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Das Museum als Kompensation?

Eine Ausstellungsanalyse des Bachhauses in Eisenach

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Patricia Kemmer

Die Kompensationstheorie nach Hermann Lübbe und Odo Marquard beeinflusste den Museumsdiskurs nachhaltig und stellt eine zunächst nachvollziehbare Erklärung für den seit den 1980er Jahren diagnostizierten Museumsboom dar. Auf welchen Gedankengängen die Kompensationstheorie beruht, wird in einer analytischen Wiedergabe wichtiger Schriften der Theoretiker nachvollziehbar. Als Kernanliegen wird eine Fallstudie durchgeführt, die nach konkret sichtbaren Spuren der Kompensation im Museum fragt und das Konzept der Kompensationstheorie mit Rückgriff auf Aleida Assmanns Gedächtnistheorie in den Kontext der Erinnerungskultur einordnet. Dabei wird sich zeigen, dass ein Verständnis des Museums als Kompensation zu kurz greift und erst die Abwendung von ihr zu zahlreichen Besonderheiten im Ausstellungskonzept führt.
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2 Die Kompensationstheorie

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Das den anstehenden Ausführungen zugrunde liegende Denkmodell der Kompensation hat in der modernen philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle inne. Autoren, die sich seit den 1960er Jahren mit der Kompensationstheorie auseinandersetzen, sind Odo Marquard und Hermann Lübbe. Folgt man Marquard, ist jegliche bisherige Philosophie über den Menschen als einem Absoluten gescheitert und evoziert die Anerkennung des Menschen in seinem endlichen und mit Mängeln behafteten Wesen.51 Dass dieses Denken das 20. Jahrhundert prägt, belegt Marquard mit zwei Hinweisen: Zunächst hat neben dem Anthropologen Arnold Gehlen (1904–1976) auch schon Helmuth Plessner (1892–1985) den Menschen als ein Mängelwesen beschrieben, dessen Unvollkommenheit („Hälftenhaftigkeit“52) durch Ergänzung kompensiert und vervollständigt werden muss.53 Diese Einschränkung will der Mensch in den Augen Plessners durch „Kultur, also durch Künstlichkeit, Expressivität, Transzendenz“54 kompensieren. Für Gehlen steht beim Menschen als Mängelwesen jedoch die Lebensunfähigkeit im Mittelpunkt, die es für ihn zu einer Notwendigkeit macht, die „rohe Natur […] so zu verändern, daß sie ihm lebensdienlich wird“55. Im Sinne des Mängelwesens wird der Mensch in der modernen Anthropologie als „Defektflüchter, der nur durch Kompensationen zu existieren vermag“56, bestimmt.

Diese philosophiehistorisch greifbaren Indikatoren für das Verständnis des Menschen als Mängelwesen ergänzt Marquard mit dem Hinweis auf die Entdeckung kompensatorischer Verhältnisse in der gesellschaftlichen ← 25 | 26 → Entwicklung der letzten Jahre. Besonders der Philosoph Joachim Ritter, der akademische Lehrer Marquards...

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