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Einführung in die Ästhetik

Eine philosophische Collage

Evelin Klein

Die Autorin bietet in ihren einführenden philosophischen Reflexionen eine Auswahl an klassischen und modernen Themen der Ästhetik: Dialektik der Aufklärung, Kunst nahe am Verstummen, Begriffsgeschichte des Schönen und andere. In zehn Kapiteln werden Zitate durch kommentierende Abschnitte verbunden. Dabei geht das Buch nicht fortlaufend argumentierend vor, sondern präsentiert sich vielmehr als Collage. Jedem Kapitel ist ein literarisches Motto vorangestellt. Es soll den Gefühlsraum zeigen, in dem sich Ästhetik dann bewegt. Gegenwärtige Kunst als kritische Instanz verweist auf die Autonomie der Ästhetik, die stets Tendenzen abwehren muss, welche sie einzuschränken oder gar zu vernichten drohen: dies waren und sind hauptsächlich autoritär-politische Vereinnahmungen.
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IV. Kunst nahe am Verstummen

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IV.  Kunst nahe am Verstummen

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte. Ich bleibe stumm; und sage nicht, warum. Und Stille gibt es, da die Erde krachte. Kein Wort, das traf; man spricht nur aus dem Schlaf, Und träumt von einer Sonne, welche lachte. Es geht vorbei; nachher wars einerlei. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus, Die Fackel, 1933

„Faulheit und Feigheit“ gehören auch noch im 20. Jahrhundert für Karl Kraus ins Vorfeld psychischer Ursachen des Nationalsozialismus. Totale politische Herrschaft führt immer zum Ende der Kunst, insofern Kunst als Artikulation von Unbehagen an der jeweiligen Gesellschaft verstanden wird. So entsteht in der Moderne die Tendenz zum Verstummen: Verstummen steht immer in der Ambivalenz, einerseits das Ziel totaler Herrschaft zu sein, totale Ohnmacht, andererseits angesichts einer lauten, voll von hohlen Reden brutalen Wirklichkeit wahrer zu sein. So kann die Geste wahrer sein als das Handeln, allerdings nur im Rahmen einer allgemeinen Ethik, die meint, du sollst nicht töten. Totale Faulheit und Feigheit aller unter totaler Herrschaft wäre die Selbstzerstörung der ihrer eigenen Negativität erliegenden Aufklärung. Weil es aber im „Reich“ solcher Herrschaft keinen Laut mehr gibt, der nicht als Ton der Herrschaft aufgefaßt würde, so kann Kunst ihrer, dem Emanzipatorischen an Aufklärung entsprungenen Autonomie treu sein, indem sie verstummt.

Angesichts der politischen Realität des Nationalsozialismus formuliert Karl Kraus in der „Fackel“ jene Grenze zur Sprachlosigkeit,...

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