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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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41 Kirsch: Der Rest des Fadens

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Der Rest des FadensDrachensteigen. SpielFür große Ebnen ohne Baum und Wasser. Im offenen HimmelSteigt aufDer Stern aus Papier, unhaltbarIns Licht gerissen, höher, aus allen AugenUnd weiter, weiter

Uns gehört der Rest des Fadens, und daß wir dich kannten.

Aus der 1979 veröffentlichten Sammlung „Drachensteigen“. Sie war ursprünglich in zwei Kapitel mit den Titeln „Allerleirauh“ (15 Gedichte) und „Italienische Amseln“ (25 Gedichte) unterteilt. Unser Gedicht ist das 10. von „Allerleirauh“. Vor ihm steht „Trennung“, danach folgt „The Last of November“.

Sieben ungleich lange Verse ohne regelmäßigen Rhythmus. Der letzte, längste, ist durch eine Leerzeile abgetrennt. Interpunktionszeichen sind hier anders als in früheren Gedichten der Verfasserin gesetzt. Deshalb fällt es auf, daß am Ende des vorletzten Verses vor der Leerzeile kein Punkt steht. Zweimal trennt die Versgrenze das erste Wort einer syntaktischen Einheit vom Rest ab: „Spiel| für große Ebnen …“; „unhaltbar| ins Licht gerissen“.

Die Überschrift ist nur einen Moment lang rätselhaft, denn gleich das erste Wort des Textes macht deutlich, worum es sich bei diesem Faden handelt: um die Schnur, an der man einen Drachen steigen läßt. Die Bezeichnung „Faden“ scheint nicht ganz passend zu sein, ist ein Faden doch eigentlich zu dünn, um als Drachenschnur dienen zu können. Die Dichterin will mit dieser Wortwahl wahrscheinlich aber, wie man aus dem Folgenden schließen kann, auf redensartliche Wendungen wie „den Faden verlieren“, „der Geduldsfaden ist gerissen“ anspielen...

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