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Die Gemeinsamkeit der Leiber

Eine sprachkritische Interexistenzialanalyse der Leibphänomenologie von Hermann Schmitz und Thomas Fuchs

Johannes Preusker

Immer und überall existieren wir durch, mit und zu den Anderen. In der Philosophiegeschichte ist die Gemeinschaftlichkeit von Sprache, Welt und Leben lange Zeit verkannt worden. Eine irrtümliche Orientierung am Einzelsubjekt beherrschte das Denken von Descartes bis Husserl. Noch heute sind Alltag und Wissenschaft zutiefst geprägt von der cartesianischen Spaltung in Idealität und Realität, Geist und Materie. Zu einem Hoffnungsträger der ganzheitlichen Beschreibung des Menschen hat sich die moderne Leibphänomenologie etabliert. Kann sie diesen Anspruch einlösen? Dieses Buch untersucht dahingehend die Ansätze von Hermann Schmitz und Thomas Fuchs mit teils ernüchternden, teils positiven Ergebnissen. Am Ende wird ein weiterführendes Konzept des Holismus entwickelt.
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2 Die Interexistenzialanalyse der Leibphänomenologie von Hermann Schmitz

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Der Begriff der Gegenwart hatte in der Philosophie von Immanuel Kant noch weitestgehend räumliche Bedeutung. Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Hegel suchten die Gegenwart als eigene Zeit und Wirklichkeit zu begreifen. Durch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) kam es zur Verbindung des Gegenwartsbegriffs mit Zuständen und Beziehungen des Subjekts selbst. Schließlich verstand Edmund Husserl darunter den Horizont des Erlebens und Handelns:

Wahrnehmung ist das Bewußtsein, eine Gegenwart sozusagen selbst beim Schopf zu fassen, es ist originaliter gegenwärtigendes.108

Auch Martin Heidegger betrachtete Gegenwart als Horizont, innerhalb dessen die Wirklichkeit erscheint, auf welche wir uns in Wahrnehmung, Wertung und Handlung einlassen. Hermann Schmitz versetzt die Gegenwart als Erlebnishorizont insofern in Bewegung, als dass Wirklichkeit nicht bloß in ihr erscheint, sondern sich dem Menschen aufdrängt. Es ist zu betonen, dass ein Phänomen für jemanden „zu einer Zeit“109 ein Sachverhalt ist, dem der Betroffene im Ernst nicht die Tatsächlichkeit abstreiten kann, wie sehr er sich auch durch Variation von Annahmen darum bemüht – zu einer Zeit, das heißt: Gegenwart ist hier gewissermaßen das Moment, in dem sich die Autorität der Wirklichkeit zeigt, welche uns zur Stellungnahme zwingt. Schmitz spricht in diesem Zusammenhang von einer „exigenten Nötigung“110 des Menschen durch die Macht der Wirklichkeit.

Während er mit seinem Gegenwartsverständnis eine neue Stringenz in die phänomenologische Betrachtung bringt, bewegt sich Schmitz mit seiner Auffassung der menschlichen Praxis weiterhin in den Spuren...

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