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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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38 Fritz: Ein Leben führen

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Ein Leben führen

Das Leben – ein Kind,das gehen lernt,uns fragend anschaut,hinfällt, aufsteht.Wir nehmen es an seinerHand und führen esund merken doch bald:es zieht unsdurch die Jahre.

Aus der 1987 veröffentlichten Sammlung „Immer einfacher, immer schwieriger – Gedichte und Prosagedichte 1983–1986“.

Neun Kurzverse. Am Rhythmus fällt auf, daß drei Verse (1, 5, 7) mit einer Silbenfolge o – o o – beginnen, und daß das Gedicht einen Hexameterschluß (– o o – o) hat. Nur an einer Stelle schneidet eine Versgrenze in einen engen syntaktischen Zusammenhang und trennt ein Attribut („seiner“) von dem Substantiv, dem es zugehört („Hand“).

Als Überschrift dient die vielgebrauchte und deshalb kaum noch als Metapher empfundene Redeweise: „ein Leben führen“. Die infinite (infinitivische) Form, in der sie hier zitiert wird, zeigt an, daß vom Leben ganz allgemein die Rede sein wird und nicht etwa nur von einem bestimmten Leben, das eine bestimmte Person in einer bestimmten Zeit führt.

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