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Das Museum als Kompensation?

Eine Ausstellungsanalyse des Bachhauses in Eisenach

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Patricia Kemmer

Die Kompensationstheorie nach Hermann Lübbe und Odo Marquard beeinflusste den Museumsdiskurs nachhaltig und stellt eine zunächst nachvollziehbare Erklärung für den seit den 1980er Jahren diagnostizierten Museumsboom dar. Auf welchen Gedankengängen die Kompensationstheorie beruht, wird in einer analytischen Wiedergabe wichtiger Schriften der Theoretiker nachvollziehbar. Als Kernanliegen wird eine Fallstudie durchgeführt, die nach konkret sichtbaren Spuren der Kompensation im Museum fragt und das Konzept der Kompensationstheorie mit Rückgriff auf Aleida Assmanns Gedächtnistheorie in den Kontext der Erinnerungskultur einordnet. Dabei wird sich zeigen, dass ein Verständnis des Museums als Kompensation zu kurz greift und erst die Abwendung von ihr zu zahlreichen Besonderheiten im Ausstellungskonzept führt.
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4 Schlussbemerkung

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Die Ausstellungsanalyse des Bachhauses hat gezeigt, dass dieses Museum als Ort der Kompensation der Erfahrung von Gegenwartsbeschleunigung betrachtet werden kann, diese Zuschreibung aber nicht ohne Einschränkung verwendet werden darf. Das Bachhaus ist zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus kompensatorischen und identitätsstiftenden Gründen entstanden, zeigt sich aber in seiner heutigen Form von dieser sehr einseitigen Zuschreibung an ein Museum emanzipiert. Zudem sind die Ergebnisse meiner Analyse Belege für die Kritik Assmanns an der Kompensationstheorie. Deren Konzeption des Teddybären als identitätsstiftendem ‚Rettungsanker‘ in Zeiten der Beschleunigung lässt außer Acht, dass Identität einem Prozess gleichzusetzen ist, der nicht mit einem Gegenstand hergestellt zu werden vermag. Dieser Gegenstand, beispielsweise ein Original aus Zeiten Bachs, kann im Sinne einer Schnittstelle Begeisterung hervorrufen, da er einen Zugang zur Geschichte eröffnet und das Interesse an Historischem befriedigt. Nach der Analyse kann man Korff Recht geben, der die „identitätssichernde Rolle fortschreitender Musealisierung“289 wie sie Lübbe feststellt, als zu verkürzt betrachtet sieht. Die Ergebnisse erzwingen meines Erachtens eine Re-Formulierung der europäisch-ethnologischen Sicht von der Notwendigkeit des Museums, wie sie bei Dieter Kramer zu finden ist: Das Museum bleibt nach der Analyse ein Ort, der zur Präsentation von Erkenntnissen dient; aber er trägt nicht unbedingt zur inhaltlichen „Gestaltung von (regionalen, lokalen) ‚Identitäten‘, Selbstverständnissen und Geschichtsbildern“290 bei. Vielmehr bietet es einen Raum zur Reflexion über diese und kann durch seine vielfältigen Möglichkeiten der Präsentation, Darstellung...

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