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Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

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Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
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7 Sachverhaltsdarstellung

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7 Sachverhaltsdarstellung

7.1 Fragestellung und Ziel des Kapitels

Dieses Kapitel beleuchtet die kommunikative Bearbeitung des Sachverhalts einbringen durch den Mandanten als einaktantiges sprachliches Handlungsmuster, die er als kommunikative Aufgabe innerhalb der Schemakomponente Sachverhaltsklärung bewerkstelligen muss (vgl. Kapitel 6.3.2). Die Sachverhalts- darstellung ist vor allem deshalb eine zentrale und daher näher zu betrachtende Aufgabe, weil mit ihr der Gegenstand der Beratung eingeführt wird. Gleichzeitig bringt der Mandant hier seine Bewertungen und persönlichen Sichtweisen ein. Dabei steht der Mandant der Schwierigkeit gegenüber, dass er aus einer Detailfülle von Ereignissen und Überlegungen auswählen muss. Er muss entscheiden, welches Wissen er in welcher Reihenfolge versprachlicht („Kondensierungszwang“, „Detailierungszwang“ Kallmeyer/Schütze 1977: 162).

Folgende Zitate aus den zu den Gesprächen erhobenen Mandantenfragebögen zeigen einige Schwierigkeiten, die die Darstellung ihres Sachverhaltes für Mandanten mit sich bringen kann:

Was war für Sie das Schwierigste im Gespräch?

„Das ist immer so ne Sache, wenn man über seine persönlichen, finanziellen Klamotten und privaten Angelegenheit erzählt – ist halt so. Anders geht es nicht“ (Auszug aus Fragebogen, PC_DB_1).

„Scheu ablegen, da eine Referendarin neu mit da war“ (Auszug aus Fragebogen, IP_OF_2)

„Über die Probleme zu reden“ (Auszug aus Fragebogen, TJ_BT_1).

„Die Komplexität im Kopf zu behalten, ohne dass irgendwas hinten runter fällt“ (Auszug aus Fragebogen, GS_KB_1).

Was war Ihnen im Gespräch besonders wichtig?

„Dass meine Geschichte verstanden wird (die Vorgeschichte zur Versetzung)“ (Fragebogen zu IP_OF_1).

„Das Verständnis: Dass er versteht, was ich von ihm will und er hat es eigentlich auch verstanden“ (Auszug aus Fragebogen, QB_TD_1).

„Dass der Anwalt sich Zeit für mich nimmt; dass ich gesehen hab, wie ich mich verhalten kann, falls jetzt sowas nochmal passiert“ (Auszug aus Fragebogen, HP_TZ_1).

„Dass der RA mein Problem erfasst“ (Auszug aus Fragebogen, IP_IG_1).

„Ausreden zu können“ (Auszug aus Fragebogen, PC_CS_1).

Eine Untersuchung, die Mandanten zu ihrer Zufriedenheit per Fragebogen befragt, kommt gar zu folgendem Schluss: „By far the most significant cause of professional negligence claims was not dissatisfaction with outcome but instead ← 221 | 222 → related to the handling of the client relationship; the most frequent problems were failure to listen to the client, ask appropriate questions and explain relevant aspects of the matter“ (Cunningham 2006: 5).

Auf der anderen Seite wird die Sachverhaltsdarstellung aber auch aus Sicht der Rechtsanwälte als problematisch angesehen, denn es werden sehr ausschweifende oder emotionalisierte Darstellungen beobachtet und kritisiert. Hier wird vielfach an der Sachverhaltsdarstellung als problematisch benannt, dass Mandanten emotional aufgeladen, teilweise sogar weinend in das Mandantengespräch kommen (vgl. die Fallbeispiele in König/Weth 2004a: 1; Borutta 1996: 29). Darüber hinaus wird von Anwaltsseite bemerkt, dass Mandanten (zu) lange Sachverhaltsdarstellungen liefern, die viele Informationen enthalten, die für den Anwalt und die weitere Bearbeitung nicht entsprechend relevant sind. „Die zweite Gefahr in dieser freien Erzählphase besteht darin, dass ein Mandant endlos von einem Thema zum anderen kommt“ (König/Weth 2004a: 22, vgl. auch Klinge/Klinge 1998: 5). Dies empfinden Anwälte oft als ungünstig, da sie so Zeit verlieren und Gefahr laufen, mit Themen konfrontiert zu werden, für deren Bearbeitung sie nicht ausgebildet sind (ähnliche Aussagen finden sich auch von Rentenberatern, vgl. Wolf 2005: 248). Häufig führt dies zu frühem Unterbrechen und einem schnellen Übergang zur Sachverhaltsexploration im Frage-Antwort-Muster, was allerdings nicht unproblematisch ist:

This specialist with a ‚big reputation‘ interrupts the client precisely because she assumes from her expertise that she has heard enough to ‚get the picture‘ and decide what needs to be done. This behavior prevents the solicitor from learning what the client considers important information – not only because she cuts off the client at an important moment in the interview but because her attitude makes the client ‚frightened‘ of expressing her views throughout the representation (Cunningham 2006: 2).

Wie die Darstellung des Sachverhalts vollzogen wird, wie der Eindruck der Länge und Emotionalisierung entsteht und welche Funktion der Darstellung zukommt, soll im folgenden Kapitel geklärt werden. Untersucht werden daher jene Sequenzen im Gespräch, in denen Mandanten eine erste selbständige und vom Anwalt ungesteuerte Sachverhaltsdarstellung, in der Regel im Anschluss an die Eröffnungsinitiative (vgl. Kapitel 6.3.1) verbalisieren. Da hier nicht gefragt wird, wie der Sachverhalt interaktiv ermittelt wird (vgl. dazu Kapitel 8), sondern gezeigt wird, wie Mandanten ihren Sachverhalt in die Institution einbringen, ohne dabei vom Anwalt gesteuert zu werden, entsprechend werden die Darstellungen bis zur ersten themensteuernden Rückfrage des Anwalts untersucht. Ziel ist es, offenzulegen, wie Mandanten die Sachverhaltsdarstellung im anwaltlichen Erstgespräch vollziehen und welche kommunikativen Aufgaben neben dem Sachverhalt einbringen hierbei bearbeitet werden. ← 222 | 223 →

In diesem Kapitel sind folgende Fragen zu beantworten: Welche Elemente ihres Wissens verbalisieren Klienten systematisch bei der Darstellung des Sachverhalts? Welchen sprachlichen Handlungsmustern folgen sie dabei? Welche kommunikativen Aufgaben werden in diesem Zusammenhang ebenfalls bearbeitet? Welche Funktion haben die einzelnen Elemente für die Darstellung im Gespräch und für die weitere Mandatsbearbeitung? Inwiefern ist der Eindruck der Anwälte zu bestätigen, dass Klienten ausschweifende und emotionalisierte Darstellungen liefern? Lässt sich die Diskursart der Klientendarstellung bestimmen und so mit den Klientendarstellungen in verwandten institutionellen Handlungsfeldern (Gericht, Sozialberatung) vergleichen?

7.2 Ein typischer Gesprächsausschnitt einer Sachverhaltsdarstellung

Das folgende Beispiel, eine Sachverhaltsdarstellung aus dem Familienrecht, ist ein typischer Fall und soll daher hier exemplarisch analysiert werden. In diesem Beispiel wählt der Anwalt einen offenen Einstieg (Fl. 2f.) und lässt sich das (vorläufige) Ende der Darstellung explizit vom Mandanten bestätigen (Fl. 62f.).

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In dieser Darstellung schildert der Mandant weitgehend chronologisch die aus seiner Sicht wichtigen Voraussetzungen (Tochter, geschieden, laufende Unterhaltszahlungen) und Ereignisse (achtzehnter Geburtstag, Besuch beim Jugendamt, Festsetzung des Unterhalts) und damit Teile seines partikularen Sachverhaltswissens.

Der Mandant beginnt mit einer vorgreifenden Typisierung (Fl. 3f. „Ja, also es is so/ es geht • darum, dass ähm…“), die er gleich wieder abbricht. Darauf folgt die Vorgeschichte (Fl. 4ff. „sind verheiratet, haben n gemeinsames Kind“… und 8ff. „Und äh • • • ((ea)) das wurde auch vom Jugendamt festgeleegt,“…). Eingeschoben in Fl. 7f. wird in dieses Verbalisieren des partikularen Sachverhaltswissens das Bild von sich selbst als braver Unterhaltszahler.

Daraufhin verbalisiert der Mandant einen Teil seines Laienwissens bezüglich rechtlicher Zusammenhänge (Fl. 10ff. „Ja, wo se halt so achtzehn war“…; Fl. 13ff. „wie jetzt die Rechtsgrundlage ist“…; Fl. 18 „Weil wir ham relativ schnell mitgekriegt“…). Neben dem Laienwissen trifft der Mandant erneut Aussagen über sich selbst als informierter und proaktiver Mandant (Fl. 12; 16ff.).

In der folgenden Fl. 20 „Und äh jetzt kam s vor einigen…“ setzt er darauf erneut zur Darstellung des Sachverhaltswissen, genauer zur Darstellung des Geschehens, an, das die Problemstellung vorbereitet. Diese bricht er aber zunächst wieder ab, um eine Aussage zu seinem Bild von sich selbst anzuschließen (Fl. 20ff. „Also wir ham uns dann im Internet“…), begleitende Emotionen zu nennen (Fl. 23 „und, und waren dann eigentlich schon ganz erfreut“), erneut sein Laienwissen zu verbalisieren (Fl. 24 „dass der Unterhalt dann doch weniger wird“…) und sein übergeordnetes Handlungsziel zu nennen (Fl. 24f. „Ähm was für uns eigentlich auch ne entsprechende Entlastung wär“…).

Erst nachdem er all diese Elemente verbalisiert hat, kommt er zurück auf die Verbalisierung des Geschehens (Fl. 26ff. „Jaa, und dann kam s jetzt vor vierzehn Tag, drei Wochen zu nem Termin beim/ ääh bei der Unterhaltssicherungsbehörde“…), indem er die Formulierung aus Fl. 20 wieder aufnimmt. Daran schließt sich nochmals die Verbalisierung seines Laienwissens an (Fl. 30ff. „Und bei dem Gespräch hat das alles irgendwo auch noch ganz gut ausgesehen“ …). Erst im Anschluss daran folgt schließlich die Verbalisierung der Problemstellung (Fl. 34ff. „Ja und äh • • dann kam jetzt vorn paar Tagen ne E-mail mit äh ((ea)) der tatsächlichen Festlegung oder • Errechnung“…), gefolgt von einer bewertenden Stellungnahme in Form seines Erlebens beim Erhalt der Festsetzung (Fl. 36f. „Und ääh das Ergebnis“…) sowie seinen Laienvorstellungen über die zu zahlende Höhe des Unterhalts, formuliert als Kontrast zur Forderung der Gegenseite, womit er formulatorisch die Problematik nochmals unterstreicht (Fl. 37 „weil ähm sagen wir mal im Endeffekt“…). ← 228 | 229 →

Hier ist also zu beobachten, dass der Mandant zunächst die Verbalisierung des Geschehens und Problems beginnt, diese aber abbricht, um zuerst andere Wissenselemente zu nennen. Das Problem war also offenbar beim ersten Anlauf aus Sicht des Mandanten noch nicht präsentierbar. Bevor er das Problem benennt, verbalisiert er eine Darstellung von sich selbst, eine bewertende Stellungnahme und sein Laienwissen. Diese Elemente scheint der Mandant kurz vor der Problempräsentation noch einmal explizieren zu wollen. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass es sich dabei um aus Mandantensicht zentrale Bestandteile der Sachverhaltsdarstellung handelt. Der Mandant kann mit diesen Elementen sein Problem als problematisch sowie seine Forderungen legitimieren. Legitimiert wird das Problem dadurch, dass er a) ein bisher braver Unterhaltszahler war, der sich informiert und sich nicht ‚einfach aus der Affäre ziehen‘ will, sondern den Unterhalt nur rechtmäßig kürzen möchte (Selbstbild); b) genaue Vorstellungen von rechtlichen Zusammenhängen und damit seinen Rechten hat (Laienwissen), die ihm aber zum Zeitpunkt der Sachverhaltsdarstellung von der Gegenseite (Jugendamt, Tochter) nicht gewährt werden.

Dieser Aufbau der Sachverhaltsdarstellung, der in der Problemdarstellung und dem damit verbundenen Schock (Fl. 40) mündet, führt dann in die Verbalisierung der Motivation des Mandanten, einen Anwalt aufzusuchen (Fl. 39 „Und jetzt haben wir uns gesagt“…; Fl. 40f. „Ääh „Jetzt nehmen wir einfach mal“…) sowie zum Gesprächsziel, offene Fragen klären zu wollen (Fl. 41f.).

An dieser Stelle wird die Sachverhaltsdarstellung mit einer anschließenden Anliegensübertragung (Fl. 42f. „und einfach zu kucken, • äh • ja“…) zunächst abgeschlossen und es ergibt sich eine Turnübernahmemöglichkeit durch den Anwalt (Fl. 44f.). Da dieser aber noch Notizen anfertigt, entsteht zuerst eine zweisekündige Pause, die der Mandant offenbar dazu nutzt, seinen nächsten Redebeitrag zu planen. Er beginnt mit „Sagen wir mal so“ , Fl. 44. Als dann der Anwalt seine Bereitschaft anzeigt, den Turn nun zu übernehmen (Fl. 44), schließt der Mandant mit einer Bestätigung des Problems (Fl. 45) und einer Wiederholung des Gesprächsziels an (45ff. „Also ich hab“ …) und ergreift damit erneut das Rederecht.

Bereits an dieser Stelle bereitet er die Explizierung seines Handlungsziels (Fl. 56ff.) vor, denn er verwendet bereits in Fl. 47 die Formulierung „im Endeffekt“, die er auch später bei der Formulierung des Handlungsziels erneut verwendet (Fl. 57).

In der Folge bringt der Mandant zunächst weitere Wissenselemente des Bildes von sich selbst, indem er sein Verhältnis zu seiner Tochter expliziert (Fl. 47f. „Es is ja net so, dass wir mit meiner Tochter sagen wir mal Streit hätten“…) und kontrastiert es zu seinem Verhältnis zu seiner Frau (Fl. 48f. „Äh aber ähm, äh es is halt einfach so“…). ← 229 | 230 →

Daraufhin verbalisiert er auch das Verhältnis des Einkommens seiner Frau zu seinen Unterhaltszahlungen als Laienwissen über rechtliche Zusammenhänge (Fl. 49ff. „Weil meine Frau ist klar,“…) und nennt sein partikulares Sachverhaltswissen über die Höhe der Unterhaltszahlungen im Verhältnis zu seinem Einkommen (Fl. 51f. „Wenn von meinem Gehalt“…). Dies mündet in der Feststellung, dass seine gemeinsame Finanzplanung mit seiner Frau „ziemlich eng“ werde (Fl. 53ff. „Und äh wir haben auch ne gemeinsame Lebensplanung“…), womit er erneut sein Laienwissen verbalisiert, das einen Zusammenhang mit seiner Lebens- und Finanzplanung und seiner Unterhaltslast unterstellt. Insgesamt zeigt der Mandant mit dem Komplex an Äußerungen über sich selbst und seine Vorstellungen an, dass sich seine familiären Verpflichtungen und Prioritäten nicht bei seiner Tochter, sondern bei seiner Frau befinden. Dies dient der Vorbereitung der Verbalisierung seines Handlungsziels.

Denn erst als er die Verbalisierung dieser Laienvorstellungen abgeschlossen hat, nennt er nochmals (zumindest kurz) den Anlass des Kommens (Fl. 55 „Und daraufhin ((1s)) ham wir jetzt gesagt“…) und dann erst sein Handlungsziel (Fl. 57f. „A wie ist diese Berechnung?“…) und (ebenfalls korrespondierend mit der Äußerung in Fl. 46 „Detailfragen“) sein Gesprächsziel (Fl. 59 „B, wir ham noch“…). Damit kommt er zum Schluss seiner Sachverhaltsdarstellung, den der Anwalt sich in der Folge auch explizit bestätigen lässt (Fl. 62f.).

7.3 Bei der Sachverhaltsdarstellung verbalisierte Wissenselemente

Bei der Analyse dieser und weiterer Sachverhaltsdarstellungen fällt auf, dass Mandanten ihre Darstellungen systematisch aus bestimmten Wissenselementen, die sie verbalisieren, zusammensetzen. Die Ergebnisse der Analysen sollen in der Folge dargestellt werden, um ein Kategorieninventar für die Beschreibung von Sachverhaltsdarstellungen zu entwickeln und auf dieser Basis das sprachliche Handlungsmuster Sachverhaltsdarstellung zu rekonstruieren. Insgesamt lassen sich folgende Wissenselemente in den Verbalisierungen rekonstruieren: a) das partikulare Sachverhaltswissen, b) das Bild des Mandanten von sich selbst im Sachverhalt, c) subjektive Theorien des Mandanten, d) der emotionale Bezug zur Lage, e) die Motivation des Mandanten, sein Ziel auszubilden und einen Rechtsanwalt aufzusuchen, f) das Gesprächs- und Handlungsziel des Mandanten. Theoretisch orientieren sich die Wissenselemente entlang der Stadien des Handlungsprozesses (Rehbein 1977), da diese im übergeordneten Handlungsprozess des Mandanten bereits durchlaufen wurden und hier nun verbalisiert werden (vgl. Kapitel 2.1.3). ← 230 | 231 →

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss betont werden, dass eine Äußerung nicht immer nur aus der Verbalisierung eines bestimmten Wissensbestandes besteht, sondern dass sich zum Teil verschiedene Wissensbestände in einer Äußerung rekonstruieren lassen. Diese können für die Analyse in die enthaltenen Wissenselemente segmentiert werden. Ebenso können Äußerungen zum Teil als die Verbalisierung verschiedener Wissenselemente interpretiert werden (so wird z. B. eine Verbalisierung des Bildes über sich selbst auch bei der Verbalisierung anderer Wissensbestände, z. B. beim partikularen Sachverhaltswissen, mitschwingen, vgl. SO_EV_1, Fl. 4ff. „Wir sind verheiratet“…). Dennoch kann in der Regel die primäre Funktion einer Äußerung im Gesamtzusammenhang der Darstellung interpretativ zugeordnet werden.

Bei der folgenden Beschreibung der Bestandteile der Sachverhaltsdarstellung verweise ich jeweils auf das Beispieltranskript SO_EV_1, beziehe aber auch weitere Gespräche exemplarisch ein, die dann jeweils mit dem entsprechenden Kürzel der Gesprächsbezeichnung versehen sind.

7.3.1 Partikulares Sachverhaltswissen

Der Kern der Sachverhaltsdarstellung ist das Verbalisieren partikularen Sachverhaltswissens. Hier nennt der Mandant alle Tatsachen, die sein Problem und seine Lage betreffen. Darin sind jene Bestandteile zusammengefasst, die sich auf erlebte Sachverhalte beziehen, Beteiligte einführen, das Problem nennen etc. Mit diesen Wissenselementen werden die Sachverhalte verbalisiert, die der Mandant (unabhängig von ihrer im weiteren Gesprächsverlauf festzustellenden Beweisbarkeit) als tatsächlich so geschehen und damit als grundsätzlich auch für Dritte zugängliche Informationen darstellt. Im Beispieltranskript SO_EV_1 wären das z. B. Aussagen über den Status des Mandanten (verheiratet, Tochter aus erster Ehe, Höhe des bisher gezahlten Unterhalts und Festsetzung durch Urkunden etc.) oder die Entwicklung im Sachverhalt (achtzehnter Geburtstag der Tochter, Besuch bei der Unterhaltssicherungsbehörde) und die Problemstellung (die Höhe des neu festgesetzten Unterhalts).

Diese Bezeichnung wurde in Anlehnung an das „partikulare Erlebniswissen“ gebildet, das ein einzelnes Wissenselement beschreibt, das „ein einzelner Wissender […] über ein einzelnes Exemplar eines Objekts des Wissens [entwickelt]“ (Ehlich/Rehbein 1977: 47). Auch andere können Wissen über dieses einzelne Wissensobjekt haben. Hoffmann (2010: 251f.) unterscheidet hier Beobachtungswissen und Aktantenwissen und bezeichnet Beobachtungswissen als „Wahrnehmung von Dingen/Ereignissen im Fokus der Aufmerksamkeit aus der Distanz“, in der juristischen Wissensbearbeitung und Wissensverarbeitung vor allem für ← 231 | 232 → Zeugenaussagen eine relevante Unterscheidung. Für den Wissensstrukturtyp Erlebniswissen ist wichtig, dass es sich um ein individuelles Wissen handelt, das sich auf einen einzelnen Sachverhalt bezieht.

Ich wähle für die an dieser Stelle zu beschreibenden Elemente die Bezeichnung partikulares Sachverhaltswissen, weil es sich hierbei um einen Teilausschnitt des partikularen Erlebniswissens insgesamt handelt, nämlich jenen, der sich auf den für das Mandantengespräch relevanten Objektbereich bezieht, den Sachverhalt. Das verbalisierte Wissen entspricht also dem Wissensstrukturtyp des partikularen Erlebniswissens. Im Mandantengespräch wird davon aber nur ein bestimmter Ausschnitt, das Sachverhaltswissen, eingebracht.

Das im Mandantengespräch eingebrachte partikulare Sachverhaltswissen lässt sich in verschiedene Unterkategorien gliedern. Für die Kategorisierungen dieser Unterkategorien stellen sich einige der von Nothdurft (Nothdurft 1984) etablierten „Stücke“ als geeignet heraus. Diese sollen allerdings nicht als gesamtes Kategoriensystem übernommen werden, da sie letztlich thematisch motiviert und selbst nicht vollends trennscharf voneinander abzugrenzen sind (vgl. Becker-Mrotzek 1990b: 245). Dennoch eignen sich einige der Stücke, um die Wissenselemente des partikularen Sachverhaltswissens genauer zu beschreiben (vgl. dazu auch Pick 2010: 239ff.). Für das Mandantengespräch sind vor allem die Problem-Richtung (Nothdurft 1984: 27f.) oder vorgreifende Typisierung (Fl. 3ff. „Ja, also es is so/ es geht darum“…), der Auftritt (Nothdurft 1984: 31f.; Pick 2010: 241) (Fl. 5 „ich hab aus erster Ehe • • ne Tochter“), das Geschehen (Nothdurft 1984: 29f.) (Fl. 26ff. „Jaa, und dann kam s jetzt vor vierzehn Tagen“…), die Problemstellung (Nothdurft 1984: 34f.) oder das Problem (Fl. 34 „Ja und äh • • dann kam jetzt vorn paar Tagen ne E-mail“…) und die Station (Nothdurft 1984: 41f.) bzw. die eigenen Lösungsversuche von Bedeutung. Dazu ergänzt werden muss für das Mandantengespräch die „Vorgeschichte“ (Pick 2010: 240f.), die die „sukzessive Darstellung der Vorgeschichte und der sich verkettenden Handlungsabläufe bis hin zum Geschehen und der Problem-Stellung“ (ebd.: 240) thematisiert (Fl. 8ff. „Und äh • • • ((ea)) das wurde auch vom Jugendamt festgeleegt“…). Auch der Verweis auf Unterlagen dient der Darstellung des Sachverhaltswissens. Unterlagen können in verschiedene Stücke eingeflochten präsentiert werden (in der Vorgeschichte, aber auch im Geschehen oder der Problemstellung).

7.3.2 Bild des Mandanten von sich selbst im Sachverhalt

Der Mandant hat als Mandant, aber auch als Handelnder in der Lebenswelt ein Bild von sich selbst, im Sinne des Wissensstrukturtyps „Bild“ (Ehlich/Rehbein ← 232 | 233 → 1977: 51ff.). Entsprechend fallen in die Kategorie des Bildes des Mandanten von sich selbst jene Äußerungen, mit denen der Mandant sein Wissen bzw. seine Vorstellung über sich selbst im Bezug zum Sachverhalt verbalisiert. Dieses Bild kann sich auf der sprachlichen Oberfläche in verschiedener Form manifestieren. Im Beispieltranskript finden sich Formen des Selbstbildes in Aussagen über Tätigkeiten (Unterhalt gezahlt) und entsprechende Attribuierungen (brav): „Ich hab die ganzen Jahre also immer ((1s)) brav Unterhalt bezahlt“ (Fl. 7f.). Auch Aussagen über sich selbst im Gegensatz oder Bezug zur Gegenseite verbalisieren das Bild des Mandanten über sich selbst: „Es is ja net so, dass wir mit meiner Tochter, sagen wir mal Streit hätten oder so“ (Fl. 47f.).

Am deutlichsten wird das Selbstbild als direkte Aussage über sich selbst im folgenden Beispiel: „Ich, • also ich hab schon zwei Scheidungen hinter mir. Ich hab immer alles selbst gemacht. Also ich kenn mich im österreichischen Familienrecht mittlerweile recht gut aus“ (SO_MQ_120). Damit bringt die Mandantin vor allem ihre Erfahrung mit dem Rechtssystem und ihre Expertise zum Ausdruck, positioniert sich also durch diese Äußerung als erfahrene und informierte Mandantin.

Ebenfalls zum Bild von sich selbst im Sachverhalt gehören negative Aussagen, die ein Nichtwissen/Nichtkönnen in Bezug auf den Sachverhalt betreffen, z. B. „Und ich wusste ja nich persönlich, das man erstmal warten muss, dass ne Registrierungsnummer kommt, bevor man auch diese Geräte in Verkehr bringt“ (FO_GP_1), mit der der Mandant (im Gegensatz zum Mandanten im Beispieltranskript SO_EV_1) sich als uniformiert oder an einem bestimmten Handeln gehindert darstellt.

Eine weitere Form, das Bild über sich selbst zu verbalisieren, ist, sich selbst bzw. die Darstellung des partikulären Sachverhaltswissens (s. u.) in Relation zu einer Sentenz zu setzen: „Uund • • • ja, wie das halt so ist: Beim ersten Kind denkt man noch: „Ich kann relativ schnell wieder einsteigen.“, ((ea)) wenn die Kinder dann erstmal da sind, merkt man, dass das vielleicht doch nicht so gut klappt. Bei mir ist es jetzt so, dass“… (SO_GS_1).

Dass Klienten ihr Selbstbild verbalisieren, scheint auch in anderen Institutionen nicht unüblich. Wolf (2005: 265ff.) beobachtet in der Rentenberatung ebenfalls (sogar ausführlichere) Selbstpräsentationen, die sie als „biographische Selbstthematisierungen“ der Mandanten bezeichnet. ← 233 | 234 →

7.3.3 Subjektive Theorien des Mandanten: Laienwissen und Sachverhaltsspekulation

Die Wissenselemente, die als subjektive Theorien des Mandanten verbalisiert werden, setzen sich aus maßgeblich zwei Unterkategorien zusammen. Zum einen sind dies vom Mandanten verbalisiertes Laienwissen oder Laienvorstellungen über Normen oder das Rechtssystem sowie Vorstellungen von Gerechtigkeit oder Moral. Zum anderen sind dies Sachverhaltsspekulationen, also subjektive Annahmen über die Fallgenese, das Handeln der Gegenseite oder das Zusammenspiel der Beteiligten (vgl. dazu in Bezug auf Schlichtungsgespräche auch Reitemeier (1987: 651), der die Verbalisierung als „subjektive[s] Konflikt- und Rechtsverständnis“ der Beteiligten rekonstruiert.

Laienwissen über die Rechtswelt können Mandanten aus eigener oder fremder Erfahrung mit einem früheren Kontakt mit der Rechtswelt haben, weil sie z. B. selbst in einem rechtsnahen Kontext arbeiten (häufig im Verwaltungsrecht bei Behördenmitarbeitern), Experten mit entsprechendem Wissen kontaktiert haben oder bereits mit anderen Sachverhalten anwaltlichen Rat gesucht haben. Das Wissen kann aber ebenfalls aus bereits vorhandenen Unterlagen oder verschiedenen Medien stammen, hier ist vor allem das Internet eine Quelle für Wissensbestände der Klienten (zum Einfluss der Internetnutzung auf die Beziehung in der APK vgl. Höflich 2009). Je nachdem wie bewusst Mandanten die Unterscheidung der beiden Handlungssysteme Rechtswelt – Lebenswelt ist und über wie viel rechtsweltliches Wissen sie bereits verfügen, werden sie z. T. bereits elaborierte Handlungsoptionen in der Rechtswelt vorschlagen, die sie in entsprechenden professionellen Kategorisierungen verbalisieren (Löning 1994: 109; Rehbein/Löning 1995: 10f.), verfügen aber nicht über ein entsprechend elaboriertes professionelles Wissen der Experten (Löning 1994: 109f.), vor allem nicht über Zusammenhänge und institutionelle Vorgänge. Ein Beispiel dafür findet sich im Beispieltranskript: „Ja wo se halt so achtzehn war oder wo s jetzt dann langsam losging mit ihrem achtzehnten Geburtstag • • äh • ham wir uns mal so n bissl informiert, ((1,5s)) wie • jetzt die Rechtslage is und was ma jetzt eigentlich tun müssen, weil der Unterhalt wird ja neu festgesetzt, es gibt neue Berechnungsgrundlagen und auch neue Empfänger et cetera pe pe“ (Fl. 11ff.). Der Mandant weiß, dass der „Unterhalt festgesetzt“ wird und dass es „Berechnungsgrundlagen“ gibt. Darüber hinaus kennt er den „achtzehnten Geburtstag“ seiner Tochter als rechtlich relevantes Datum.

Aber auch ohne die Verwendung professioneller Kategorisierungen verbalisieren Mandanten Wissen über die Rechtswelt. Nämlich in jenen Fällen, in denen die Äußerungen Rückschlüsse darauf zulassen, dass der Mandant ← 234 | 235 → Sachverhalte und Zusammenhänge aus einer rechtsweltlichen Perspektive darstellt und so anzeigt, sich der Existenz beider Handlungssysteme zumindest ein Stück weit bewusst zu sein. Ein Beispiel dafür findet sich ebenfalls in SO_EV_1: „Weil wir ham relativ schnell mitgekriegt, dass wir da eigentlich relativ wenig machen können beziehungsweise ich“ (Fl. 18f.). Hätte der Mandant das Nachfeld „beziehungsweise ich“ nicht mehr verbalisiert, hätte es in dieser Äußerung keine Anhaltspunkte für eine rechtsweltliche Perspektive auf die Berechnung der Unterhaltszahlungen gegeben. Durch die Reformulierung „wir können wenig machen“, die eine lebensweltliche Sichtweise anzeigt und seine Frau bei allen relevanten (finanziellen) Fragen einbezieht, hin zu „beziehungsweise ich“ macht er deutlich, dass er aus Perspektive des Rechtssystem der alleinige Unterhaltspflichtige ist, der aus dieser Perspektive nur alleine agieren kann.

Als Laienwissen werden ebenfalls Versatzstücke von Handlungsplänen oder vermutete Planmöglichkeiten geäußert (vgl. SO_MQ_1 „Das ist ne/ wär natürlich ne Abänderungsklage. Abänderungsklage“), die aber noch keinen finalen Handlungsplan repräsentieren, da sie zunächst mit dem Wissen des Experten abgestimmt werden müssen (SO_MQ_1 „Ich weiß nicht, ob man die rückwirkend machen kann oder ob die immer nur prospektiv sind. • Dazu fehlt mir einfach das Wissen hier im Familienrecht“).

Die subjektiven Theorien können auch Aussagen über Vorstellungen von Ursache-Folge-Verhältnissen ausdrücken, aus denen Mandanten möglicherweise Forderungen oder Rechte ableiten. Im folgenden Beispiel wird zunächst partikulares Sachverhaltswissen verbalisiert: „I hab dene damals • • angerufen und aah gebittet ob sie mir die Rate für ein Jahr • bissi runtersenken können auf hundert Euro.“ In der Folge nennt die Mandantin ihre subjektive Theorie darüber, warum sie dazu berechtigt ist: „Weeil i einfach • • kein Einkommen nit hab nur son/ nur des Elterngeld, was i bezieh und des Kindergeld, wo i ghabt hab“ (TJ_BT_1). Ob sich dies auch auf (vermeintliche) rechtsweltliche Forderungen bezieht bzw. ob der Mandantin bewusst ist, dass sie in einer vertraglichen, also rechtlichen, Beziehung agiert, bleibt hier allerdings offen.

Weiter kann Laienwissen auch in Form von gültigen oder nicht mehr gültigen Annahmen über ein weiteres Geschehen, das auch handlungsleitend werden kann verbalisiert werden. Zwei Beispiele für diese Form finden sich in SO_EV_1 (Fl. 24; 38f.), die Annahme, der Unterhalt werde mit Volljährigkeit der Tochter weniger, die sich allerdings im weiteren Verlauf des Geschehens nicht bestätigt hat. Entsprechend wird die Vorstellung der Mandanten hier an beiden Stellen durch „eigentlich“ relativiert.

Die zweite Unterkategorie, die subjektive Theorien der Mandanten betrifft, bezieht sich auf Spekulationen über den Sachverhalt, also Annahmen, die ← 235 | 236 → sich z. B. auf das Handeln der Gegenseite oder bestimmte Zusammenhänge beziehen. Diese sind aber nicht als Teil des partikularen Sachverhaltswissens objektivierbar, wären also auch Dritten nicht zugänglich, sondern beruhen auf den Vorstellungen des Mandanten über seinen Fall und dessen Genese. Im folgenden Beispiel spekuliert der Mandant über den Zusammenhang mit der Sichtbarkeit seiner Telefonnummer und der Erreichbarkeit der Gegenseite, Beweise dafür wird er keine anbringen können: „Sobald ich meine Nummer unterdrücke, geht er dran. • Und dann sagt der: „Ich bin grad im Außendienst. Ich ruf Sie zurück.“. • Der Anruf kommt nie“ (FO_GP_1).

Subjektive Theorien der Mandanten bezeichnen also Wissenselemente über Vorstellungen von Zusammenhängen, Ursache-Folge-Verhältnissen oder das Handeln der Gegenseite. „Die Grundannahmen hinter diesem Begriff [Subjektive Theorien, I.P.] legen nahe, daß das Subjekt im Alltag ähnlich dem Wissenschaftler […] bestimmte Annahmen über sich und die Welt hat. Diese Annahmen hängen in sich zusammen, sind thematisch miteinander verknüpft, weshalb dabei auch von ‚Theorie‘ die Rede ist“ (Flick 1998: 13, vgl. auch Flick 1991). Diese subjektiven Theorien fußen in der Regel auf Normaliätswissen bzw. Normalitätsfolien (Hoffmann 2010: 253, 2002: 82), die der Mandant für sich beansprucht. Dabei handelt es sind grundsätzlich um kollektive Bilder (Hoffmann 2002: 82), von denen aber jeweils (subjektiv) das geeignete für die Betrachtung des individuellen Falles herangezogen werden muss (Hoffmann 2002: 91).

In der Medizin sind „subjektive Theorien“ oder subjektive Krankheitstheorien, auch Laientheorien genannt, bekannt und beschrieben (vgl. Birkner 2006 und die hier angegebene Literatur; Brünner 2009b: 171; Gülich 2003: 248f.). Darunter werden „Vorstellungen, die die Patient/innen von den Ursachen ihrer Erkrankung und – damit zusammenhängend – von deren Beeinflussbarkeit und Folgen haben“ (Birkner 2006: 153) verstanden. Im Vergleich zur medizinischen Kommunikation ergeben sich aber zum Mandantengespräch einige Unterschiede. Mit subjektiven Theorien stellen Mandanten im Vergleich zu Patienten vor allem weniger Zusammenhänge des persönlichen Erlebens dar. Häufig lösen die Theorien der Mandanten oftmals Handlungen erst aus (denn diese bilden die Grundlage der Einschätzung im übergeordneten Handlungsprozess des Mandanten) und begründen Ursache-Folgeverhältnisse daher. Diese Theorien der Mandanten sind zwar nicht weniger subjektiv, aber dennoch stärker wirklichkeitsschaffend als jene der Patienten in der APK.

Für alle Formen der Verbalisierung kann allgemein ergänzt werden, dass sie jeweils von den Mandanten als verschieden gesichert und gefestigt dargestellt werden. Zur Darstellung des Festigungsgrades werden Modalisierungen oder das Zitieren von Quellen eingesetzt. Birkner (2006: 165) beobachtet, dass Merkmale ← 236 | 237 → wie verba sentiendi, Modalisierungen oder das Zitieren fremder Stimmen generell häufig für die Darstellung subjektiver Krankheitstheorien verwendet werden. Durch das Zitieren fremder Stimmen oder das „Benennen der professionellen Wissensquelle“ (Löning 1994: 110) ebenso wie durch „Attitüdenmarker“ (Löning 1994: 100) macht der Klient das Wissen als nicht eigenes kenntlich. Ein Beispiel dafür ist das oben bereits besprochene (SO_EV_1, Fl. 14ff. „weil der Unterhalt wird ja neu festgesetzt, es gibt neue Berechnungsgrundlagen und auch neue Empfänger et cetera pe pe“), in denen der Mandant durch die Verwendung der Partikel „ja“ einen hohen Grad der Verfestigung des Wissens anzeigt. Im Gegensatz dazu markiert der Mandant in einem anderen Gespräch durch den Verweis auf die Aussage des Experten und die Verwendung des Konjunktivs, dass er das entsprechende Wissen zur Diskussion stellt, es also entsprechend wenig im Wissen des Mandanten verfestigt ist: „Und er sagte mir auch, dass diese Verwaltungsvorschrift • • • — äh ja er is offensichtlich juristisch da n bisschen tiefer im Thema als ich — • • • ((ea)) äh diese Verwaltungsvorschrift keine Rechtsquelle darstellt, es sei denn man würde immer nach ihr verfahren, Das sei aber wohl • in dem konkreten Fall nicht so“ (IP_IG_1).

Generell gilt gerade für subjektive Theorien der Mandanten, dass diese in der Regel nicht komplett und meist auch nicht bereits in der ersten Sachverhaltsdarstellung umfassend verbalisiert werden. Daher fallen bei der Analyse der Sachverhaltsdarstellung in diese Kategorie auch Äußerungen, die erst durch die Kenntnis des weiteren Gesprächsverlaufs als Hinweise auf die subjektive Theorie des Mandanten zu interpretieren sind („und uns äh…/ muss davor dazu sagen ich äh bin zur Ausbildung zugelassen worden • weil ne Stelle vakant war.“ , IP_IG_1, der Mandant leitet daraus im weiteren Verlauf mögliche Ansprüche auf diese Stelle ab).

7.3.4 Emotionaler Bezug zur Lage

Im Beispieltranskript thematisiert der Mandant neben den anderen Wissenselementen auch sein Erleben seiner Lage bzw. sein Erleben vergangener Ereignisse: „wir waren schon ganz erfreut“ (Fl. 23) und „Das Ergebnis hat uns schon n bisschen schockiert“ (Fl. 36ff.). Fiehler (2005; 1990a; 1990b, vgl. auch Stenschke 2009) und die hier angegebene und diskutierte Literatur) unterscheidet das Erleben als „eine bewertende Stellungnahme zu [sinnlichen, I.P.] Wahrnehmungen und zu den eigenen und fremden Handlungen“ und Emotionen als „spezielle Formen des Erlebens“ (Fiehler 2005: 121), die den Ausdruck von bestimmten Gefühlen bezeichnen. Betrachten wir Emotionen in der Sachverhaltsdarstellung, kann weder die Deutung von Emotionen durch den ← 237 | 238 → Hörer noch ihre interaktionale Prozessierung untersucht werden, sondern ausschließlich die Manifestation durch den Mandanten (vgl. Fiehler 2001: 1429ff., 1990b: 94ff.). Die Manifestation von Emotionen geschieht im Gegensatz zu den anderen rekonstruierten Wissenselementen nicht ausschließlich, indem sie thematisiert werden, sondern Erleben und Emotionen können sich in anderen Ausdrucksphänomenen wie physiologischen Erscheinungen, nonvokalen, nonverbalen Ausdrücken etc. niederschlagen (vgl. Fiehler 1990b: 96f., 2001: 1432f.). Entsprechend kann man den Ausdruck von Erleben nicht generell wie die anderen hier behandelten Wissenselemente behandeln und an bestimmten Äußerungen die Manifestation belegen, sondern gerade nicht-verbale Ausdrucksphänomene durchziehen die gesamte oder weite Teile der Darstellung.

Betrachtet man Erlebensmanifestationen in Sachverhaltsdarstellungen, kommt man zu einem Ergebnis, dass manchen Praktiker erstaunen wird: Im gesamten Korpus findet sich kein Gespräch, in dem ein Mandant in einer Sachverhaltsdarstellung zu weinen beginnt, ebenso lassen sich andere Ausdrucksphänomene von Emotionen kaum beobachten. Selbst in einem Beispiel, in dem der Mandant unter Zeitdruck und mit einem Problem, von dem er erst am Tag der Anwaltskonsultation erfahren hat, die Kanzlei aufsucht, finden sich außer vereinzelter stimmlicher Charakteristika (höherfrequentes und schnelleres Sprechen) keine Hinweise auf eine emotionalisierte Darstellung. Auch dieser Mandant prozessiert seine Sachverhaltsdarstellung entlang des hier rekonstruierten Musters (Abb. 7). Auch zeigen sich im untersuchten Korpus zwischen verschiedenen Rechtsgebieten keine nennenswerten Unterschiede in Bezug auf den Ausdruck von Emotionen.

In Sachverhaltsdarstellungen finden sich emotionale Bezüge insgesamt selten und wenn sie zu beobachten sind, dann in der Form, die auch das Beispieltranskript SO_EV_1 zeigt: als Thematisierungen (Fiehler 1990b: 113ff.) von bewertenden Stellungnahmen durch Emotionsausdrücke. Diese beziehen sich auf bestimmte Ereignisse oder Sachverhaltsbestandteile. So gehen beide im Beispieltranskript zu beobachtenden emotionalen Bekundungen mit der Darstellung von partikularem Sachverhaltswissen einher, indem sie es rahmen: „erfreut, dass der Unterhalt dann doch • weniger wird wie bisher“ (Fl. 23) und „schockiert, weil ähm sagen wir mal im Endeffekt schl/ rund, bald zwohnundert Euro mehr wie ma eigentlich dachten“ (Fl 36ff.). Darüber hinaus handelt es sich dabei ebenfalls nicht um eine Manifestation aktueller Emotionen, sondern um die Thematisierung vergangenen Erlebens und damit entsprechend um die Bewertung vergangener Ereignisse (vgl. Wolff/Müller 1997: 207, die dies als „Darstellung emotionaler Befindlichkeiten innerhalb eines berichteten Geschehens“ bezeichnen). ← 238 | 239 →

Dies ist sicherlich damit zu erklären, dass qua Manifestationsregeln (Fiehler 2001: 1428, 1990b: 78f.) Emotionen im Mandantengespräch eher als unangemessen gelten. Bedenkt man, dass Emotionen funktional als bewertende Stellungnahmen zu betrachten sind (Fiehler 2001: 1428), für die rechtliche Beurteilung aber ganz andere Kriterien zur Bewertung angelegt werden (anders als in anderen Beratungssettings, vgl. Fiehler 2005; Becker 1984: 203), wird ersichtlich, weshalb Emotionen – zumindest aus Sicht der Anwälte – so wenig Relevanz für die Falllösung besitzen. Betrachtet man das geringe Aufkommen von Erlebensmanifestationen in den Sachverhaltsdarstellungen, scheint dies durchaus auch von Mandanten beim Aufbau ihrer Darstellungen berücksichtigt zu werden.

7.3.5 Motivation des Mandanten, sein Ziel auszubilden und einen Rechtsanwalt aufzusuchen

Neben den genannten Wissenselementen verbalisieren Mandanten ebenfalls die Motivation, einerseits ihr Ziel auszubilden, und andererseits die Motivation, einen Rechtsanwalt aufzusuchen.

Zunächst zur Motivation, einen Rechtsanwalt aufzusuchen. An einem Punkt in seinem übergeordneten Handlungsprozess hat der Mandant den Plan gebildet, anwaltliche Unterstützung hinzuzuziehen. Dieser Plan gründet auf einer bestimmten Motivation. Rehbein bezeichnet die Motivation als „ein Bedürfnis“, „eine Gerichtetheit“, die „jedoch noch keine genaue Vorstellung über das, was zu tun ist“, beinhaltet (Rehbein 1977: 144). Rehbein (1977: 57) bezeichnet den Motivationsmechanismus als „einen Situationseinschiebemechanismus, d.h. […] einen Vorgang, durch den in einem vorliegenden Handlungskontext ein Anstoß (Initial) zu einer neuen Handlung entsteht“. Im übergeordneten Handlungsprozess gibt es also ein Initial, das den Mandanten zum Anwalt führt. Diesem Initial muss eine gewisse „Erfüllungswahrscheinlichkeit“ (Rehbein 1977: 55) zugrunde liegen, um überhaupt genügend Aktivierungspotenzial für eine bestimmte Handlung zu beinhalten (ebd.). Genau diese Motivation, ggf. sein Initial und die angenommenen Erfüllungswahrscheinlichkeit, wird der Mandant in seiner Sachverhaltsdarstellung verbalisieren. Im Beispieltranskript SO_EV_1 benennt der Mandant bestimmte Wendungen im Sachverhalt, die ihn zum Anwalt führen: „Und jetzt • ham wir uns gesacht: „Okay.“, weil das äh hat uns doch schon a bissl schockiert. Ääh: „Jetzt nehmen wir einfach mal • ne anwaltliche Beratung in Anspruch“(Fl. 39ff.). Es können aber z.B. auch äußere Umstände sein (SO_MQ_1 „Mein Problem ist jetzt nur dir/ der Umzug nach Deutschland und der Zeitmangel. Dass ich keine Zeit hab mich irgendwo einzulesen, ja?“), es ← 239 | 240 → können schriftliche Informationen sein, aus denen man entnimmt, nun einen Anwalt einschalten zu müssen (LO_MB_1 „Da habe ich dann gelesen, es besteht ein Anwaltszwang, wenn man zum Scheidungstermin erscheint“) oder es kann auf eine Empfehlung eines anderen Experten verwiesen werden (IP_IG_1: „Er empfahl mir trotzdem • hier eben mal vorstellig zu werden“).

Neben dem Anlass bzw. Anstoß, der den Mandanten im Verlauf seines übergeordneten Handlungsprozesses zum gegebenen Zeitpunkt dazu geführt hat, den Anwalt aufzusuchen, lässt sich zumindest analytisch ein zweiter Bezugssachverhalt rekonstruieren, auf den sich die Motivation des Mandanten beziehen kann. Es handelt sich um seine Motivation ‚in der Sache‘, die ihn dazu gebracht hat, sein Ziel auszubilden. Diese wird der Mandant aber weniger explizit formulieren als die Motivation seines Kommens.

‚In der Sache‘ hat der Mandant eine Motivation, die ihn bereits seinen gesamten übergeordneten Handlungsprozess hinweg begleitet und durch deren Aufrechterhaltung er überhaupt den Handlungsprozess weiterführt (Rehbein 1977: 57). Die Einschätzung seiner Situation als unbefriedigend kann von rudimentären menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit, Anerkennung etc. (vgl. Schweizer 2008: 37ff.) bis hin zu finanziellen Erwägungen gehen. Diese Motivation in der Sache führt den Mandanten zu seiner Zielbildung. Zielsetzung und Motivation verlaufen oft synchron, was sie faktisch nicht oder nur schwer unterscheidbar macht (vgl. Rehbein 1977: 145) und was dazu führt, dass die Motivation in der Sache häufig entweder im Ziel oder auch implizit in den subjektiven Theorien verbalisiert wird, vgl. im Beispieltranskript Fl. 24f. „Ähm was für uns eigentlich auch ne entsprechende Entlastung wär“…; Fl. 53ff. „Und äh wir haben auch ne gemeinsame Lebensplanung“….

Versuchen Mandanten, die Motivation auf den rechtsweltlichen Handlungskontext und den Handlungsprozess dort zu übertragen, werden sie diese nur sehr vage formulieren können. Die Motivation könnte mit ‚den Zustand im besten Fall verbessern‘ oder ‚Recht bekommen‘ umschrieben werden und beinhaltet also eine Veränderung eines negativen Zustandes in einen günstigeren (Pick 2010: 253f.). Ein Beispiel dafür findet sich auch im SO_EV_1: „und einfach zu kucken, • äh • ja wie kommen wir aus der Kiste wieder raus?“. Sagen wir s ma so! Weil das is zur Zeit einfach unser • größtes Problem“ (Fl. 42ff.). Hier gleicht die Motivation in der Sache einem Ziel „aus der Kiste wieder rauskommen“. Dies ist aber so vage formuliert, dass der Mandant damit weder adäquat eine Aussage über sein Handlungs- noch sein Gesprächsziel machen kann. Diese vagen Formulierungen sind damit zu erklären, dass der Mandant den Anstoß, den eine Handlung in der Rechtswelt (die er auch nicht kennt) gibt, nicht benennen kann. Darüber hinaus kennt er weder die Erfüllungswahrscheinlichkeit, weil ← 240 | 241 → diese „von institutionellen Einschränkungen abhängig“ ist (Rehbein 1977: 56), noch kennt er den rechtsweltlichen Handlungskontext, was somit beim Mandanten keinen Handlungsanstoß erzeugen kann. Seine Annahme über die Erfüllwahrscheinlichkeit verbalisiert der Mandant als Bestandteil seiner subjektiven Theorie. Inwiefern diese tatsächlich zutrifft, kann der Mandant ohne den Agenten nicht entscheiden (vgl. Rehbein 1977: 56). Für diese vagen Formulierungen, die in Mandantengesprächen häufig zu beobachten sind, habe ich den Terminus Anliegensübertragung vorgeschlagen (vgl. Pick 2010).

7.3.6 Gesprächs- und Handlungsziel des Mandanten

Auch ihre Zielsetzung (Rehbein 1977: 145) verbalisieren Mandanten mit der Darstellung ihres Sachverhaltes. Hier ist für das Mandantengespräch zu unterscheiden zwischen dem Gesprächsziel, das bezogen auf seinen übergeordneten Handlungsprozess ein Teilziel darstellt, und dem Handlungsziel, jenem Ziel, das er bezogen auf den Sachverhalt ausgebildet hat. Damit werden hier bereits Teile der Schemakomponente Ziel und Auftragsklärung (vgl. Kapitel 6.3.3) in der ersten Darstellung des Mandanten verbalisiert. Die Bearbeitung dieser Aufgaben findet also typischerweise unmittelbar im Zusammenhang mit der Aufgabe Sachverhalt einbringen statt und kann daher als eines der Wissenselemente rekonstruiert werden. Beide Ziele können mehrteilig sein oder aus mehreren Zielen bestehen. Beide Ziele können von Mandanten während der Sachverhaltsdarstellung genannt werden.

Das Handlungsziel ist vor allem für die weitere gemeinsame Arbeit von besonderer Bedeutung, da es den Ausgangspunkt für das Entwickeln von Handlungsoptionen ist und die Planbildung darauf aufbaut. Beispiele dafür finden sich in SO_EV_1: als übergeordnetes Handlungsziel, eine Entlastung vom Finanziellen „Ähm was für uns eigentlich auch ne entsprechende Entlastung wär vom Finanziellen“ (Fl. 24f.) oder als Handlungsziel in der Sache, Einspruch einlegen: „((1s)) Gibt s für uns da ne Möglichkeit im Endeffekt • auch jaa Einspruch einzulegen, zu sagen: „Halt das is uns einfach zu viel!“ (Fl. 57f.).

Als Gesprächsziel wird in der Regel das Ergänzen fehlenden Wissens genannt (SO_EV_1, Fl. 42 „um • • für uns • • n paar offene Fragen zu klären“) oder der Wunsch nach einer Bewertung der Situation (SO_EV_1, Fl. 56f. „A • • wie ist diese Berechnung? ((1s)) Ist die okay?“). Auf diesen Äußerungen kann keine weitere Handlungsplanung im Sachverhalt basieren, da unklar bleibt, was zu tun ist, wenn die Fragen geklärt oder die Berechnung begutachtet ist. Problematisch können daher Fälle werden, in denen das Handlungsziel im gesamten Gespräch nicht thematisiert wird (Pick 2009b). Umgekehrt kann ebenso problematisch ← 241 | 242 → sein, das Gesprächsziel nicht zu klären, da es einen großen Einfluss auf den Gesprächsverlauf hat, wenn bekannt ist, ob der Mandant lediglich Informationen zu einer Unterhaltsberechnung sucht oder dem Anwalt diese Berechnung in Auftrag geben möchte. Ebenso ist es sinnvoll, das Gesprächsziel zu klären, um das Gespräch rückblickend evaluieren zu können.

7.4 Das sprachliche Handlungsmuster Sachverhaltsdarstellung

Bisher konnte also gezeigt werden, dass Mandanten zum einen ihren übergeordneten Handlungsprozess (vgl. Kapitel 2.1.3) verbalisieren müssen, der z. T. eine lange zeitliche Dauer abbildet und nicht nur Elemente des partikularen Sachverhaltswissens, sondern auch andere Bestandteile des Handlungsprozesses, namentlich die Motivation und Zielsetzung, beinhalten. Zum anderen zeigt sich, dass es unabhängig vom Rechtsgebiet und Problem systematisch immer wieder die gleichen Wissenselemente sind, aus denen Mandanten ihre Sachverhaltsdarstellung zusammenstellen. In der Folge soll daher das sprachliche Handlungsmuster beschrieben werden, entlang dessen Mandanten ihre Sachverhaltsdarstellung aufbauen. Hierzu wird gezeigt, welche der ermittelten Wissenselemente bei der Sachverhaltsdarstellung systematisch aufeinanderfolgen und wie sie funktional aufeinander bezogen sind. Zweck des Musters Sachverhaltsdarstellung ist der Transport der vom Mandanten erlebten Fallgeschichte (Vorgeschichte) in die Rechtswelt. Dieser Transport dient nicht in erster Linie der nachfolgenden Begutachtung, sondern er dient vor allem dazu, die vom Mandanten als relevant erachteten Fallbestandteile in die Institution zu implementieren. Denn mit der Sachverhaltsdarstellung kann der Mandant diese zunächst auf der Basis seiner Perspektive auswählen und mit seiner persönliche Bewertung in die Institution einbringen. Damit dient die Sachverhaltsdarstellung dazu, das für den Mandanten Problematische zu filtern sowie seine Motivation und Zielsetzung einzubringen und für den Anwalt zugänglich zu machen, um eine individuelle Fallbearbeitung zu ermöglichen.

Betrachten wir erneut das Beispieltranskript SO_EV_1, so ist hier (sowie in den anderen analysierten Sachverhaltsdarstellungen) zu beobachten, dass die Sachverhaltsdarstellung der Mandanten typischerweise chronologisch entlang der Bestandteile des partikularen Sachverhaltswissens (vorgreifende Typisierung, Vorgeschichte, Geschehen, Problem) verläuft. Motivation, Handlungsziel und Gesprächsziel folgen in der Regel der partikularen Sachverhaltsdarstellung oder sind ihr (seltener) vorangestellt. Diese Darstellung des partikularen Sachverhaltswissens wird allerdings nicht linear vollzogen, sondern im Wechsel mit den anderen rekonstruierten Wissenselementen. Das einaktantige sprachliche ← 242 | 243 → Handlungsmuster Sachverhaltsdarstellung lässt sich im Praxeogramm wie folgt skizzieren (Abb. 7).

Abb. 7: Das sprachliche Handlungsmuster Sachverhaltsdarstellung21

Illustration

Das Wechselspiel der Darstellung des partikularen Sachverhaltswissens mit anderen Wissenselementen lässt sich erklären, wenn man die Funktionen der ← 243 | 244 → einzelnen Bestandteile des Sachverhalts näher betrachtet. Die oben beschriebenen Wissensbestandteile erfüllen verschiedene Zwecke, die in ihrem Zusammenspiel deutlich werden. Bei der Verbalisierung der Vorgeschichte als einem Teil des partikularen Sachverhaltswissens lässt sich in allen untersuchten Sachverhaltsdarstellungen ein Wechselspiel mit der Darstellung des Bildes von sich selbst beobachten. Im Beispielgespräch findet dieser Wechsel in den Flächen 3-10 statt. Der Mandant nennt die Vorgeschichte und setzt sich selbst dazu als „braver Unterhaltszahler“ in Bezug. In einigen Gesprächen lassen sich hier viele Wiederholungen immer zwischen der Vorgeschichte und der Darstellung des Selbstbildes beobachten, sodass gerade mit der Vorgeschichte und der Darstellung des Bildes von sich selbst die Sachverhaltsdarstellung insgesamt expandiert werden kann. Während das partikulare Sachverhaltswissen die Fakten und die Wahrnehmung des Sachverhaltshergangs beschreibt, dient die Verbalisierung des Bildes über sich selbst dazu, das partikulare Sachverhaltswissen zu rahmen und eine Bewertung mitzuliefern.

Da sich im Mandantengespräch Mandanten prototypisch in ungünstigen oder problematischen Situationen befinden (sonst würden sie keinen Anwalt aufsuchen müssen), schlägt sich in der Darstellung des Bildes von sich selbst Face-Arbeit nieder (Goffman 1967), die das Geschilderte so rahmt, dass sie Anwälten ein möglichst positives Bild des Mandanten vermittelt und die Ereignisse als eine möglichst nachvollziehbare Entwicklung von Ereignissen zeichnet, (vgl. zu ähnlichen Ergebnissen in der Rentenberatung Wolf 2005: 266; 271f.). Dabei ist es nicht unbedingt so, dass Mandanten sich immer in ein besonders positives Licht rücken, vielmehr stellen sie sich und ihre Handlungen häufig als menschlich und ihrem Wesen entsprechend dar. So gelingt ihnen eine Eindruckskontrolle und sie sind in der Lage, das Bild, das der Anwalt sich wiederum über sie und ihren Fall machen wird, zu steuern oder zumindest zu beeinflussen. Dies kann durch die Darstellung als Opfer einer Verkettung ungünstiger Umstände, durch die Darstellung als normalerweise nicht an Rechtsfragen interessiert/keine Rechtsfragen verfolgend; als normalerweise braver Rechtsbefolger etc. geschehen. Dies trägt dazu bei, dem Anwalt ihre Sicht auf ihre Lage möglichst umfassend zu vermitteln, bevor sie ihm die weitere Bearbeitung übergeben.

Subjektive Theorien der Mandanten werden zur Begründung der Forderungen/des Handlungsziels verbalisiert. Hier sind viele Informationen enthalten, die für die individuelle Sicht des Mandanten und seine persönliche Begründung seiner Ansprüche wichtige Hinweise enthalten (vgl. zu ähnlichen Ergebnissen in Schlichtungsgesprächen Reitemeier 1987). Ebenso treffen Spekulationen über den Sachverhalt, das Handeln oder Annahmen über die Gegenseite. Aussagen über Zusammenhänge, die in der Regel eine Forderung oder einen Standpunkt ← 244 | 245 → begründen. Im Beispieltranskript SO_EV_1 bricht der Mandant die Formulierung des Handlungsziels ab (Fl. 47), um in den folgenden Flächen 47–55 zunächst sich selbst im Gefüge der Beteiligten zu verorten und dann sein Wissen über rechtliche Zusammenhänge zu präsentieren (Fl. 49–55), mit denen er aussagt, dass zwar das Einkommen seiner Frau nicht gerechnet wird, die gemeinsame Lebensplanung aber aufgrund der Unterhaltszahlungen eng werde. Damit begründet er sein Handlungsziel, die Unterhaltszahlungen an seine Tochter herabzusetzen (was ohne eine Begründung eine zunächst moralisch fragwürdige Forderung sein könnte). Auch das Handlungsziel wird also mit einer entsprechenden Begründung präsentiert, die entweder vor- oder nachgeschoben wird. Mandanten rahmen das Ziel mit ihren Relevanzen und begründen es damit als legitim. Damit verweisen sie auf Wissen aus der Rechtswelt oder bestimmte Ursache-Folge-Verhältnisse, die ihr Ziel begründen (sollen).

Es ist ebenfalls zu beobachten, dass das Bild von sich selbst zur Begründung von Handlungszielen dienen kann und subjektive Theorien die Sachverhaltsdarstellung rahmen, in der Regel sind diese Elemente dann thematisch mit einem Bezug zur Gegenseite besetzt (vgl. das Beispielgespräch SO_EV_1). Damit erfüllen sie jeweils die genannten Funktionen – das Selbstbild im Kontrast zum Bild über die Gegenseite begründet das Handlungsziel, Spekulationen über die Gegenseite rahmen das Zustandekommen der Entwicklungen im Sachverhalt.

Die Verbalisierung der Motivation zeigt den Anlass des Kommens. Dieser kann in der Sache begründet sein (z. B. weil eine weitere Eskalationsstufe erreicht ist), in äußeren Umständen (fehlende Zeit, fehlendes eigenes Wissen) oder in der Empfehlung eines Experten (Hinweis auf rechtliche Möglichkeiten durch Dritte). Hier verbirgt sich funktional eine Rechtfertigung des Kommens und damit auch eine Rechtfertigung, (mit einem Unterstützer und im Rechtssystem) die nächst höhere Eskalationsstufe in Anspruch zu nehmen, also nun am übergeordneten Handlungsprozess Instanzen zu beteiligen, die gesellschaftlich definitive Resultate erzeugen und diese ggf. durchsetzen können (vgl. SO_MQ_1 „Das wollt ich jetzt noch abwarten, ob er das auch tatsächlich, • ta/ tatsächlich tut, • • ja? Oder ob er mir damit einfach/ mich nur ärgern will. Und das bei der Zahlung belässt. Dann wär ich auch nicht unbedingt eingeschritten“).

Insgesamt werden alle Wissenselemente grundsätzlich in jeder Sachverhaltsdarstellung verbalisiert. Eine Ausnahme bilden Motivation und Ziele. Diese Positionen werden teilweise von den Mandanten übersprungen, ihr Fehlen führt aber entweder zu einer Nachfrage des Anwalts oder zu Schleifenbildung und Komplikationen im Gesprächsverlauf. Daher ist dieser frühere Ausstieg aus der Sachverhaltsdarstellung im Muster nicht als potenzielle, also funktionale, Handlungsmöglichkeit vermerkt (zur besseren Orientierung aber als gestrichelte ← 245 | 246 → Linie dargestellt), denn es handelt sich beim diesem vorzeitigen Verlassen um ein problematisches Auslassen einzelner Musterpositionen und nicht um eine vorgesehene zweckgerichtete Ausstiegsmöglichkeit.

Im sprachlichen Handlungsmuster Sachverhaltsdarstellung (Abb. 7) zeigt sich die Bearbeitung der kommunikativen Aufgabe Sachverhalt einbringen, aus der das Muster maßgeblich besteht. Darüber hinaus sind ebenfalls die Aufgaben Gesprächsziel darstellen und Handlungsziel darstellen Bestandteile des Musters. Diese Aufgaben sind in ihrer Realisierung typischerweise so nah verbunden, dass sie in engem Zusammenhang bearbeitet werden. Es werden also bereits in der Sachverhaltsdarstellung Teile der Schemakomponente Ziel- und Auftragsklärung bearbeitet. Letztere werden allerdings wie gezeigt nicht immer verbalisiert, sondern das Muster verkürzt und so auf das Einbringen des Sachverhalts reduziert. Die folgende Abbildung (Abb. 8) zeigt die bei der Sachverhaltsdarstellung bearbeiteten kommunikativen Aufgaben.

Abb. 8: Im Rahmen der Sachverhaltsdarstellung bearbeitete kommunikative Aufgaben

Illustration

Insgesamt unternehmen Mandanten also besondere kommunikative Anstrengungen zur Kontextualisierung des partikularen Sachverhaltswissens und des Handlungsziels. Sowohl die Darstellung des Bildes von sich selbst als auch subjektive Theorien des Mandanten dienen dazu, das partikulare Sachverhaltswissens zu rahmen und entsprechend der Relevanzen des Mandanten zu gestalten. Dies soll letztlich dazu beitragen, das eigene Handeln zu begründen und vom Anwalt verstanden zu werden. Gleichzeitig legitimieren Mandanten ihr Kommen, indem sie so das Problem als problematisch darstellen und deutlich machen, dass ihrer subjektiven Theorie zufolge der Fall anders hätte verlaufen müssen bzw. sie das Recht haben, in die Entwicklung einzugreifen.

Mandanten schildern also ihren Sachverhalt wesentlich strukturierter und geplanter als von vielen Anwälten angenommen. Auch Sprondel et al. (1995: 76) beobachten Ähnliches: „Die Mandantinnen setzen in der Darstellung ihres Trennungskonfliktes und in der Beantwortung der Sachfragen die Gewichte nicht einfach so, wie sie von ihnen im Alltag erlebt werden, denn sie stellen sich auf den Gesprächstypus ‚anwaltliche Erstberatung‘, so neu er ihnen im allgemeinen ist, bereits vorher ein.“ ← 246 | 247 →

Dieses Muster wird allerdings nicht in allen untersuchten Mandantengesprächen durchlaufen, sondern es ist zu beobachten, dass es vom Anwalt unterbrochen wird, indem zur interaktiven Sachverhaltsklärung im Rahmen des Musters Sachverhaltsbegutachtung (vgl. Kapitel 8) durch das anwaltliche Fragen übergegangen wird. Dies führt dazu, dass das Muster Sachverhaltsdarstellung nicht oder nur teilweise vollzogen und der Zweck nicht erfüllt werden kann. Die Folge ist, dass Mandanten entweder auf das Einbringen ihrer Perspektive und persönlichen Bewertung verzichten oder diese an anderer Stelle versuchen, wieder aufzugreifen. Ein Verzicht kann zu Unzufriedenheit auf Seiten des Mandanten und einer falschen Gewichtung des Sachverhalts auf Seiten des Anwalts führen, das spätere Einbringen zu Schleifenbildung im Gespräch. Das folgende Beispiel zeigt eine solche frühe Unterbrechung des Musters Sachverhaltsdarstellung und schildert den weiteren Gesprächsverlauf.

Das folgende Beispiel aus dem Familienrecht zeigt die ersten Minuten eines Gesprächs zu einer Trennung einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Die Anwältin stellt dem Mandanten zu Beginn durch ihre offene Eröffnungsinitiative „Was kann ich für Sie tun, Herr Schultz?“ ein längeres Rederecht in Aussicht, das sie ihm aber in der Folge faktisch nicht einräumt. Sie bittet ihn also zunächst, das Muster Sachverhaltsdarstellung zu durchlaufen, geht dann aber sukzessive zum anwaltlichen Fragen (vgl. Kapitel 8.3) über (hier kenntlich gemacht durch die grauen Unterlegungen) und ermittelt selbst fehlende Sachverhaltsbestandteile. Damit spitzt sie die Ermittlung des Sachverhalts auf ihre bzw. institutionelle Relevanzen zu, der Zweck des Musters Sachverhaltsdarstellung kann nicht erfüllt werden.

A: Okay fangen wir an. Was kann ich für Sie tun, Herr Schultz?

M: • • Ääh folgendermaßen. ((1s)) Ääh ich st… • • • Also es geht/ mir geht s in erster Linie um ein nicht eheliches Verhältnis. • • Aaber… Wie gesagt, wir führen ein eheliches/ • • eine eheliche Beziehung.

A: • Eine nicht eheliche Beziehung. Sie sind nicht verheiratet.

M: Richtig.

A: Mit Ihrer Lebensgefährtin.

M: Also ich führ a eheähnliches Verhältnis.

A: Also Sie haben ne Lebensgefährtin und mit der sind Sie nicht verheiratet.

M: Richtig.

A: Okay. • • Und diese Lebensgemeinschaft besteht auch noch. ((3,1s)) Oder ist das das Problem?

M: Wie unter, wie untergliedert man das?

A: • • Nein, ich meine, die ist nicht am auseinander brechen. Oder so. Oder ist das das Problem?

M: Hmm̄ Hmhm̌ Hm̄ des ist jetzt eher das Problem.

A: Ahaâ okay.

M: ((1,3s)) Uund jetzt geht s um des. Ii möcht jetzt gern wissen, wie s um meine Rechte steht. • • • Ääh es is ein/ • • • eine Immobilie angeschafft worden. ← 247 | 248 →

A: • Ahâ Hmhm̂

M: • • • Die ist gekauft worden • • • äh vier zwotausendeins. ((1,3s)) Ist zu gleichen Teilen sog i jetzt amol äh jo, mehr oder weniger, äh renoviert worden, saniert worden. ((1s)) Mit Arbeitsleistungen, mit Geldleistungen.

A: Wie lange besteht diese eheliche Lebensgemeinschaft schon, Herr Schultz?

M: • • Ääh • • diese eheliche. Naa wir worn vorher a Joahr so zsamme. Und seit • • jā zehn Joahr san mir jetzt zsammen,

A. Also zwotausend.

M: aber das Haus ist gekauft worden seit zwotausendeins.

A: Also da bestand sie jedenfalls schon. Hmhm̌ Seit zwotausend sind Sie zusammen. Vier zwotausendeins ist diese Immobilie gekauft worden. Das ist n Haus.

M:

A: Ein Einfamilienhaus.

M: Einfamilienhaus.

A: Einfamilienhaus. • • Äähm • • wer steht denn im Grundbuch? Also wer hat den Notarvertrag unterschrieben und wer steht dann wie im Grundbuch?

QP_QS_1: Unterbrechung des Musters Sachverhaltsdarstellung (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

In der Folge weist das Gespräch in seinem Gesamtverlauf verschiedene thematische Schleifen auf, die sukzessive wieder aufkommen. Die Anwältin bittet den Mandanten neunmal erfolglos, seinen Anteil an der Wertsteigerung des Hauses zu schätzen, um so eine Forderung formulieren zu können. Sie sagt ihm viermal, dass er keine Ansprüche hat, und fragt dreimal nach seinen Erwartungen. Der Mandant hingegen nennt viermal seinen Plan, nicht ausziehen zu wollen, bzw. fragt, wie er vorgehen soll, bis alles geklärt ist, er betont dreimal, dass er „keine Schlammschlacht“ möchte, wohl auch, weil das Ende der Beziehung nicht von ihm, sondern von seiner Lebensgefährtin ausgeht und er dagegen „bei null wieder anfangen würde“. Da der Mandant hier vor allem typische Wissensbestandteile der Sachverhaltsdarstellung (subjektive Theorien, Selbstbild) thematisiert, könnte man vermuten, dass er diese auch in der Sachverhaltsdarstellung geäußert hätte, wäre diese zustande gekommen. So hätte sich die Anwältin möglicherweise zu Beginn ein umfassenderes und vor allem zusammenhängendes Bild der Bewertungen und subjektiven Theorien machen können, um darauf in der Folge gezielt einzugehen.

7.5 Abweichende Fälle: Erfahrene und bekannte Mandanten

Das sprachliche Handlungsmuster wurde anhand typischer Fälle erarbeitet, d. h. Darstellungen von Mandanten, die relativ unerfahren mit Mandantengesprächen sind und die dem Anwalt in diesem Gespräch zum ersten Mal begegnen. Nun gibt es aber ebenfalls Mandanten, die erfahrener mit einem Besuch beim Rechtsanwalt sind, sei es, weil sie in der gleichen oder anderen Angelegenheiten bereits einen Anwalt konsultiert haben. Ebenso gibt es Mandanten, die den gleichen Anwalt häufiger konsultieren und daher sowohl erfahrener als auch bereits gut mit dem Anwalt bekannt sind. Dies kann bei nicht-spezialisierten ← 248 | 249 → Anwälten der Fall sein, die verschiedene Probleme der Mandanten bearbeiten, oder bei spezialisierten Mandanten (häufig Geschäftsleute), die regelmäßig Probleme aus dem Rechtsgebiet eines Anwalts haben. Wir werden sehen, dass auch diese Mandanten bei ihrer Darstellung des Sachverhaltes dem oben entwickelten Handlungsmuster folgen, es aber modifizieren, indem sie bestimmte Musterpositionen überspringen.

In dem folgenden Gesprächsausschnitt FO_GP_1 (hier in segmentierter Form dargestellt) ist der Mandant insofern erfahren, als er bereits kurz zuvor wegen der Wettbewerbsklage bei einer anderen Anwältin war, wie er im Ausschnitt schildert.

Vorgreifende Typisierung: Das Problem is ja riesig.

Vorgeschichte: • Und zwar, isch hatte/ • isch hab seit ähm • • • achten Zweiten zwotausendacht • n Rechtsschutzversicherung und ich bin auch selbständig. Seit ähm zwotausend- ((ea)) • • -sieben bin ich selbständig und hab dann ((ea 0,7s)) eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen und war auch verheiratet. • • • Uund ähm ((1,5s)) äähm da hat/ da wurde auch geschrieben, dass ich selbständig bin, aber der, der berufliche Bereich, der Firmenbereich war nicht mitgedeckt. Also nur mein Privatbereich. • • • Und dann hab ich ähm dieses Jahr im Februar • hab ich mich dran erinnert: „Oh, ich bin schon seit fast ein Jahr geschieden.“, dann kann ich einfach mein, mein Status dann • wechseln. […] Das hab ich dann am achten Februar mit dem Kollegen der AFW Versicherung, Herr Zsall in Koblenz hier gemacht, unterschrieben • und alles äh verzeichnet.

Geschehen: Ungefähr ne Woche später oder zwei Wochen später habe ich ne Rechnung bekommen von der AFW, obwohl die Beiträge schon überwiesen waren. […] • • der hat s mir nochmal telefonisch versichert, dass die Bestätigung nochmal kommen wird.

Subjektive Theorie, Sachverhaltsspekulation: • • Und hat dann die ganze Zeit versucht, mir ne andere Versicherung anzudrehen, diese Riester, diese äh Rentenversicherung. Und dann hab ich ihm gesagt: „Ich werds mir überlegen und werd mich bei Ihnen melden, falls ich mir diese Rentenversicherung wünsche, • aber ich bin schon von meiner Hausbank, der Sparbank, angesprochen worden“ […] Und er war die ganze Zeit weiter die Meinung ähm, die AFW ist ne Vermögensgesellschaft, die kann nie Pleite gehen, die Sparbank, die Banken, Sie sehen, wie die Wirtschaftskrise sind...“, und so weiter.

Vorgeschichte: • Und danach hab ich, seitdem ich das abgelehnt habe, • • hab ich nochmal paar Mal versucht, mich mit ihm in Verbindung zu setzen, warum ich noch keine Bestätigung bekomme von der AFW, dass mein Vertrag umgestellt wurde, genauso wie • • • ne Bestätigung, genauso wo ich das auf Singlevertrag umgestellt habe. • • Da ist der nich mehr drangegangen. […]

Subjektive Theorie, Sachverhaltsspekulation: Sobald ich meine Nummer unterdrücke, geht er dran. • Und dann sagt der: „Ich bin grad im Außendienst. Ich ruf Sie zurück.“. • Der Anruf kommt nie zurück. Wenn ich mit ner anderen Nummer anrufe […].

Geschehen: ((ea 1,3s)) So is es nun so ähh gekommen, dass ich äh Ende Mai • • ähm von einem Mitbewerber ((1s)) der äh dann ähh mich äähm ne Abmahnung geschickt hat, wegen Wettbewerbwidrigkeit. Äh das/ wir sind nicht äh registriert bei den [Name zuständige Behörde] ((1,2s)) und äh verklagt uns auf wettbewerbwidrisch. ← 249 | 250 →

Bild von sich selbst: Und ähm, • wir sind zwar da registriert, aber wir hatten noch keine Registrierungsnummer bekommen. Und ich wusste ja nich persönlich, dass man erstmal warten muss, dass ne Registrierungnummer kommt, bevor manauch diese Geräte in Verkehr bringt.

Problem: Und ähm da hab ich meiner Anwältin gesagt: „Ich bin ja rechtsschutzversichert auch mit der Firma. Schreiben Sie dann der AFW um ne Deckungszusage!“. • • • Und dann kam n Brief von der AFW zurück: „Herr [Name Mandant] ist nur im privatem Bereich versichert.“.

Vorgeschichte: Da hab ich den Herrn Zsall nochmal angerufen, normalerweise/ natürlich mit unterdrückter Nummer: • • „Herr [Name Mandant], Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, die Firma is auch mit versichert.“.

# Zwischenfrage A; kurze Antwort für A

Vorgeschichte: Und da hab ich die Außenstelle direkt kontaktiert. Die hat mir gesagt, dass er Außendienst ist, äh das er nicht im Hause ist. Ich hab dann im Haus dann angerufen, hat ich ne Frau gehabt, ne Dame, ich glaub, da müssen höchstens zwei Frauen arbeiten. Und da konnte sie sogar in meinen Daten • • nichts finden. ((1,3s)) Warum? Weil der/ weil mein Vertrag immer noch online war und noch nicht an der Außenstelle Koblenz rüber gezogen wurde. • Und da hab ich ihm der/ den Fall erklärt, und er hat gesagt, wenn der Herr Zsall zurück kommt, • • wird er sich bei mir zurück melden. • • Was er nie tat! Zwei Mal habe ich auch mit derselben Dame telefoniert. Das zweite Mal konnte sie sich an ersteGespräch erinnern, aber der Herr Zsall hat nie zurück gerufen. • Und dann habe ich diesen Brief am dreißigsten April an die AFW geschickt und den Fall geschildert, dass ich also Stellungnahme haben möchte. Das hat/ • • jeden Tag ich hab mal wieder angerufen, da haben die mir gesagt, es • kommt/ es steht gerade ein äh ein Schriftwechsel zwischen AFW in Mainz und die Außenstelle in Koblenz.

Erleben: Gestern hat ich die Nase voll.

Vorgeschichte: Hab ich nochmal angerufen, dass ich endlich mal den Fall geklärt haben möchte. Da sagt mir die F/ die äh • die Frau die • am Telefon: • • äh „Wir haben Ihnen heute en Schreiben rausgeschickt. • Wir haben mit unserem Mitarbeiter von der Außenstelle Koblenz gesprochen.

Problem: • • • Er meint, äh er hätte auf Ihren Anruf gewartet, • • um die Unterlagen weiterzusenden.“. ((1,4s)) ((lacht)) Er hätte auf meinen Anruf, auf mein Okay gewartet. Rückfrage A zu Name Versicherungsvertreter Mit „Z“ am Anfang. ((1,0s)) Und die Unterlagen weiterzuleiten und äh das bedeutet, • • • dass ist dann nicht gemacht worden.

# Sachverhaltsexploration A

FO_GP_1: Sachverhaltsdarstellung (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

Auch in diesem Beispiel können wir den typischen Aufbau beobachten, eine mehr oder weniger ausgedehnte Vorgeschichte, die den Mandanten über das Geschehen zu seinem Problem führt (die Wissenselemente sind im Auszug jeweils genannt). Auffällig ist hier, dass der Mandant die Vorgeschichte nur an einer Stelle relativ knapp mit der Darstellung des Bildes von sich selbst rahmt. Auch die subjektiven Theorien sind hier im Vergleich zu den Gesprächen mit unerfahrenen Mandanten relativ knapp. Insgesamt zeigt sich eine relativ ← 250 | 251 → starke Orientierung an der Darstellung des partikularen Sachverhaltswissens und ein vergleichsweise früher Beginn mit dem Geschehen und dem Problem.

Dieser Mandant war selbst erst in einer anderen Angelegenheit bei einer anderen Anwältin, hat also gerade aktuelle Erfahrungen und ‚frisches‘ Institutionswissen. Auch andere Mandanten, die bereits Anwaltserfahrung haben oder in rechtsnahen Berufen arbeiten, lassen eine Häufung der Darstellung des partikularen Sachverhaltswissens erkennen.

Auffällig in diesem Beispiel ist ein weiterer Aspekt. Der Mandant benennt kein Ziel, weder ein Handlungs- noch ein Gesprächsziel. Dies ist allerdings nicht der Tatsache geschuldet, dass er bereits Anwaltserfahrung hat, sondern dies lässt sich wie gezeigt auch in vielen anderen Gesprächen beobachten.

Verstärkt scheint die Kürze der begründenden Elemente in der Sachverhaltsdarstellung (Selbstbild, subjektive Theorien) noch dadurch aufzutreten, wenn Mandanten nicht nur erfahren, sondern auch mit dem Anwalt bekannt sind, wie das folgende Beispiel zeigt.

Vorgeschichte: Gut. ((1s)) Jetzt, äh, ist der Herr Ettmeier Mitte Februar in Erziehungsurlaub gegangen. Äh, wir haben die Firmen zusammengelegt. ((1,3s)) Also die C und F Klaes ((1,4s)) hat die Belegschaft der K und E übernommen, • • • eingestellt. Die K und E macht im Moment kein Geschäft mehr, das läuft alles über die C und F Klaes G M B H und C O K G. Ist genau das gleiche C und F Verwaltung, ne, wie das hier auch.

Problem: ((1,5s)) Äh • • der Ettmeier wollte nach dem Erziehungsurlaub dann bei uns, bei C und F anfangen, • • hat sich aber jetzt selbständig • • gemacht.

Handlungsziel: ((1,1s)) Jetzt müssen wir • wahrscheinlich irgendwie einen Vertrag aufsetzen, dass er aus- • • • -geschieden ist oder aus- • • -scheidet aus der Firma.

Problem: • • • Und er hat • • • ähm • • ein Firmenfahrzeug von der Firma Klaes bekommen, wo wir ihm gesagt haben, er muss dreitausendreihundert Euro dafür bezahlen. • • • Das bezahlt er aber nicht. • • ((ea)) Er hatte mir letzte Woche Freitag ein Fax geschickt und • • äh • • • hat geschrieben er will die dreitausendreihundert Euro sofort bezahlen, • wenn • wir ihm etwas unterschreiben, dass er bei Klaes nichts me/ äh bei K und E nichts mehr zu bezahlen hat.

# kurze Frage A; kurze Antwort MA

# kurze Unterbrechung durch Anruf

Subjektive Theorie: Kann ja nicht Klaes und K und E in einen Pott werfen und uns äh…

Vorgeschichte mit Unterlagen: Dieses Schreiben habe ich ihm auch • • • gegeben. • • Das hat er auch. • • Das sind im Grunde — Stand achtundzwanzigster Februar — Mitte Februar hat er aufgehört zu arbeiten • bei K und E. Das waren die offenen Kreditoren, die noch zu bezahlen waren. ((1,3s)) Die Überziehung des Firmenkontos. Lohn von Herrn Müller und von Herrn Schmidt mussten noch zur Hälfte bezahlt werden. Ich hab das mal so aufgeführt. Da hat er ja vierzig Prozent äh • • Anteil • • • an der K G.

Gesprächsziel: ((1s)) Ich weiß nicht, ob ich • • das so richtig aufgeführt habe hier. ← 251 | 252 →

# Sachverhaltsexploration A

QB_TD_1: Sachverhaltsdarstellung (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

Auch das Gespräch QB_TD_1 zeigt trotz der Kürze der Sachverhaltsdarstellung im Vergleich zu den anderen Beispielen eine höhere Dichte der Darstellung des partikularen Sachverhaltswissens. Auch hier handelt es sich um eine erfahrene Mandantin, die darüber hinaus mit dem Anwalt bereits bekannt ist, da sie regelmäßig mit ihm zusammenarbeitet.

Bemerkenswert ist an diesem Beispiel, dass die Mandantin ihre subjektive Theorie nur an einer Stelle in der ungesteuerten Sachverhaltsdarstellung verbalisiert. Diese dient dazu, das Handlungsziel zu begründen, einen sauberen Auflösungsvertrag mit dem ausscheidenden Gesellschafter aufzusetzen. Ansonsten finden sich keine Begründungen und vor allem keine Darstellung des Bildes von sich selbst. Im Gegenteil: Die Mandantin nennt nach der Vorgeschichte sofort das Problem und ihr Handlungsziel und orientiert sich damit stark an institutionsrelevanten Wissenselementen. Dies ist in diesem Fall wohl damit zu begründen, dass sie den Anwalt bereits lange kennt, also sowohl mit der Situation Mandantengespräch als auch mit diesem Anwalt sehr vertraut ist. Die Vermutung, dass die Selbstdarstellung bei größerer Bekanntheit geringeren Umfang einnimmt, deutet sich also hier an. Da im Korpus nicht viele Gespräche von Dauermandanten vorliegen, kann dies momentan aber nur eine Vermutung bleiben.

Damit zeigt sich, dass Mandanten durchaus kommunikativ anpassungsfähig zu sein scheinen und sich auch unbekannten Situationen, wenn sich eine gewissen Vertrautheit einstellt, anpassen können. Lalouschek (Lalouschek 2005a: 104) stellt Ähnliches für die Beschwerdedarstellung in der APK fest: „Je mehr Erfahrungen Patienten und Patientinnen mit Krankenhausaufenthalten und ärztlicher Konsultation haben, desto geläufiger sind ihnen die Erwartungen der ÄrztInnen, z. B. die einer knappen, somatisch orientierten Leidensdarstellung in ‚Berichtform‘.“

7.6 Sprachliche Form der Sachverhaltsdarstellung: Bericht mit Bewertungshinweisen

Bei näherer Betrachtung der Sachverhaltsdarstellungen der Mandanten ist also zu beobachten, dass diese im Allgemeinen offenbar nicht ungeordnet oder ungeplant verlaufen, im Gegenteil, sie verlaufen sehr geordnet und wirken, als hätten Mandanten die Darstellung zuvor bereits geplant. Dies zeigt sich daran, dass einige Mandanten ihre Vorbereitung thematisieren (BT_TD_1 „weil ich hab mich so n bisschen vorbereitet. Damit ich nicht ganz so wirr bei Ihnen auftrete“), mit einem Stichwortzettel zum Anwalt kommen (IP_OF_1 „So, da gibt s ne Vorgeschichte, ((4s)) Hab ich mir auch nochmal in Ruhe gestern Abend nochmal aufgeschrieben, • • damit dat auch einigermaßen verständlich wird“) oder Unterlagen mitbringen oder vorschicken (GS_KB_1, A: „Vielen Dank erstmal ← 252 | 253 → Ihnen für die Übersendung der Unterlagen. Das äh ist ja • für mich sehr hilfreich, um mich reinzudenken“), was zu einer Strukturierung im Vorfeld beitragen soll (vgl. dazu auch Picker-Huchzermeyer 1986: 131).

Betrachtet man den Aufbau der Sachverhaltsdarstellungen, so bestätigt sich dieser Eindruck ihrer Geplantheit und Geordnetheit weiter, denn diese wird in der Regel entlang der Vorgeschichte, des Geschehens und des Problems hin zur Motivation und zum Handlungs- und Gesprächsziel aufgebaut. Mandanten stellen das partikulare Sachverhaltswissen mit der Verankerung in Raum und Zeit dar und wählen eine faktennahe, oft chronologische Darstellung. Mandanten stellen ihren übergeordneten Handlungsprozess mit den bisher bereits stattgefundenen eigenen Lösungsversuchen dar, indem sie eine Kette bereits abgeschlossener Ereignisse präsentieren, die an dem Punkt zusammengeführt werden, an der nun der Anwalt (potenziell) mit einbezogen werden soll (vgl. Kapitel 2.1.3). Mandanten sind also in der Lage, komplexe und lange Sachverhalte sehr komprimiert und zusammengefasst und auf den Kern bezogen darzustellen, indem sie z. T. viele Informationen verschachteln, was auch die Fülle der herausgearbeiteten Wissenselemente im Beispieltranskript bestätigt. Der Mandant bewerkstelligt in nur 3 Minuten und 29 Sekunden seine gesamte Sachverhaltsdarstellung.

Mandanten orientieren sich vor allem bei der Verbalisierung des partikularen Sachverhaltswissens, der Motivation und den Zielen an einer institutionsadäquaten berichtenden Form.

Berichtend, denn „[b]eim Berichten trifft der Sprecher eine ‚sinnvolle Auswahl‘ der Geschehnisse; diese drückt sich darin aus, daß er in logischer Reihenfolge berichtet, daß er bestimmte Ereignisse zusammenfasst; bringt er direkte Rede, so nur, wenn er die Wiedergabe einer Äußerung für besonders informativ hält.“ (Rehbein 1980: 83, Herv.i.O., vgl. Hoffmann 1991: 103, 1984). Begonnen wird beim Bericht mit der Verortung von Raum und Zeit, um den „vergangenen Vorgang[s] in der gegenwärtigen Sprechsituation des Berichtens zu verankern“ (Rehbein 1984: 95; vgl. Hoffmann 1991: 104). Dies geschieht in nahezu allen untersuchten Gesprächen. Dazu kommt, dass der Sprecher nur das Wissenswerte verbalisiert (Rehbein 1984: 95). Auch dies ist in den Gesprächen zu beobachten, denn die Darstellung wird im Mandantengespräch auf das Problem hin zugespitzt, nicht etwa auf die „diskursive Verarbeitung des Leidens“ (Rehbein 1980: 79) oder das Skandalon (Rehbein 1980: 68; 79, 1989; vgl. auch Hoffmann 1984: 57), dem für das Erzählen typischen Höhepunkt einer Geschichte, sondern „[d]er Aktant macht eine Einschätzung der an die fraglichen Ereignisse heranzutragenden institutionellen Relevanzen und nimmt eine Gewichtung vor“ (Hoffmann 1991: 104). Institutionsadäquat, denn das ← 253 | 254 → Berichten als Diskursart ist einem „institutionellen bzw. stark arbeitsteiligen Aufgabenbereich zugeordnet“ (Rehbein 1985: 71). „Sachverhalte werden als Instanzen institutionell bestimmter Ereignistypen vorkategorisiert, mental organisiert und so in den Diskurs […] eingebracht, daß die zugrundeliegenden Handlungen bzw. Ereignisse der Wirklichkeit in ihren Ergebnissen und Folgen institutionell bewertet werden können“ (Hoffmann 1991: 107).

Neben dem partikularen Sachverhaltswissen, der Motivation und den Zielen finden sich aber in den Sachverhaltsdarstellungen ebenfalls bewertende Elemente, wie die subjektiven Theorien, das Bild von sich selbst oder emotionale Bewertungen, weshalb die Form der Sachverhaltsdarstellung nicht in Gänze mit der des Berichts übereinstimmt.

Vergleicht man die Ergebnisse mit jenen zu Darstellungsformen von Sachverhalten vor Gericht, scheinen diese verwandt. Hoffmann bezeichnet die typische Form der Sachverhaltsdarstellungen von Angeklagten vor Gericht als „erzählende Darstellung“ (Hoffmann 1991: 100; vgl. auch Rehbein 1989: 283), die sich durch die strategische Planung der Angeklagten ergibt. Diese Form wird benutzt, „um für bestimmte Sachverhalte einen Wahrheitsanspruch zu erheben und eine spezifische rechtliche Bewertung zu erreichen“ (Hoffmann 1991: 100). Die erzählende Darstellung wird im Hinblick auf die Anklage und die Verteidigung des Wahrheitsanspruches organisiert (Hoffmann 1991: 108). Als für die Aussagen von Zeugen typische Form rekonstruiert Hoffmann (1980: 55) „berichtende Darstellungen“, Formen, die sich grundsätzlich am Muster des Berichts orientieren, aber „explizite Kommentierungen“ enthalten und strategische Funktionen und Wertungen im Hinblick auf das Verfahren beinhalten. Dabei rückt „die Ereignisrepräsentation als Zweck des Berichts in den Hintergrund […] und [wird] unter dem Zielaspekt strukturell organisiert“ (Hoffmann 1984: 61).

Die Darstellung des Sachverhalts im Mandantengespräch dient einem anderen Zweck als Aussagen vor Gericht. Auf der Basis der Darstellung wird kein Urteil gefällt, sondern es gilt, den Sachverhalt in der Regel zum ersten Mal in der Rechtswelt zu verorten und ihn dabei vor allem in Verbindung mit den für den Mandanten relevanten Gesichtspunkten zu rahmen. Das Gegenüber ist nicht etwa ein Richter, der sich für oder gegen die Darstellung des Mandanten entscheiden kann, sondern das Gegenüber ist der Anwalt, der der potenziell alleinige Interessenvertreter ist und der möglichst die Sicht des Mandanten mit allen wichtigen Prämissen übernehmen soll. Im Mandantengespräch soll die ggf. für ein Verfahren strategische Ausrichtung der Sachverhaltsdarstellung zunächst mit der anwaltlichen Unterstützung erarbeitet werden. Zu einer Aushandlung des ‚wahren‘ Sachverhaltes kommt es im Mandantengespräch nicht, es interessiert zunächst die Version des Mandanten. Anwälte sind nicht ← 254 | 255 → einmal grundsätzlich dazu verpflichtet, den Sachverhalt zu überprüfen (vgl. Kapitel 2.1.1). Darüber hinaus weiß der Anwalt in der Regel nichts oder wenig über den Mandanten und seinen Sachverhalt, während bei Gericht bereits alle wesentlichen Elemente aus Sicht verschiedener Beteiligter zuvor schriftlich aufbereitet wurden. Sauer bezeichnet die Entstehung eines Sachverhalts vor Gericht als „Netz der Bedeutungen, an dem so viele mitgearbeitet haben“ (Sauer 2002: 115). Ein nicht unerhebliches Kriterium zur Unterscheidung von Darstellungen vor Gericht und beim Anwalt ist sicherlich auch die Freiwilligkeit, mit der ein Mandant im Mandantengespräch seinen Sachverhalt schildert, sowie die Freiwilligkeit, überhaupt einen Anwalt aufzusuchen. Entsprechend des unterschiedlichen Zwecks der Sachverhaltsdarstellungen vor Gericht und im anwaltlichen Erstgespräch ist hier auch die Strategie der Mandanten eine andere und damit der Aufbau der Sachverhaltsdarstellung.

Im Mandantengespräch werden neben dem partikularen Sachverhaltswissen, das einer berichtenden Form folgt, persönliche Bewertungen und Hinweise zur Interpretation der Lage der Mandanten durch die „subjektiven Theorien“ und das „Bild von sich selbst“ verbalisiert. Damit begründen Mandanten das Zustandekommen ihrer Situation und verorten sich selbst dazu. Bei der Verbalisierung dieser Sachverhaltsbestandteile, die nicht der berichtenden Darstellung partikularen Sachverhaltswissens dienen, sind Mandanten nicht unbedingt um Merkmale des neutralen Berichtens bemüht. Das wird auch dadurch deutlich, dass hier weniger Wahrnehmungsoperatoren oder die Kennzeichnung von Perspektiven zu erkennen sind, die Hoffmann für die berichtende Darstellung annimmt (Hoffmann 1980: 52), sondern die Darstellung der Ereignisse wird entsprechend der Einschätzung der Situation und des Selbstbilds des Mandanten gerahmt, gleichzeitig aber institutionell weiterbearbeitbar verbalisiert. Dem Anwalt als Interessenvertreter wird so die Brille des Mandanten angeboten, um den Sachverhalt zu betrachten. Entsprechend kann die Form der Sachverhaltsdarstellung im anwaltlichen Erstgespräch als Bericht mit Bewertungshinweisen kategorisiert werden.

Insgesamt kann also festgestellt werden, dass Mandanten sich an institutionellen Erwartungen orientieren und Informationen berichtend, sukzessive und strukturiert verbalisieren. Diese rahmen sie mit ihren eigenen Bewertungen und geben damit Hinweise auf ihr Verständnis der Sachverhaltsentwicklung, ihre rechtliche Einschätzung und stellen Bezüge zu ihrem Bild von sich selbst her. Entsprechend wichtig scheint, dass auch Anwälte die jeweiligen Wissensbestände unterscheiden (lernen), um die Bestandteile der Sachverhaltsdarstellung adäquat interpretieren und die Informationen nutzen zu können. ← 255 | 256 →

7.7 Zusammenfassung der Ergebnisse

In den untersuchten Gesprächen lassen sich folgende Wissenselemente rekonstruieren, die der Mandant bei der ungesteuerten Sachverhaltsdarstellung verbalisiert:

 das partikulare Sachverhaltswissen,

 das Bild des Mandanten von sich selbst im Sachverhalt,

 subjektive Theorien des Mandanten: Laienwissen und Sachverhaltsspekulation,

 der emotionale Bezug zur Lage,

 die Motivation des Mandanten, sein Ziel auszubilden und einen Rechtsanwalt aufzusuchen,

 das Gesprächs- und Handlungsziel des Mandanten.

Insgesamt verbalisiert der Mandant also bei der Sachverhaltsdarstellung jene Wissenselemente, die er bei der Ausbildung seines übergeordneten Handlungsprozesses (vgl. Kapitel 2.1.3) entwickelt hat. Er verbalisiert seine Einschätzung der Situation (partikulares Sachverhaltswissen, Subjektive Theorien, Selbstbild, Emotionaler Bezug), er nennt seine Motivation, die ihn dazu geführt hat, einen Anwalt in seinen Handlungsprozess zu integrieren, und er nennt sein Handlungsziel als Teil des übergeordneten Handlungsprozesses sowie sein Gesprächsziel als Ziel des Teilhandlungsprozesses der rechtlichen Bearbeitung.

Die Form der Sachverhaltsdarstellung kann insgesamt als ‚Bericht mit Bewertungshinweisen‘ bezeichnet werden, da der Aufbau des partikularen Sachverhaltswissens bis hin zu Motivation und Ziel einer berichtenden Form folgt. Diese werden aber mit begründenden Elementen, den subjektiven Theorien, dem Bild des Mandanten von sich selbst und emotionalen Bewertungen gerahmt, um die Sichtweise des Mandanten auf seine Lage dem Anwalt möglichst adäquat vermitteln zu können.

7.8 Sachverhaltsdarstellung und Sicht der Praxis

Betrachtet man diese Ergebnisse vor dem Hintergrund der „Standardkategorien […], die der Rechtsanwalt gedanklich abarbeiten und gegebenenfalls erfragen sollte“ (Kilian 2008: 33), also den Bestandteilen der Sachverhaltsdarstellung, auf die Rechtsanwälte Wert legen, zeigt sich ein interessantes Bild. Kilian (2008: 33) nennt die folgenden Kategorien:

 Mandanteninformationen;

 Gegnerinformationen;

 Informationen zu Dritten (Zeugen);

 Maßgebliche Ereignisse; ← 256 | 257 →

 Wünsche des Mandanten;

 Bisherige Problembehandlung;

 Verfahrensfragen.

Vergleichen wir diese Standardkategorien aus Anwaltssicht mit den empirisch gewonnenen Bestandteilen der Sachverhaltsdarstellung, die Mandanten verbalisieren und entsprechend als relevant betrachten, lassen sich Überschneidungen, aber ebenfalls Abweichungen erkennen. Aus Anwaltssicht werden maßgeblich Wissenselemente erwünscht, die sich dem partikularen Sachverhaltswissen zuordnen lassen: personenbezogenen Daten des Mandanten, des Gegners und der Zeugen, maßgebliche Ereignisse und die bisherige Problembehandlung. Die Kategorie „Wünsche des Mandanten“ beinhaltet mit ihren Unterkategorien nach Kilian (ebd.) das „gewünschtes Ergebnis“ oder die „Notwendigkeit der Informierung Dritter“, die mit der hier ermittelten Kategorie des Handlungsziels korrespondiert sowie den, „Auslöser für Anwaltsbesuch“, der sich in der hier ermittelten Kategorie Motivation findet. Ansonsten sind in der Kategorie „Wünsche des Mandanten“ ebenfalls Bestandteile des Sachverhaltswissens enthalten: „Kernproblem“, „Probleme bei der Zielerreichung“, „Auswirkungen auf andere Personen“ (Kilian 2008: 33). Damit stellen sich insgesamt übertragen auf die hier ermittelten Wissenselemente das partikulare Sachverhaltswissen, die Motivation und das Handlungsziel als institutionspräferierte Elemente heraus.

Die Bestandteile der subjektiven Theorien des Mandanten und des Bildes von sich selbst (oder funktional: Begründungen der Mandanten ihres Handelns oder ihrer Annahmen) werden in der Praxisliteratur nicht genannt. Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass sie aus Sicht des Anwalts als nicht sonderlich relevant betrachtet werden. Dennoch werden sie systematisch in den Sachverhaltsdarstellungen verbalisiert und erfüllen eine wichtige Funktion für den Aufbau der Sachverhaltsdarstellung. Es besteht also eine Diskrepanz zwischen den Wissenselementen, die Mandanten bei der Sachverhaltsdarstellung verbalisieren, und jenen, die Anwälte als „Standardkategorien“ betrachten.

Da aber die Funktionalität dieser bisher aus Anwaltssicht nicht beachteten Sachverhaltsbestandteile verdeutlicht und nachgewiesen wurde, sollten diese nicht ignoriert werden, auch wenn sie möglicherweise für Anwälte nicht unmittelbar von Interesse zu sein scheinen. So können Anwälte aus den subjektiven Theorien des Mandanten viel über die Verhältnisse der Beteiligten und das Zustandekommen der Situation erfahren, die sie nicht oder nur sehr mühsam erfragen könnten. Ebenso legen Mandanten mit diesen Wissenselementen ihre Sicht auf rechtliche Zusammenhänge dar. Daran können Anwälte unmittelbar anknüpfen und diese ergänzen oder Fehlannahmen korrigieren. Das Bild des ← 257 | 258 → Mandanten von sich selbst zeigt Anwälten die Rolle des Mandanten in seinem Fall und kann wichtige Hinweise auf zu erwartende Schwierigkeiten bei der Umsetzung von (außergerichtlichen) Plänen geben. Darüber hinaus bilden diese Wissenselemente, wenn sie vom Anwalt entsprechend erkannt und gewürdigt werden, eine wichtige Grundlage für die Beziehungsgestaltung.

Da Anwälte die Sorge für das Gelingen des Gesprächs tragen, scheint ein Bewusstmachen der Bestandteile und das Sensibilisieren für deren Funktionen ein durchaus lohnenswerterer Schritt als der Weg, der bisher häufig gegangen wird, die Verbalisierung dieser Wissensbestände unterdrücken zu wollen. Dies bestätigt sich auch bei einer Nachbesprechung zu dem Gespräch, das die längste Sachverhaltsdarstellung einer Mandantin im Korpus aufweist, mit dem entsprechenden Anwalt. Dieser hatte noch im Fragebogen im Anschluss an das Erstgespräch vermerkt, dass er den Einstieg abkürzen würde, wenn er das Gespräch noch einmal führen könnte. Nach nochmaligem Hören der Sachverhaltsdarstellung in der Nachbesprechung und genauerer Betrachtung unter dem Fokus der Funktionen der verbalisierten Wissenselemente kommt der Anwalt dann aber zu folgendem Schluss:

„Der Zeitraffer… […] Ohne dass ich jetzt ne Gliederung des weiteren Gesprächsverlaufs jetzt vor Augen habe, würde ich aber überlegen, wenn ich Mandantengespräche kürze: Ist das tatsächlich der richtige Punkt? Würd ich jetzt im Moment eher sagen: Nein. Dann vielleicht eher Nebenkriegsschauplätze in der rechtlichen Würdigung vermeiden oder konkreter formulieren, was eben mögliche Ziele sind oder mögliche Strategien sind. Also ich glaube, da kann man bei sich selber besser kürzen als hier im Einstieg des Mandanten“ (Interview mit einem teilnehmenden Anwalt, Februar 2013, 2:39: 20).

20 Alle Beispiele, die aus anderen Gesprächen stammen, werden zusätzlich mit dem Kürzel für das Gespräch wiedergegeben, um deren Herkunft deutlich zu machen und herauszustellen, dass es sich nicht um Auszüge des Beispieltranskripts SO_EV_1 handelt.

21 Die Legende zu allen sprachlichen Handlungsmustern findet sich im Anhang.