der Auferstehung (Wiederlebendigmachung, ← 161 | 162 → Annahme des verklärten Leibes und Offenbarung seiner Auferstehung)1026 sowie zu ihrem Zweck (Christi Eingang in die Herrlichkeit, Versicherung der Erlösung, Schenkung der Kraft zu einem geistlichen Leben und Auferstehung der Gläubigen).1027 Als Nächstes kommt für die „Grundlegung“ und die „GlL“ die Himmelfahrt Christi.1028 Diese muss für die „Grundlegung“ dazu führen, dass es zur Gleichgesinntheit im Geist mit Jesus Christus kommt.1029 Die „GlL“ äußert sich zu Person (Jesus Christus vor allem nach seiner göttlichen Natur), Eigenschaften (wahrhaftig, sichtbar, herrlich), Ziel (Himmel) und Früchten der Himmelfahrt (Christi Sitzen zur Rechten Gottes, Fürbitte Christi für die Gläubigen, Austeilung der Heilsgaben, insbesondere Sendung des Heiligen Geistes und Eingang Christi in den Himmel der Seligen).1030 Auf die Himmelfahrt folgt für die „Grundlegung“ und die „GlL“ das Sitzen zur Rechten Gottes.1031 Mit dieser Erhöhung zur Rechten Gottes sind für die „GlL“ acht Verrichtungen verbunden: Unterwerfung aller Feinde Christi, Gründung seines Gnadenreiches auf Erden, Verwaltung des Priestertums, Allgegenwart im Himmel und auf Erden, Sendung des Heiligen Geistes, Scheidung der Menschen am Jüngsten Gericht und der Beginn seiner Anbetung durch alle Kreaturen.1032 Die nächste Stufe der Erhöhung ist für Freylinghausen und Spener Christi Zukunft zum Gericht.1033 Diesem Gericht gehen für die „GlL“ kosmische und kirchengeschichtliche Ereignisse voraus.1034 Diese Ansicht ist für den Pietismus nicht ungewöhnlich,1035 wird aber in der „Grundlegung“ nicht ausgeführt.

← 162 | 163 → Die „Grundlegung“ nennt eine Reihe von Pflichten, die aus der Lehre von der Erhöhung folgen, nämlich Gott dafür zu danken, sich dem Erhöhten zu unterwerfen, die Auferstehung Christi zu verkündigen und auf die Offenbarung der großen Majestät Christi und seiner Herrlichkeit im Glauben zu hoffen und zu warten.1036 Da die „GlL“ sich mit jeder Stufe der Erhöhung einzeln befasst, führt sie wesentlich mehr Pflichten als die „Grundlegung“ auf. Die Hauptschwerpunkte liegen dabei darauf, das Irdische gering zu achten1037 und ein neues Leben zu führen.1038 Außerdem soll das Vertrauen allein auf Jesus Christus als Heiland gesetzt und sich diesem unterworfen werden.1039 Der Trost besteht für die „Grundlegung“ darin, dass die Erlösung gewiss ist, dass Jesus Christus die Gläubigen an seinem ganzen Verdienst teilhaftig werden lässt und dass seine Herrlichkeit auch ihre Herrlichkeit sein wird.1040 Wie bei den Pflichten, so hat die „GlL“ auch beim Trost wesentlich mehr Ausführungen, da sie sich mit jeder Stufe der Erhöhung einzeln befasst. Die Hauptschwerpunkte sind hier, dass der erhöhte Christus für die Seinigen sorgt,1041 was sich darin äußert, dass er in allen Nöten gegenwärtig ist1042 und er Kräfte für ein gottseliges Leben schenkt.1043 Außerdem sind die Erlösung und die zukünftige Gemeinschaft mit Gott sicher.1044

3.2.3.3.Fazit: Die große Bedeutung der Ständelehre in der „Theologia“

Zunächst sei wieder auf die materialdogmatischen Aussagen eingegangen. Alle vier Dogmatiken teilen die Vorstellung, dass Jesus Christus den Stand der Erhöhung und der Erniedrigung innehatte, wobei letztere in ihrem Umfang von allen gleich bestimmt wird. In der „GlL“ fehlt die Höllenfahrt als erste Stufe der Erhöhung. Ansonsten herrscht auch hier Einigkeit. Das ← 163 | 164 → Auftreten Christi als Richter bildet in den beiden pietistischen Entwürfen die letzte Stufe der Erhöhung, während diese für die beiden lutherisch-orthodoxen Werke bereits mit dem Sitzen zur Rechten Gottes erreicht ist.

Der Hauptunterschied findet sich im Umfang, den sie der Ständelehre einräumen. Dabei lässt sich keine lineare Entwicklung von lutherischer Orthodoxie zum Pietismus erkennen. Wie Richard Schröder bereits festgestellt hat, ist die Ständelehre in Gerhards „Loci“ nur ein Anhang der Personenlehre und besonders des genus majestatis.

In der „Theologia“ bildet sie hingegen neben der Personlehre den Schwerpunkt innerhalb der Christologie. Mit der Betonung dieses eigenen Wertes der Ständelehre schließt die „Theologia“ an eine Bewegung an, die bereits in den verschiedenen Editionen der „Loci“ begonnen hat.1045 Ihre ausführliche Beschreibung bei König ist auf den Kenosis-Krypsis-Streit zwischen Gießen und Tübingen zurückzuführen, der sich auch um die Frage drehte, wie von Christus Allgegenwart ausgesagt werden kann, wenn dieser doch im Stand der Erniedrigung nicht allgegenwärtig ist.1046 Mit der Vorstellung der Abgabe der göttlichen Eigenschaften in der Erniedrigung steht König auf Gießener Seite.

Bei den beiden Pietisten spielt die Ständelehre nicht mehr die große Rolle, wie dies in der „Theologia“ der Fall war, allerdings wird sie auch nicht ganz so am Rande behandelt wie in den „Loci“. So nennen beide jeweils Pflichten und Trost sowohl für die Erhöhung als auch für die Erniedrigung. Allerdings wird im Gegensatz zu der „Theologia“ nicht mehr jede einzelne Standesstufe mit der Soteriologie verknüpft, es bleibt bei einer Auswahl.

3.2.4.Die Erlösung als Werk Christi in „Theologia“ und „Glaubenslehre“

Zur Erlösung äußern sich nur die „Theologia“ und die „GlL“ in jeweils einem eigenen Lehrstück. Die „Loci“ behandeln sie nicht gesondert, sie streifen sie recht kurz innerhalb des dritten Beweises der Gottheit Christi.1047 In der „Grundlegung“ fehlt sie als eigene Lehre komplett. Die Erlösung ← 164 | 165 → ist für die „Theologia“ und die „GlL“ ein Werk Christi,1048 das er nur tun kann, weil er zum Blutsbruder der Menschen geworden ist.1049 Ihr Objekt sind letztendlich alle Menschen,1050 auch wenn die „GlL“ betont, dass es zunächst das Volk Israel und erst dann die Heiden sind.1051 Derjenige, der den Menschen gefangen hält, ist für die „Theologia“ entweder Gott oder der Teufel.1052 Die „GlL“ hingegen nennt nur den Teufel.1053 Das Mittel der Erlösung ist der Loskauf, der sich im leidenden Gehorsam am Kreuz vollzieht.1054 Die „GlL“ ergänzt, dass sich der Loskauf auch im Halten des Gesetzes ausdrückt.1055 Ihre Form besteht für die „Theologia“ in der genugtuenden Befreiung vom Zorn Gottes, vom Gesetzesfluch, von der Sünde, vom Teufel, vom Tod und von der Hölle. Der Zweck der Erlösung besteht für die „Theologia“ von der Seite Gottes im Erweis seiner herrlichen Weisheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, für den Menschen ist der Zweck der Erlösung das Heil.1056 Letzteres kann als Überschrift für die Zweckbestimmung der „GlL“ dienen, die in der Vergebung der Sünden, der ewigen Seligkeit, der Bekehrung zur wahren Buße und zum Glauben, in der Versetzung in das Reich Gottes und in einem gottgefälligen Leben besteht.1057 Die anthropologische Zuspitzung der Lehre durch den Pietismus wird auch in diesem Dogma deutlich. So betont die „GlL“ die Notwendigkeit, nach einem heiligen Leben zu streben und der Welt abzusterben.1058 Tröstend ist es zu wissen, dass dank der Erlösung ein heiliges Leben möglich ist, dass die Mühe um ein gottseliges Leben nicht umsonst sein wird, dass der Heiland gnädig mit den menschlichen Fehlern umgeht und dass es im Himmel keine Versuchungen geben wird.1059

← 165 | 166 → Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die „Theologia“ und die „GlL“ in den wichtigsten Punkten der Lehre von der Erlösung (Subjekt, Objekt, Mittel, letztendliches Ziel) nicht sehr voneinander unterscheiden. Durch die Formulierung von Pflichten und Trost kommt es durch die „GlL“ zu einer stärkeren Zuspitzung auf den Menschen. Es stellt sich die Frage, warum sich die „Theologia“ und die „GlL“, im Gegensatz zu den „Loci“ und der „Grundlegung“, gesondert mit der Erlösung beschäftigen. Zunächst ist die Begründung wichtig, warum es in der „Theologia“ und der „GlL“ diese Behandlung gibt. Bei der „Theologia“ hängt dies mit dem Aufbau der Dogmatik zusammen, erfolgt doch immer eine Trennung zwischen der Person der Trinität und dem ihr zuzuordnenden Heilsprinzip. So steht die Lehre von Gott im ersten Teil der Dogmatik, das dazugehörige Heilsprinzip „allgemeines Wohlwollen Gottes“ hingegen im letzen Teil. Gleiches gilt für die Lehre vom Heiligen Geist. Bei der Christologie fällt auf, dass sie fast vollständig im dritten Teil der Dogmatik ausgeführt wird, aber auch hier findet eine Trennung in Person und Werk statt. Bei der „GlL“ erklärt sich die gesonderte Behandlung dadurch, dass sie in ihrem Aufriss jeder trinitarischen Person ein Werk zuordnet und dieses einzeln behandelt: dem Vater die Schöpfung und Erhaltung, dem Sohn die Erlösung und dem Heiligen Geist die Heiligung.

Bleibt die Frage, warum die „Loci“ und die „Grundlegung“ auf eine solche Behandlung verzichten. Die „Loci“ widmen sich der Erlösung nicht in einem eigenen Kapitel, weil sie diese als ein göttliches Werk Christi ansieht, welches gleichberechtigt neben anderen Werken Christi steht (Schöpfung, Erhaltung der Schöpfung, Wunder, Sammlung der Christenheit, Sendung des Heiligen Geistes, Sendung der Engel, Sündenvergebung, Auferweckung der Toten, Halten des Weltgerichts und Heil der Menschen).1060 Hierin unterscheidet sich Gerhard von allen drei anderen Theologen, die die Erlösung als das Werk Christi ansehen und es eben nicht als eines unter vielen bezeichnen.

Das Fehlen selbständiger Ausführungen zur Erlösung in der „Grundlegung“ kann nicht abschließend erklärt werden. Es ist auffällig, dass Freylinghausen zwar Gott als Vater noch Werke zuschreibt, dies aber bei Christus und dem Heiligen Geist unterlässt. Sieht man sich die Gliederung ← 166 | 167 → der „Grundlegung“ an, so ist es naheliegend, dass der gesamte Gnadenstand des Menschen als das Werk Christi angesehen wird.

3.2.5.Fazit: Christus als Geschenk und ethisches Vorbild

Sieht man sich die gesamte Christologie der lutherisch-orthodoxen und der pietistischen Werke an, so lässt sich, über die bisherigen Befunde hinaus, Folgendes feststellen: In den beiden lutherisch-orthodoxen Werken und besonders in der „Theologia“ erscheint Christus vor allem als Geschenk an den Gläubigen. In den „Loci“ werden aus der Christologie neben dem Trost auch Pflichten abgeleitet, sie nehmen aber keinen sehr großen Raum ein und bestehen vor allem darin, Christus nachzufolgen. Eine Forderung, die König sicherlich so auch geteilt hätte, da die Nachfolge Christi unverzichtbar zum Christentum hinzugehört.

In den beiden pietistischen Entwürfen wird die Spannung zwischen der Vorstellung, dass Christus alles getan hat, dass er Geschenk Gottes ist, und der Idee, dass ihm nachzufolgen ist, deutlich verstärkt. Dass sich Jesus Christus den Menschen geschenkt hat, findet seinen Ausdruck in den Abschnitten, in denen Trost formuliert wird. So ist Jesus Christus zum Blutsbruder geworden, er gibt und will Erlösung, die Sündenvergebung ist bereits geschehen. Spener und Freylinghausen formulieren, dass es Erlösung für alle gläubigen Menschen ohne Wenn und Aber gibt, dass Christus die Kraft gibt, das Leben zu bestehen, und dass er für die Seinigen einsteht. Auf der anderen Seite erwachsen aus der Christologie Pflichten, die sich so zusammenfassen lassen, dass der Sohn Gottes nicht nur zur Rechtfertigung, sondern auch zur Heiligung angenommen werden soll, wie es Freylinghausen in seiner Vorrede formuliert.1061 Jesus Christus rückt noch stärker in die Position eines Vorbilds, als dies in den „Loci“ der Fall ist. Dies drückt sich darin aus, dass die Forderung der Nachfolge noch stärker ausgebaut wird. Daneben tritt die Forderung nach einem neuen Leben: Der Mensch soll sich von der Sünde abwenden, der Welt entsagen, Buße tun und Nächstenliebe üben. Grundsätzlich sind dies alles keine neuen Gedanken, jedoch werden sie entschiedener vorgetragen. Problematisch an diesem Ansatz ist, dass die einzigartige, befreiende Tat Christi durch die ← 167 | 168 → umfängliche Reihe von Pflichten verdeckt werden kann. Sicherlich ist es ein berechtigtes Anliegen, die Nachfolge Christi einzufordern, handelt es sich doch um ein biblisches Anliegen. Aber unbeantwortet bleibt die Frage, inwieweit der Unterschied zwischen Christus und dem sündigen Menschen gewahrt wird, wenn dieser so stark dazu aufgefordert wird, diesem ähnlich zu werden. Es bleibt die Gefahr einer Überforderung des sündigen Menschen, so dass die Frage berechtigt ist, inwieweit sein Sünderdasein als Lebensrealität ernst genommen wird. Die Spannung zwischen simul iustus et peccator droht in Richtung des iustus aufgelöst zu werden.

3.3.Der Heilige Geist

3.3.1.„Theologia“ und „Locorum“

Allgemein sei darauf hingewiesen, dass sich die Pneumatologie bei Gerhard nur innerhalb der Lehre vom Wesen Gottes1062 und nur, wie in C 3.1. dargestellt, in „Locorum“ findet. In der „Theologia“ wird die Pneumatologie sowohl in der Lehre vom Wesen Gottes1063 als auch in der von den Heilsprinzipien beschrieben.1064 Die wahre Gottheit des Heiligen Geistes lässt sich für beide Werke anhand der göttlichen Namen,1065 der göttlichen Eigenschaften,1066 der göttlichen Werke1067 und der Verehrung als Gott belegen.1068 Auf diese Einsicht legt „Locorum“ einen großen Wert,1069 was sich werkintern erklären lässt. Die Pneumatologie steht bei Gerhard in den „Locorum“ nur innerhalb der Lehre von Gottes Wesen, ihr geht der Locus „Von Gott dem Vater und dem ewigen Sohn“ voraus. Auch dieser besteht fast nur aus dem Nachweis der Gottheit Christi. Gerhard baut also beide Stücke parallel, sein primäres Anliegen besteht darin, die Göttlichkeit der beiden trinitarischen Personen nachzuweisen. Kommt Gerhard dann im Locus „Von Person und Amt Christi“ noch ausführlicher auf Person und ← 168 | 169 → Amt zu sprechen, fehlt ein solches Äquivalent zum Heiligen Geist in den verschiedenen Fassungen der „Loci“.

„Theologia“ und „Locorum“ halten fest, dass der Heilige Geist eine Person ist.1070 Das persönliche Unterschiedensein von Vater und Sohn lässt sich durch die personale Eigenheit, die Erscheinung bei der Taufe Christi, die Sendung durch Vater und Sohn, die Ausgießung an Pfingsten sowie die Aussage Jesu in Joh. 14,16 beweisen, wonach der Tröster ein anderer als er selbst sein wird.,1071 „Locorum“ nennt noch weitere Gründe.1072 Die personale Eigenheit des Heiligen Geistes im Verhältnis zu den beiden anderen trinitarischen Personen ergibt sich in der „Theologia“ aus der Hauchung, die dann die Sendung zur Folge hat.1073 Für „Locorum“ hingegen besteht die personale Eigenheit im Ausgehen,1074 dessen Folge wiederum die Sendung ist.1075 Die Ausformulierung von einer Eigenheit nach außen findet sich nur in der „Theologia“ und besteht in der Heiligung.1076 Dogmatisch geht es in der Frage nach der personalen Eigenheit nach außen darum, wie der Heilige Geist nach außen, d. h. in den gläubigen Menschen wirkt. Nach „Locorum“ tut er das, indem er die Wiedergeburt und die Erneuerung hervorbringt.1077 Nur an bestimmten Personen wirkt der Heilige Geist die Einsetzung ins Predigtamt, die Ausgießung seiner selbst an Pfingsten, die Enthüllung zukünftiger Ereignisse, die Wegrückung frommer Personen an einen anderen Ort und die Entrückung.1078 Der Nutzen der Lehre (usus practicus) vom Heiligen Geist ist für Gerhard darin zu sehen, dass seine Gabe ein klares Zeugnis der göttlichen Liebe ist, dass sein Wohnen im Menschen nach außen sichtbar ist und dass alle seine Gaben durch das Gebet vermehrt werden können. Es ist nötig, sich vor Sünden gegen das Gewissen zu hüten, da dadurch der Heilige Geist verloren gehen kann.1079

← 169 | 170 → Nur in der „Theologia“ findet sich die Pneumatologie auch außerhalb der Lehre vom Wesen Gottes, nämlich innerhalb der Lehre von den Heilsprinzipen. Hier wird besonders auf die Verbindung zwischen Soteriologie und Pneumatologie eingegangen, denn das dritte Heilsprinzip ist die zueignende Gnade des Heiligen Geistes. Ihre wichtigsten Handlungen sind die gnädige Berufung, die Wiedergeburt, die Bekehrung, die mystische Einheit der Glaubenden mit Gott und die Erneuerung.1080 Die Verbindung von Heiligem Geist mit Erneuerung und Wiedergeburt fand sich bereits in „Locorum“.1081

3.3.2.„Grundlegung“ und „Glaubenslehre“

Die Lehre vom Heiligen Geist ist für die „GlL“ einer der Hauptartikel des gesamten christlichen Glaubens.1082 Für die „Grundlegung“ und die „GlL“ muss er hinsichtlich seiner Person, seines Amtes und seiner Werke betrachtet werden. Sowohl Spener als auch Freylinghausen weisen darauf hin, dass die Werke des Heiligen Geistes an anderer Stelle zu beschreiben sind.1083 Es kann dann festgestellt werden, dass die „Grundlegung“ Person und Amt des Heiligen Geistes in einem Lehrartikel darstellt, während die „GlL“ diese separiert. Dies hat zur Folge, dass die „GlL“ sowohl für die Person als auch für das Amt des Heiligen Geistes Pflichten und Trost formuliert, während eine solche Trennung in der „Grundlegung“ nicht stattfindet. Dabei unterscheiden sich die Pflichten, die Spener jeweils nennt, nicht stark voneinander. Daher ist es sinnvoll, sie zusammenzufassen.

Die wahre Gottheit lässt sich für die „Grundlegung“ und die „GlL“ aus den göttlichen Namen (Jehova), aus den göttlichen Eigenschaften (Allgegenwart, Ewigkeit, Allmacht u. a.), göttlichen Werken (Schöpfung, Erleuchtung, Sendung der Lehrer u. a.) und der göttlichen Ehre beweisen.1084 Die „Grundlegung“ fügt als weiteren Beweis hinzu, dass das, was im Alten ← 170 | 171 → Testament von Gott ausgesagt wird, im Neuen Testament auch dem Heiligen Geist zugeschrieben wird.1085 Seine göttlichen Eigenschaften sind für die „Grundlegung“ und die „GlL“ Allgegenwart, Ewigkeit und Allwissenheit. Seine Werke sind neben der Schöpfung die Heiligung und die Wiedergeburt.1086 Diese Aufzählung, welche die „Grundlegung“ und die „GlL“ hier vornehmen, ist jedoch unvollständig, da beide im Zusammenhang der Berufung betonen, dass diese besonders vom Heiligen Geist ausgeht.1087 Die „Grundlegung“ nennt noch die Austeilung von Gaben und die Sendung der Lehrer und Prediger als besondere Werke des Heiligen Geistes. Ob die Erleuchtung bei Freylinghausen speziell dem Heiligen Geist zuzuordnen ist, lässt sich nicht klären: Gelegentlich wird dies bejaht,1088 andererseits findet sich in dem eigenen Lehrartikel zur Erleuchtung eine gleichberechtigte Zuordnung auf alle drei trinitarischen Personen.1089 Die „GlL“ nennt neben Berufung, Wiedergeburt und Heiligung die Gnadenerleuchtung1090 sowie die geistliche Vereinigung1091 als Werke des Heiligen Geistes.

Die „Grundlegung“ und die „GlL“ halten daran fest, dass der Heilige Geist eine wahrhaftige Person ist.1092 Seine Besonderheit ist, dass er vom Vater und vom Sohn ausgeht und gesendet wird.1093 Diese Sendung geschieht entweder außerordentlich und sichtbar, wie an Pfingsten, oder ordentlich und unsichtbar durch das Wort Gottes und die Sakramente.1094 Detailliert äußert sich die „GlL“ zur ordentlich-unsichtbaren Sendung des Heiligen Geistes. Sie steht nach der Personenlehre und vor der Beschreibung der Wirkungen. Dies ist damit zu begründen, dass zunächst die Person des Heiligen Geistes beschrieben werden muss. Erst danach ist es möglich, sich der Sendung zuzuwenden, die verschiedene Wirkungen im Menschen zur ← 171 | 172 → Folge hat. Dogmatisch steht hinter der Beschreibung der Sendung das Anliegen aufzuzeigen, wie Gott die Heiligung im Menschen bewerkstelligt. Die Sendung des Heiligen Geistes geschieht immer wieder und wird von den drei trinitarischen Personen unter Zuhilfenahme von Wort und Sakrament vollzogen.1095 Damit grenzt sich Spener gegenüber den Spiritualisten ab, die eine unmittelbare Offenbarung des Heiligen Geistes lehrten.1096 Grundsätzlich will Gott den Heiligen Geist allen Menschen schenken, diejenigen aber, welche sich weder seiner Mittel bedienen noch sich zur Buße bringen lassen, erhalten ihn nicht.1097 In den Bußfertigen wohnt der Heilige Geist ein und schenkt ihnen verschiedene Gaben.1098 Die Wirkungen, die sich aus der Sendung ergeben, sind vierfach: Erleuchtung, Antreiben zum Guten, Trost und beständige Erhaltung bis an das Ende.1099

Die „Grundlegung“ und die „GlL“ beschäftigen sich mit dem vierfachen Amt des Heiligen Geistes: nämlich zu strafen, zu lehren, zu vermahnen und zu trösten. Das Strafamt trifft sowohl die Welt als auch die Gläubigen, erstere jedoch in viel stärkerem Maße.1100 Grundsätzlich hat es zwei Orte: das Gewissen und die Gesetzespredigt;1101 die „GlL“ fügt das Herz des Menschen als dritten Ort hinzu,1102 die „Grundlegung“ nennt noch weitere Fälle.1103 Bei den Ungläubigen hat das Strafamt den Zweck, sie zur wahren Buße und Bekehrung zu bringen. Bei den Gläubigen dient es zur Förderung der täglichen Reue. Es verkörpert in zweierlei Hinsicht das zentrale Amt: Es führt zu Buße und Bekehrung, mit denen der Glaube direkt verbunden ist, alle anderen Ämter gelten nur für diejenigen, die sich vorher strafen ließen. Das Lehramt richtet sich nur an diejenigen, die Buße getan haben.1104 Nach der „Grundlegung“ zeigt der Heilige Geist ← 172 | 173 → den Bekehrten die himmlischen Wahrheiten so lebendig und kräftig, dass sie diese als Wahrheit erkennen.1105 Was dies konkret bedeutet, zeigt sich in der „GlL“. Ihr zur Folge lehrt der Heilige Geist den Gläubigen, was sie glauben (Dogmatik) und wie sie leben sollen (Ethik). Weitere Ausführungen zum Lehramt finden sich nur in der „GlL“. Ihr Medium ist die Bibel1106 und ihr Zweck besteht in der Wirkung des Glaubens, der wiederum das einzige Mittel ist, durch das der Mensch selig werden kann. Der Heilige Geist muss, im Gegensatz zum Strafamt, im Lehramt täglich wirken, damit die Erkenntnis und der Glaube wachsen können.1107 Das Vermahn- oder Treibamt betrifft nach der „Grundlegung“ und der „GlL“ nur die Kinder Gottes. Diese werden von den Sünden zum Guten bewegt und dazu veranlasst, die Welt zu verachten, den Nächsten und Gott zu lieben sowie oft zu beten. Die Mittel dieses Amtes sind das göttliche Wort,1108 die „GlL“ nennt noch den inneren Trieb, den jeder Gläubige, der das Wort und den Willen Gottes erkannt hat, in sich trägt. Sein Zweck besteht für die „GlL“ in der Zunahme der Heiligung und der guten Werke bei den Kindern Gottes.1109 Das Trostamt betrifft für Spener und Freylinghausen wieder nur die Gläubigen, dabei bedient sich der Heilige Geist des Wortes. Der Zweck dieses Amtes besteht vor allem in dem Frieden der Seele.1110 Die „Grundlegung“ nennt noch die Befestigung im Guten,1111 alternativ dazu nennt die „GlL“ die Hilfe gegen alle Anfechtungen und den Vorgeschmack auf das ewige Leben.1112

Die Pflichten gegenüber der Lehre vom Heiligen Geist bestehen für die „Grundlegung“ und die „GlL“ in der sorgfältigen Prüfung, ob der Geist Christi einwohnt.1113 Dieser Punkt ist der „GlL“ deshalb so wichtig, weil an der Einwohnung des Geistes der rechte Glaube erkannt werden kann. ← 173 | 174 → Ob dies geschehen ist, lässt sich daran sehen, dass es zum Versuch kommt, die Gebote zu halten und die Welt gering zu achten. Spener begegnet in der „GlL“ dem Einwand, dass diese Lehre unlutherisch sei, mit dem Hinweis auf die Vorrede Luthers zum Römerbrief. Der wahre Glaube zeigt sich daran, dass er den Heiligen Geist mit sich bringt.1114 Wenn man dessen Einwohnung als Gradmesser des wahren Glaubens anlegt, so gibt es nach Spener nur wenige wahre Gläubige, dies ist aber nicht die Schuld des Heiligen Geistes, sondern der Menschen.1115 Als weitere Pflichten nennen die „Grundlegung“ und die „GlL“, dass der Mensch sich den verschiedenen Ämtern des Heiligen Geistes nicht verschließen, sondern diese an sich wirken lassen soll.1116 Besonders wichtig ist es der „GlL“, dass dem Strafamt Platz eingeräumt wird, da es zur Aufdeckung der Sünden führt und somit zur Buße treibt, mit der dann der Glaube zusammenhängt.1117 Als Trost halten die „Grundlegung“ und die „GlL“ fest, dass Gott den Heiligen Geist schenken will und dass durch dessen Einwohnung die Seligkeit sicher ist.1118 Die „Grundlegung“ nennt noch, dass die Gläubigen die Gewissheit besitzen, ihnen werde es nicht an göttlicher Kraft zur wahren Heiligung mangeln.1119 In eine ähnliche Richtung weist die „GlL“, wenn sie betont, dass der Gläubige durch den Heiligen Geist alles hat, was er im Leben und Sterben benötigt.1120

3.3.3.Fazit

Bei der Lehre von der Pneumatologie zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Konzepten, vorher seien aber kurz noch die Gemeinsamkeiten genannt. Der Beweis der Gottheit des Heiligen Geistes wird bei allen anhand seiner göttlichen Namen, Eigenschaften, Werke und seiner Verehrung als Gott geführt. Weiter zeigen alle vier Theologen auf, dass der Heilige Geist eine eigene Person ist und wie er sich von den anderen trinitarischen Personen unterscheidet. Außerdem hat der Heilige Geist ← 174 | 175 → für alle vier Theologen zwei besondere Eigenheiten. Er ist nicht geboren und wird von Vater und Sohn gesendet.

Die Unterschiede zwischen den Konzepten lassen sich nicht einfach theologiegeschichtlich erklären, denn wie schon gezeigt wurde, gibt es bereits Unterschiede zwischen „Locorum“ und der „Theologia“ sowie in kleinerem Rahmen zwischen der „GlL“ und der „Grundlegung“. Im Folgenden sollen noch zwei besonders wichtige Sachverhalte miteinander verglichen werden. Als erstes fällt ins Auge, dass die „Grundlegung“ und die „GlL“ ein vierfaches Amt des Heiligen Geistes ausweisen, was in „Locorum“ und der „Theologia“ fehlt. Hier stellt sich die Frage nach Herkunft und Wirkungsgeschichte dieser Lehre. Danach soll untersucht werden, welche Verbindungen die einzelnen Entwürfe zwischen der Pneumatologie und der Soteriologie herstellen.

3.3.3.1.Die Einführung des vierfachen Amtes des Heiligen Geistes in die Dogmatik durch Philipp Jakob Spener

In der „GlL“ und der „Grundlegung“ begegnet im Gegensatz zu den beiden lutherisch-orthodoxen Werken das vierfache Amt des Heiligen Geistes. Zur Herkunft des so wichtigen vierfachen Amtes finden sich Hinweise weder in der „GlL“, der „Grundlegung“ noch in einschlägiger Sekundärliteratur1121 oder in den theologischen Standardlexika.1122 Liegt so der Verdacht nahe, dass es sich um ein Spezifikum der „GlL“ und der „Grundlegung“ handeln könnte, spricht die verschiedentliche Aufführung ← 175 | 176 → dieser Lehre in diversen Wörterbüchern und Enzyklopädien dagegen.1123 Wenn es also kein auf die Werke Speners und Freylinghausens beschränktes Lehrstück ist, stellt sich die Frage, woher die beiden es haben könnten. Aufgrund einer Erläuterung von Luthers Kleinem Katechismus durch E. H. Kramm, in der dieser das vierfache Amt des Heiligen Geistes erwähnt und genauso beschreibt,1124 liegt die Idee nahe, den Ursprung der Ämterlehre im Katechismus zu suchen. Doch weder im Großen noch im Kleinen Katechismus wird diese Lehre erwähnt.1125 Richtet man den Blick auf das Gesamtwerk Luthers, so lässt sich Folgendes beobachten: Martin Luther kennt die Vorstellung, dass der Heilige Geist ein Amt innehat, in ← 176 | 177 → dem er tröstet, lehrt und straft.1126 Meistens äußert sich Luther im Zusammenhang mit dem Johannesevangelium zu diesen einzelnen Ämtern.1127 Von einer geschlossenen Behandlung kann aber keine Rede sein, vielmehr finden sich die Aussagen verstreut, dennoch konnten die Pietisten bei der Ausbildung ihrer Ämterlehre lediglich auf Ansätze Luthers zurückgreifen.

Offen bleibt die Frage, woher die beiden Pietisten die Vorstellung vom Zuchtamt haben und wer als erster die Ämterlehre in die Dogmatik einführte. Bei Johannes Calvin, der von Benjamin Warfield als Theologe des Heiligen Geistes bezeichnet wurde,1128 finden sich keine Ausführungen zu dieser Lehre,1129 auch in der sonstigen reformierten Dogmatik fehlt jeglicher Hinweis darauf.1130 Für Spener spielt Johann Conrad Dannhauer eine wichtige Rolle, aber in der „Hodosophia“ findet sich lediglich der Hinweis, dass der Heilige Geist Tröster ist,1131 die anderen Ämter sucht man indessen vergebens. In der „Catechismusmilch“ Dannhauers treten dann alle vier Ämter auf. Danach treibt der Heilige Geist den Menschen zum Guten an,1132 er ← 177 | 178 → lehrt1133, tröstet1134 und tritt als Advokat des Menschen auf.1135 Das deutsche Wörterbuch konstatiert dann auch, dass die Idee vom Trostamt auf Dannhauers „Catechismusmilch“ zurückgehe.1136

Danach ist anzunehmen, dass Speners Ideen zu seiner Formulierung des vierfachen Amtes des Heiligen Geistes auf Luther und Dannhauer beruhen. Ob Spener noch andere Quellen kannte, müssten weitergehende, bisher noch ausstehende Forschungen zeigen. Spener war der Erste, der das vierfache Amt des Heiligen Geistes, welches ursprünglich in der Katechetik beheimatet war, in die Dogmatik einführte und die bei Dannhauer noch verstreuten Ausführungen bündelte und ergänzte. Rüttgardt hat darauf hingewiesen, dass Spener sich auch in anderen seiner Werke zum vierfachen Amt des Heiligen Geistes äußert.1137 Ist Spener der Erste, der das vierfache Amt des Heiligen Geist in die Dogmatik einführte, musste er ihm einen größeren Raum geben als in der „Grundlegung“ Freylinghausens, da Spener das Lehrstück in all seinen Facetten erst in der Dogmatik etablieren musste. Freylinghausen konnte schließlich daran anknüpfen und sich stärker darum bemühen, die Ausführungen neben der Personenlehre in die Pneumatologie zu integrieren.

Anhand des Nachweises in verschiedenen Wörterbüchern erscheint es unwahrscheinlich, dass nur Spener und Freylinghausen ein vierfaches Amt ← 178 | 179 → des Heiligen Geistes kennen. Nach Klärung der Herkunft ist zu überlegen, inwieweit diese Lehre eine dogmatische Wirkungsgeschichte – unter besonderer Berücksichtung des Pietismus – nach sich gezogen hat. Das vierfache Amt des Heiligen Geistes findet sich nicht bei allen Pietisten. So kann es nicht verwundern, dass Bauch in seinem Werk „Die Lehre vom Wirken des Heiligen Geistes im Frühpietismus“ – einem der wenigen Werke, die einen Querschnitt der Pneumatologie des Pietismus bieten – lediglich auf das Strafamt des Heiligen Geistes hinweist.1138 Weder Breithaupt noch Francke noch Johann Albrecht Bengel (1687–1752) kennen diese Lehre.1139 Etwas ähnliches findet sich bei Lange. Dieser nennt zunächst nur ein Amt des Heiligen Geistes, bei dessen Beschreibung kommt es aber zur vierfachen Aufteilung in Lehren, Strafen, Erwecken und Trösten.1140 Rambach nennt in seinem Gesangbuch die vier von Spener und Freylinghausen bekannten Ämter,1141 fügt diesen aber noch als fünftes das Erinnerungsamt hinzu.1142 Eine exakte Entsprechung zur Lehre vom vierfachen Amt findet sich in Siegmund Baumgartens „Evangelischer Glaubenslehre“. Dies ist nicht überraschend, hat dieser doch die „Grundlegung“ zur Basis seiner Vorlesungen gemacht.1143 Außerdem ähnelt seine Dogmatik im Aufbau ← 179 | 180 → der von Freylinghausen.1144 Nach der Darstellung der Person1145 nimmt Baumgarten die Bestimmung des Amtes des Heiligen Geistes vor,1146 dieses besteht darin, dem Menschen das durch Christus erworbene Heil mitzuteilen.1147 Es wird in das Straf-, Lehr-, Zucht- und Trostamt unterteilt. Die biblische Grundlage bildet für ihn vor allem 2. Tim. 3,16 und teilweise Joh. 16,7–14.1148 Spener und Freylinghausen hingegen führen deutlich mehr Bibelstellen auf. Baumgarten füllt die Ausführungen zu dieser Lehre mit merklich mehr Inhalt als Spener und Freylinghausen. So begründet er die Reihenfolge,1149 führte verschiedene weitere Namen auf1150 und äußert sich detailliert zur Beschaffenheit des jeweiligen Amtes.1151 Bei der Bestimmung des Strafamtes kommt es zu großen inhaltlichen Gemeinsamkeiten mit Spener und Freylinghausen. So werden Fromme und Gottlose als Subjekt,1152 die Bekehrung und Besserung als Zweck genannt, außerdem spielt das Wort eine wichtige Rolle.1153 Das Lehramt richtet sich, wie bei Spener und Freylinghausen auch, nur an die Gläubigen.1154 Sein Zweck ist für Baumgarten darin zu sehen, dass der Gläubige in der heilsamen Erkenntnis Gottes wächst, sein Leben immer mehr den christlichen Maßstäben entspricht und er somit immer mehr erleuchtet wird.1155 Hierin zeigt sich eine deutliche Nähe zu Freylinghausens Bestimmung. Das Zuchtamt richtet sich für Baumgarten nur an die bekehrten Menschen,1156 wie bei Spener und Freylinghausen auch. Der Heilige Geist treibt zum christlichen ← 180 | 181 → Leben, zum Vertrauen gegenüber Gott, zur Unterwerfung unter Gott und zum tätigen Glauben an,1157 Gedanken, die sich ebenfalls bei Spener und Freylinghausen wiederfinden. Das Trostamt wird zum Schluss behandelt, weil in seinen Genuss, wie bei Spener und Freylinghausen, nur diejenigen kommen, die sich den anderen drei Ämtern gegenüber gehorsam verhalten haben. Getröstet werden die Gläubigen in allen Widerwärtigkeiten und Leiden,1158 so ähnlich formulierten es bereits Spener und Freylinghausen. Baumgarten fügt seinen Ausführungen noch je ein Kapitel über die Pflichten und eines über die tröstenden Aspekte an,1159 die aus dieser Lehre fließen. Das Dogma vom vierfachen Amt des Heiligen Geistes kommt mindestens bei zwei Schülern Baumgartens wieder vor: Johann G. Töllner (1724–1774) nennt das Strafamt (officium epanorthoticum-elenchticum), das Lehramt (didascalum), das Zuchtamt (paedeuticum) und das Trostamt (paracleticum). Einen Hinweis auf die theologiegeschichtliche Herkunft findet man bei ihm aber nicht, er verweist lediglich allgemein auf die Theologen.1160 Der andere Schüler ist der Bibliothekar, Lexikograph und Germanist Johann Christoph Adelung (1732–1806), der ein einschlägiges Lemma in sein Wörterbuch aufnimmt. Bei der Lehre vom vierfachen Amt lässt sich eine Linie von Spener über Freylinghausen bis zu Baumgarten ziehen, die sich dann in einigen seiner Schüler fortsetzt.

Außerhalb des Kreises um Baumgarten findet sich diese Lehre in Christoph Schulz1161 „Compendium“.1162 Dieser setzt sich sehr intensiv mit dem ← 181 | 182 → Heiligen Geist auseinander und nennt dabei die bereits von Spener bekannten vier Ämter.1163 Im „Catechetischen Unterricht…“, herausgegeben vom Kemptischen Predigtamt, findet sich ebenfalls eine Abhandlung zu diesem Sachverhalt.1164 Dieses Werk verweist auf die „Kurtzgefaßte Erklärung der im kleinen Catechismo Lutheri […]“ von 1753, in dem ebenfalls die Lehre vom vierfachen Amt des Heiligen Geistes behandelt würde.1165

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts greift Walther Zilz, zunächst Pastor in Oberschlesien, später Vorsitzender der Evangelischen Allianz, diese Lehre auf. Sein Konzept unterscheidet sich deutlich von den bisher dargestellten, denn er geht davon aus, dass der Heilige Geist seine vier Ämter nur an den Gläubigen ausübt. Bei ihm begegnet statt des Zuchtbegriffes der des Leitamtes. Darüber hinaus stellt er die Abhandlungsfolge um, da seiner Ansicht nach die Ämter unterschiedliche Wichtigkeiten haben. Zilz beginnt mit dem Trostamt, denn dieses ist das erste und nötigste,1166 es folgt das Strafamt, weil die Menschen sonst gleichgültig und hochmütig werden würden. Die beiden Ämter sind miteinander verbunden, denn je mehr dem Strafamt Platz gegeben wird, umso stärker ist später der Eindruck, den das Trostamt macht.1167 Als Drittes steht das Leitamt, welches der Heilige Geist im Trösten und im Strafen ausübt und das dem Gläubigen Einsicht in drei verschiedene Sachverhalte gibt.1168 Das Lehramt schließlich führt die Gläubigen immer mehr in die Schrift und somit in die Erkenntnis der ewigen Wahrheit ein. Das Ziel des vierfachen Amtes des Heiligen Geistes ist ← 182 | 183 → es, dass das Bild Jesu im Gläubigen deutlicher wird. Dies geschieht, wenn die Gläubigen immer weiter in der Heiligung und der Erkenntnis Gottes fortschreiten.1169

Als Fazit lässt sich sagen, dass die Lehre vom vierfachen Amt eine beachtliche Wirkungsgeschichte entfaltet hat, es aber keineswegs so ist, dass es bei allen Pietisten auftritt. Besonders Baumgarten und seine Schüler haben es wohl rezipiert, aber auch darüber hinaus hat es Spuren hinterlassen, was der Nachweis bei Christoph Schulz, dem Katechismuswerk der Kemptischen Kirche und in der Schrift „Kurtzgefaßte Erklärung der im kleinen Catechismo Lutherib[…]“ zeigt. Im weiteren Verlauf der Theologiegeschichte kommt es zu inhaltlichen Verschiebungen, wie das Beispiel von Walter Zilz deutlich macht. Weitere Studien zur Wirkungsgeschichte müssen folgen, hier kann nur eine Richtung für die folgenden wissenschaftlichen Untersuchungen gewiesen werden.

3.3.3.2.Das Verhältnis von Pneumatologie und Soteriologie

Alle vier Dogmatiken setzen die Pneumatologie mit der Soteriologie in Verbindung, was jedoch unterschiedlich stark und auf verschiedene Art und Weise geschieht.

In „Locorum“ wird dies darin sichtbar, dass der Heilige Geist dem Gläubigen bestimmte Gaben schenkt, besonders ist er dabei an der Wiedergeburt und der Erneuerung beteiligt. Für die „Theologia“ drückt sich die soteriologische Bedeutung des Heiligen Geistes dadurch aus, dass dieser dem Menschen die Erlösung anbietet und zueignet.1170 Dies geschieht durch Berufung, Wiedergeburt, Bekehrung samt Buße und Rechtfertigung, mystischer Einheit der Glaubenden mit Gott und Heiligung, die alle hauptsächlich vom Heiligen Geist gewirkt werden. Die Verbindung von Pneumatologie und Soteriologie zeigt sich in den pietistischen Werken dadurch, dass sie bestimmte Gnadenelemente dem Heiligen Geist zuordnen, und an der Formulierung bestimmter Ämter, die alle mit dem menschlichen Heil zu tun haben. Die „Grundlegung“ schreibt dem Heiligen Geist Berufung, Wiedergeburt und Heiligung zu, die „GlL“ fügt dem die Erleuchtung und die Einheit mit Gott zu. Bei den Ämtern ist besonders das Strafamt relevant, weil von diesem das ← 183 | 184 → Heil des Menschen und alle anderen Ämter abhängen. Das Heil wird nach Spener und Freylinghausen, wie auch nach König und in Ansätzen nach Gerhard, vom Heiligen Geist gewirkt. Dieser ist Geschenk Gottes.

In den beiden pietistischen Entwürfen tritt neben die Vorstellung, dass sich der Heilige Geist dem Menschen schenkt, die Forderung, dass der Mensch Pflichten erfüllen muss. Dabei ist die Frage berechtigt, inwieweit dadurch der Schenkungscharakter relativiert wird. Deutlich tritt dies in der Forderung hervor, wonach der Mensch prüfen soll, ob der Heilige Geist in ihm wohnt. Belässt es die „Grundlegung“ dabei, so geht die „GlL“ so weit zu sagen, dass es vom Gläubigen selbst abhängt, ob der Heilige Geist einwohnt. Nur wer versucht, die Gebote zu halten und die Welt gering zu achten, kann mit einer Einwohnung rechnen. Diese wiederum ist für die „GlL“ der Gradmesser für den wahren Glauben. Hier läuft die „GlL“ Gefahr, den Schenkungscharakter des Glaubens nicht gänzlich durchzuhalten. Dieser Problematik war sich Freylinghausen bewusst. So zieht er in der „Grundlegung“ keine Verbindung zwischen bestimmten Maßgaben, die der Mensch erfüllen muss, damit der Heilige Geist einwohnt.

4.Der Weg zum gerechtfertigten Sünder

Durch Buße und die anschließende Rechtfertigung durch den Glauben wird der Sünder zum gerechtfertigten Menschen, so die Vorstellung Gerhards, die in D. 4.1. dargelegt wird. In D. 4.2. sollen die Gnadenelemente von „Theologia“, „GlL“ und „Grundlegung“ beschrieben werden, sie stellen die Ausdifferenzierung der forensischen Rechtfertigungslehre in verschiedene Lehrstücke dar.1171 Daran schließt sich ein Vergleich zwischen der „Theologia“ und den beiden Pietisten an. Eine Miteinbeziehung der „Loci“ in diesen Vergleich ist nicht möglich, da es in ihnen, wie bereits dargelegt, keine geschlossene Behandlung von Berufung, Wiedergeburt, Heiligung u. a. gibt.

4.1.Buße und Rechtfertigungslehre in den „Loci“

Die Lehre von der Buße steht als 15. Locus im Anschluss an die Lehrstücke vom Gesetz und vom Evangelium, weil sie deren lebensvolle Anwendung ← 184 | 185 → bildet. Sich mit der Buße auseinanderzusetzen, ist für die „Loci“ sehr wichtig.1172 Bevor Gerhard die Existenz der Buße nachweist,1173 führt er eine etymologische Bestimmung durch und benennt Homo- wie Synonyme.1174 Zu Beginn führt Gerhard aus, dass die Buße sowohl Gott als auch dem Menschen zugeschrieben werden kann. Sie besteht darin, dass Gott äußere Ereignisse geschehen lässt, die, gehen sie von einem Menschen aus, sich gegenüber seinen vorherigen Handlungen als reuevoll darstellen. Von menschlicher Buße wird gesprochen, wenn es zur Änderung eines Vorsatzes kommt, doch kann auch der Akt der Bekehrung als solche aufgefasst werden. Letztere bezieht sich entweder auf die äußeren oder inneren Bewegungen der Bekehrung, die entweder als vollendete Buße oder als Reue bezeichnet wird.1175 Anlehnend an Apg. 26,18+20 wird die Buße definiert „als eine Bekehrung von der Finsternis zum Licht, von der Gewalt des Satans zu Gott, so dass wir [d. h. die Menschen] Vergebung der Sünden und das Erbe, samt denen, die geheiligt werden, empfangen und rechtschaffene Werke der Buße tun.“1176 Gerhard führt fünf Gründe an, warum die Buße kein Sakrament ist: Ihr fehlt das äußerliche und sichtbare Element,1177 und die Buße begegnet im Alten wie im Neuen Testament, Sakramente kommen aber immer nur in einem, nie in beiden Testamenten vor.1178 Sie wird von Johannes und nicht von Jesus gestiftet und hat keine große Bedeutung bei den Aposteln. Schließlich sehen auch die Kirchenväter sie nicht als Sakrament an.1179 Die prinzipielle Wirkursache (causa efficiens principalis) der Buße ist Gott allein, besonders aber der Heilige Geist, weil ihm das Werk der Bekehrung zugeschrieben wird.1180 Ihre causae instrumentalis sind Gesetz und Evangelium. Das Gesetz übernimmt die Funktion, dem Menschen seine hoffnungslose Lage vor Augen zu führen und die Annahme der Sündenvergebung ← 185 | 186 → vorzubereiten. Der gläubige Mensch wird dann durch das Evangelium getröstet.1181

Die Buße hat zwei Teile, nämlich Reue und Glauben, was die „Loci“ anhand von verschiedenen Überlegungen ausführen.1182 Die guten Werke gehören für Gerhard nicht dazu, sie sind vielmehr das Ergebnis der Buße.1183 Die Reue umfasst wahre Gotteserkenntnis, Empfinden des göttlichen Zorns über die Sünden, Gewissensängste, wahre Demütigung vor Gott, freimütiges Sündenbekenntnis und ernstliches Hassen der Sünde.1184 Ihre prinzipielle Wirkursache bildet wiederum der Heilige Geist, der sich der Gesetzespredigt bedient, um die Menschen zur Reue anzuhalten.1185 Mit der Reue sind verschiedene äußere Kennzeichen verbunden.1186 Die Abhandlung über den Glauben erfolgt bei Gerhard erst im 16. Locus. Die Früchte der Buße sind Sündenvergebung, das Erfahren der Gnade und der Gerechtigkeit Gottes, die Einwohnung des Heiligen Geistes, die Erhörung des Gebets, die Befreiung von zeitlichen Strafen und das ewige Leben. Dabei betont Gerhard, dass die Buße weder die Ursache der Sündenvergebung ist, noch dass es durch sie zur Befreiung von Leiden und Heimsuchungen kommt.1187 Vor einem Aufschub wird eindringlich gewarnt.1188 Ein usus practicus wird aus dieser Lehre nicht gezogen. Die „Loci“ definieren die Buße als Bekehrung zu Gott, die durch die Gnade des Heiligen Geistes und den Dienst des Wortes geweckt wird. Sie bewegt den Sünder zur Reue über seine Missetaten gegen Gott und führt zur Zuversicht, dass um seines Heilandes willen alle Sünden vergeben sind.1189

Im 16. Locus befassen sich die „Loci“ mit der Rechtfertigung aus dem Glauben. Das Proömium1190 stellt zunächst die Verbindung mit dem vorhergehenden Locus her, darauf folgt sodann die Beschreibung der ← 186 | 187 → prinzipiellen Wirkursache (causa efficiens principalis), der verdienstlichen (causa meritoria) und der werkzeuglichen Ursache (causa instrumentalis) der Rechtfertigung.1191 Sehr ausführlich behandeln die „Loci“ die drei Bestandteile des rechtfertigenden Glaubens,1192 danach folgen Ausführungen zu den verschiedenen Glaubensarten.1193 Nach der Nennung der causa efficiens und der causa instrumentalis1194 schließen sich Aussagen über das Objekt und den Effekt des Glaubens an.1195 Der Zusammenhang zwischen Glaube einerseits, Liebe und anderen Tugenden andererseits wird im weiteren Verlauf geschildert.1196 Bevor es zu einer Definition der Buße kommt, sind die causa formalis und die causa finalis der Rechtfertigung Gegenstand der Beschreibung. Am Ende stehen die causa formalis, die causa finalis und die Definition der Rechtfertigung.1197

Die Rechtfertigungslehre ist nach Gerhard in eindrücklicher Kürze bei Paulus behandelt. Röm. 3,23 nennt als oberste Wirkursache die Gnade des wahren Gottes, worunter dessen Barmherzigkeit, Liebe und Gunst zu verstehen sind. Verdienstliche Ursache ist die durch Christus vollbrachte Erlösung.1198 Jesus Christus begründet somit die neue Existenz des Menschen vor Gott.1199 Christi Tat bedurfte es, weil durch den Sündenfall Gottes Gerechtigkeit verletzt wurde. Um dies wieder gut zu machen, war eine vollkommene Genugtuung für die Sünde notwendig.1200 Jesus Christus wirkt auf dreifache Art die Rechtfertigung des Sünders Durch sein Verdienst wird sie erst möglich, er bietet dieses erworbene Gut allen Menschen so an, dass sie es sich aneignen können.1201 Der Mensch allein wäre dazu nicht im Stande.1202

← 187 | 188 → Die instrumentale Ursache (causa instrumentalis) der Rechtfertigung bilden von Seiten Gottes das Wort und die Sakramente, von Seiten des Menschen der Glaube.1203 Worte und Sakramente verkörpern damit die „gebende Hand Gottes“, der Glaube die „Hand“, mit welcher der Mensch die fremde Gerechtigkeit Christi ergreift.1204 Somit wird deutlich, dass der Mensch nicht gänzlich vom Vorgang der Rechtfertigung ausgeschlossen ist.1205 Sie ist also kein Akt, der außerhalb der menschlichen Wirklichkeit stattfindet.1206

Der Glaube hängt in der Regel vom Wort und den Sakramenten ab, kann aber auch ohne diese geschaffen werden.1207 Er hat seine höchste bewirkende Ursache in Gott oder – was bei Berücksichtigung der Trinitätslehre dasselbe ist – im Heiligen Geist. Er besteht aus Erkenntnis (notitia), Beifall (assensus) und Zuversicht (fiducia). Erkenntnis und Beifall beziehen sich auf den Verstand, die Zuversicht auf Herz und Willen. Erstere haben das gesamte Wort Gottes zum Gegenstand, die Zuversicht hingegen bezieht sich nur auf das Evangelium.1208 Mit der Begründung, warum diese drei Bestandteile des Glaubens sind, setzen sich die „Loci“ detailliert auseinander.1209 Die Folge des Glaubens ist, dass sich der Mensch der Gnade Gottes gewiss sein kann.1210 Der Glaube lässt sich in verschiedene Formen unterteilen,1211 und seine Wirkungen sind Sündenvergebung, Kindschaft, Ruhe des Gewissens, besonders aber die Rechtfertigung.1212 Anlehnend an die reformatorische Einsicht Luthers betonen die „Loci“, dass allein der Glaube und nicht die Werke rechtfertigen.1213

Die Gnade Gottes, der Verdienst Christi und der Glaube des Menschen bilden somit die Voraussetzungen für dessen Errettung.1214 Sie besteht in ← 188 | 189 → der Vergebung der Sünden, die realiter identisch mit der Zurechnung der Gerechtigkeit Christi ist.1215 Dass es sich nicht um eine innewohnende Gerechtigkeit handelt, belegen die „Loci“ sehr ausführlich,1216 was mit der starken Kritik Bellarmins an dieser Vorstellung zu tun hat.1217 Die Zweckursache (causa finalis) der Rechtfertigung ist auf der Seite des Menschen sowohl Friede und Ruhe im Diesseitigen als auch ewige Wohlfahrt und Seligkeit für das jenseitige Leben. Auf der Seite Gottes ist die Zweckursache sein Ruhm. Ihre Wirkungen sind u. a. die guten Werke und die Heiligung.1218 Die Rechtfertigung soll zur öffentlichen Anerkennung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes sowie einem sicheren Trost des Gewissens und zur dankbaren Gesinnung durch gute Werke führen. In § 251 fasst Gerhard das bisher Ausgeführte zusammen: „Die Rechtfertigung ist ein Werk des dreieinigen Gottes, durch welches er aus Gnaden und um Christi Verdienst willen den Sündern ohne ihr Zutun die Sünden vergibt, Christi Gerechtigkeit zurechnet und die Sünder zum ewigen Leben annimmt.“1219 Von daher kann Gerhard als Vertreter einer forensischen Rechtfertigungslehre gelten.1220

4.2.Die Gnadenelemente

4.2.1.„Theologia“

4.2.1.1.Berufung

Die „Theologia“ kennt verschiedene Verwendungsmöglichkeiten des Wortes Berufung, will sich aber nur mit ihrer direkten Form, mit der die heilsame Bekehrung beginnt, beschäftigen. Sie ist eine Handlung der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes.1221 Die Berufung erfolgt ordnungsgemäß durch die äußere Predigt mittels des ordnungsgemäßen Amtes, sie kann aber auch außerordentlich geschehen, wie bei Abraham oder Paulus. Die Ursache der Berufung ist die ganze Dreieinigkeit, berücksichtigt ← 189 | 190 → man aber die Unterschiede der göttlichen Personen, so ist es besonders der Heilige Geist. Ihre antreibende und bewegende Ursache ist allein die Barmherzigkeit Gottes, die auf dem Verdienst Jesu Christi beruht. Die dienende Ursache ist entweder der Diener des Wortes oder jeder andere, der das Wort verkündet.1222 Werkzeugliche Ursache der Berufung ist die äußere Verkündigung des Wortes, die den göttlichen Willen ausspricht und die durch Christus erworbenen Güter dem Menschen anbietet. Die Berufung ergeht an alle Menschen und ihr Ziel ist das ewige Heil. Exemplarisch hat sie zu drei unterschiedlichen Anlässen feierlich stattgefunden: zur Zeit der Ersterschaffenen, nach der Sintflut und zur Zeit der Apostel. Die „Theologia“ kennt die Möglichkeit, dass der Ruf von den Menschen zurückgewiesen werden kann, er erfolgt auch nicht zu jeder Zeit. Dies mindert aber nicht die Aussage, dass Gottes Gnade und Wohlwollen allen Menschen gegenüber gilt.1223 Im Gegensatz zu allen folgenden Handlungen der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes muss die Berufung nicht zeitgleich mit diesen sein.1224

4.2.1.2.Wiedergeburt

Auf die Berufung folgt für die „Theologia“ die Wiedergeburt (regeneratio). Diese kann unterschiedlich bestimmt werden. Die „Theologia“ versteht darunter die Zueignung der Glaubenskräfte. Zusätzlich schränkt sie ein, dass sie unter Wiedergeburt nur das herrliche Tun Gottes verstehen will, durch das dieser dem Sünder das geistliche Leben schenken will. Nur die ordnungsgemäße Wiedergeburt, die durch Wort und Sakramente geschieht, ist Gegenstand der weiteren Untersuchung,1225 diese Form der Wiedergeburt ist eine Handlung der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes.1226 Sie wird auch Lebendigmachung genannt,1227 dies verstärkt die Vorstellung, dass sie ein Akt Gottes und nicht des Menschen ist.1228 Nicht zu verwechseln mit der Wiedergeburt (regeneratio) ist die Bekehrung ← 190 | 191 → (conversio), da erstere durch Wort und Sakramente an Erwachsenen und Kindern geschieht, während letztere nur die Erwachsenen betrifft und nur durch das Wort allein gewirkt wird. Das Subjekt der Wiedergeburt ist der geistlich tote Mensch, im Besonderen dessen Verstand und Wille,1229 denn diese werden zur Erkenntnis des Heils geöffnet.1230 Ihre bewegende Ursache ist zum einen die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, zum anderen der Verdienst und die Fürbitte Christi. Die hauptsächliche Wirkursache ist die gesamte Dreieinigkeit, besonders der Heilige Geist, die werkzeugliche sind Wort und Sakramente und die dienende die Prediger.1231 Dieses Gnadenelement beginnt mit dem Mangel an Kräften zur Rechtfertigung und endet im geistlichen Leben. Ihre Form besteht in der Gabe des geistlichen Lebens, welches auch abgelehnt werden kann. Sie hat die Annahme der Wiedergeborenen zu Kindern Gottes und deren ewiges Heil zum Zweck. Die Eigenschaften der Wiedergeburt sind Fortdauer und Steigerung, Verlierbarkeit, Wiederholbarkeit und Unvollkommenheit des Empfangenden.1232

4.2.1.3.Bekehrung und ihre Wirkungen (Buße und Rechtfertigung)

Die Umkehr vom Unglauben zum Glauben, wie sie mit Berufung und Wiedergeburt begonnen hat, setzt sich in der Bekehrung fort.1233 Sie hat drei mögliche Subjekte: die Ungläubigen, die Wiedergeborenen und die gefallenen Wiedergeborenen. Die „Theologia“ will sich mit ersteren beschäftigen, dabei bestimmt sie die Bekehrung aktiv im Sinne einer gnädigen Tat des Heiligen Geistes und unterscheidet diese von Rechtfertigung und Erneuerung.1234 Die Bekehrung kann entweder ordentlich durch die Verkündigung des Wortes erfolgen oder außergewöhnlich, wie dies bei Abraham und Paulus der Fall war. Synonym für sie können Lebendigmachung, Wiedergeburt, Erschaffung eines neuen Herzens sowie Buße verwendet werden.1235 Hier scheint zunächst ein Widerspruch dahingehend zu bestehen, dass die „Theologia“ vorher ausführt, dass der Begriff ← 191 | 192 → „Wiedergeburt“ nicht deckungsgleich sei mit Bekehrung, da sie sich hinsichtlich ihrer Subjekte und ihrer Mittel unterscheiden.1236 Die Aufnahme der Idee, dass Wiedergeburt und Bekehrung synonym zu verstehen sind, ist dem Anliegen geschuldet, alle Gnadenelemente als Ausdruck der einen Gnade zu sehen. Die bewegende Ursache der Bekehrung sind die Gnade Gottes und das Verdienst Christi. Ihre hauptsächlich handelnde Ursache (causa agens principalis) ist besonders der Heilige Geist, werkzeugliche Ursache ist das Wort Gottes1237 und dienende Ursache sind die Prediger. Das formale Subjekt der Bekehrung ist für die „Theologia“ der geistlich tote, erwachsene Mensch, dabei wirkt sie sich an Verstand und Willen des Menschen aus.1238 König scheint mit dieser Idee eine Ausnahme zu bilden, so hat Paul Grünberg für die lutherische Orthodoxie festgehalten, dass die Bekehrung entweder im Willen oder im Verstand beginnt.1239 Sie besteht in der Überführung des nicht wiedergeborenen Menschen von der Sünde in den Stand des Glaubens.1240 Diese Überführung geschieht allmählich in fünf Stufen,1241 ein Schema, das Augustin erstmalig verwendet hat1242 und das von Chemnitz in die orthodoxe Dogmatik eingeführt wurde.1243

In der ersten Stufe wird nach der „Theologia“ dem nichtwiedergeborenen Menschen der heilbringende Gegenstand mittels des Wortes mitgeteilt. Auf der zweiten Ebene wird der Widerstand gegen die Überführung in den Stand des Glaubens gehemmt. Bei der dritten Stufe wirken Gnade und Heiliger Geist so zusammen, dass es dem Menschen gelingen kann, den Glaubensinhalten zuzustimmen, die Sünde zu erkennen und an Christus zu glauben.1244 Die anregende Gnade dominiert die vierte Phase, indem sie es dem Menschen ermöglicht, den heilbringenden Gegenstand kraft des eigenen Willens zu ergreifen. Auf der letzten Stufe wirkt die vollendende ← 192 | 193 → Gnade, die die Reue des Herzens als Folge des Glaubens nach sich zieht. Wichtig ist für die „Theologia“ die Betonung, dass diese Überführung zum Glauben durch übernatürliche und göttliche Kräfte, nicht aber durch moralische Überzeugungsarbeit geschieht. Der Zweck der Bekehrung ist letztendlich das ewige Leben und Heil der Bekehrten sowie der Lobpreis der herrlichen Gnade Gottes, dem untergeordnet ist die Buße und die Sündenvergebung.1245

Auf die Bekehrung folgt, wenn der Mensch sich nicht dagegen wehrt, als unmittelbare Wirkung die Buße.1246 Die „Theologia“ unterscheidet zwischen dem formalen Subjekt der Buße, welches der Mensch ist, der durch die Bekehrungsgnade zur Buße fähig gemacht worden ist, und dem Subjekt, an dem sich dieser Akt auswirkt. Letzteres unterteilt sich in das entfernte Subjekt, welches die Seele ist und die nahen Subjekte Verstand, Wille und sinnliches Begehrvermögen. Hauptsächliche Wirkursache der Buße ist die Dreieinigkeit, besonders aber der Heilige Geist, weil er dem Menschen erst ermöglicht zu büßen. Die werkzeuglichen Ursachen dieses Gnadenelements sind das Gesetz und das Evangelium. Die Buße selbst besteht aus der Reue, in der der sündige Mensch Trübsal und Entsetzen gegenüber seinem bisherigen Tun empfindet, und aus dem Glauben, in dem dieser das Heilsmittel für seine Gewissenswunden sucht.1247 Diese beiden Bestandteile dürfen nicht voneinander getrennt werden, da die Reue allein nicht heilsam ist.1248 Auffällig ist, dass die zu erwartende Behandlung des Glaubens nicht stattfindet, dies wird in den Ausführungen über die Heilsmittel nachgeholt.1249 Die Form der Buße besteht darin, dass sich der Mensch vom Bösen ab und dem Guten zuwendet, was der Sündenvergebung und der Einwohnung des Heiligen Geistes dient. Die mittelbare Wirkung aus der Buße ist die Kindschaft und die unmittelbare Wirkung die Rechtfertigung. Ihren Zweck bilden die Sündenvergebung, die Gabe des Heiligen Geistes, die Befreiung von Strafe und Verdammnis sowie das Heil.1250

← 193 | 194 → Das Subjekt der Rechtfertigung ist hinsichtlich ihres Beginns der sündige Mensch, das rechtfertigende Handeln selbst bezieht sich aber auf den Gläubigen.1251 Sie hat ihre Ursache in der „Theologia“, wie es typisch für die lutherische Orthodoxie ist,1252 allein bei Gott. Causa impellens ist die göttliche Gnade sowie das Leiden und Tun Christi.1253 Die Rechtfertigung wird durch Wort und Sakramente von Gott dargeboten und der Mensch nimmt sie allein durch seinen Glauben an,1254 letzteres ist typisch für die gesamte lutherische Dogmatik des 17. Jahrhunderts.1255 Der Glaube hat nur aufgrund des angenommenen Gegenstandes, also Christi Verdienst, eine rechtfertigende Kraft. Die Form der Rechtfertigung besteht in der moralischen Veränderung des Sünders. Gott nimmt dabei die Sünde und die Ungerechtigkeit des Menschen weg und fügt den Gehorsam Christi hinzu.1256 Glaube und Verdienst Christi sind dabei zwei ständig aufeinander bezogene Größen, die nicht voneinander getrennt werden können, da nie nur eines von beiden angerechnet wird. Diese Anrechnung geschieht nicht, weil der Mensch sie sich verdient hätte, vielmehr ist sie Ausdruck göttlicher Gnade. Zweck dieser Gerechtsprechung ist von Seiten Gottes der Erweis seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sowie von Seiten der Menschen das Heil der Seele.1257 Die mystische Einheit mit Gott, die Gotteskindschaft, die Gabe des Heiligen Geistes, der Friede des Gewissens, die Erhörung der Bitten, Heiligung und ewiges Heil sind die Folgen der Rechtfertigung. Ihre Eigenschaften sind sofortige Wirkung, Vollkommenheit, Gleichheit der Art bei allen zu Rettenden, Gewissheit im Menschen, Wachstum, Fortdauer, Verlierbarkeit und Wiederholbarkeit.1258

4.2.1.4.Mystische Einheit der Glaubenden mit Gott

Sobald der sündige Mensch durch den Glauben gerechtfertigt ist, beginnt seine mystische Einheit mit Gott.1259 Beschäftigen will sich die ← 194 | 195 → „Theologia“ nur mit der Vereinigung des Gläubigen mit Gott. Die mystische Einheit wird auch Einwohnung Christi genannt und ist vergleichbar mit den Bildern von der Ehe oder vom Weinstock und den Reben. Ihre erste Wirkursache ist die allerheiligste Dreieinigkeit, besonders der Heilige Geist. Die verdienende Ursache ist Jesus Christus nach seinen beiden Naturen. Wort und Sakrament bilden die werkzeugliche Ursache, ihre Mittel von Seiten des Menschen ist der Glaube.1260 Die verwaltenden Ursachen der mystischen Einheit verkörpern die Prediger. Vereint werden die göttliche Substanz der Dreieinigkeit samt der menschlichen Natur Christi mit dem Leib und der Seele der Glaubenden,1261 es kommt somit zu einer wirklichen Gemeinschaft mit Gott.1262 Der Zweck dieser Einheit ist es, die Rechtfertigungsgnade dauerhaft gewiss zu machen, die nötige Beständigkeit im Glauben zu verleihen sowie die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander zu wirken.1263 Außerdem ist die Gewissheit der Auferstehung, der kommenden Herrlichkeit und der Zuwendung Gottes zu nennen. Die Einheit fällt zeitlich mit der Wiedergeburt, der Rechtfertigung und der Erneuerung zusammen. Sachlich jedoch geschehen Wiedergeburt und Rechtfertigung vor dieser Einheit, weil sie erst aus und nach der Annahme des Glaubens stattfindet. Die Vereinigung wiederum geschieht vor der Erneuerung, denn aus den guten Werken kann man auf das Vorhandensein der mystischen Einheit schließen.1264 Ihr Ziel liegt in der Vergewisserung der Glaubenden, dass Gott ihnen dauerhaft gewogen ist.1265 Die Folge und Wirkung der mystischen Einheit ist die wechselseitige Mitteilung zwischen Gott und Gläubigen. Weil es sich beim Begriff der Einheit um einen Relationsbegriff handelt, ist es für die „Theologia“ unverzichtbar, die verschiedenen Aspekte der Beziehung zu klären. Damit es überhaupt zur Vereinigung kommen kann, bedarf es von der Seite Gottes seiner gnädigen Zuwendung zum Glaubenden und von der Seite des Menschen der Rechtfertigung. Erst, wenn sie gegeben ist, wirkt der Heilige Geist die Einigung. In ihr empfängt der ← 195 | 196 → Glaubende von Gott alle Reichtümer seiner Gnade, besonders aber die Güter Christi, die im Sieg, im Recht auf Kindschaft, Erbe und Reich sowie der ewigen Freude etc. bestehen. Umgekehrt macht sich Gott alles zu Eigen, was den frommen Gliedern zustößt.1266 Eine mögliche Analogie zur Idiomenkommunikation unterbleibt.1267 Die Eigenschaften dieser Einheit sind die Freude über das Fühlen der einwohnenden Gnade, ihre Unterbrechung durch die Sünde und die Möglichkeit der Wiederherstellung der unio nach der Buße.1268

4.2.1.5.Erneuerung

Die fünfte Handlung der zueignenden Gnade des Heiligen Geistes ist die Erneuerung,1269 sie bezeichnet den Übergang vom alten zum neuen Menschen.1270 Sie kann im weiten Sinn so gebraucht werden, dass sie auch die Wiedergeburt und die Rechtfertigung umfasst, im engen, von der „Theologia“ verwendeten Sinn, wird sie von diesen beiden getrennt. Die Heiligung steht als Synonym für die Erneuerung. Gewirkt wird sie besonders vom Heiligen Geist, die verdienende Ursache ist der Gottmensch Christus. Die werkzeuglichen Ursachen bilden Gottes Wort und die Sakramente, ihr Mittel ist der Glaube. Das Subjekt der Heiligung ist der Mensch, der einmal Sünder war, zum Zeitpunkt der Erneuerung aber ein gerechtfertigter und wiedergeborener Glaubender ist.1271 Sie wirkt sich zuerst an Seele, Verstand, Willen und sinnlichem Begehrvermögen aus, danach erst an Leib und Gliedern. Die Heiligung beginnt im alten und endet mit dem neuen Menschen. Ihre Form besteht in der Austreibung der Irrtümer des Geistes, der Zurechtbringung des Willens, der Hinderung des Bösen und der Inanspruchnahme der Glieder zum Tun des Guten. Der Zweck der Erneuerung sind Gottes Ehre und die guten Werke. Unvollkommenheit des empfangenden Subjekts, Fortdauer, Wachstum und Abnahme sind die Eigenschaften der Heiligung.1272