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Semantik der Leere in deutschen und polnischen Kulturtexten zur Shoah

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Dominika Gortych

Die Autorin beschäftigt sich mit kritischen künstlerischen und literarischen Manifestationen des kulturellen Shoah-Gedächtnisses in Deutschland und Polen vor dem Hintergrund öffentlicher Debatten. Besonderes Augenmerk legt sie auf die vielfältigen semantischen Dimensionen der Leere als zentraler ästhetischer Kategorie in Kulturtexten. Sie fragt nach der Beschaffenheit der Erinnerungskulturen, dem Zusammenhang von Gedächtnis, bewohntem Ort und kollektiven Identitätskonstruktionen sowie dem Trauma der Täter, Zeugen und Nachgeborenen. Die neuen Poetiken der analysierten Werke ermöglichen eine Annäherung an die Shoah und ihre anhaltenden Folgen für alle beteiligten Gruppen. Die Katastrophe erscheint dort als absent und zugleich unterschwellig präsent, als eine am Ort und im Raum erlebbare Leere.
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4. Zwischen Bild, Form und Nichts: Kritische Kunst nach der Shoah in Deutschland und Polen

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4.1 Interventionen gegen die Leerstellen der öffentlichen Diskurse: Performance-Kunst von Betlejewski, Bartana und Adam

Im Rahmen des erinnerungskulturellen Diskurses spielt neben der Literatur auch die Kunst eine herausragende Rolle bei der Darstellung und Aushandlung unterschiedlicher Versionen der Vergangenheit. Die künstlerische Herangehensweise an die Shoah kann ganz andere Bedeutungsschichten dieser Thematik aufdecken, als das die Literatur tut. Künstler verfügen nämlich über eine Vielzahl von Arbeitstechniken, die nicht nur eine schlechthin andere Bildung von Metaphern als literarische Texte ermöglichen, sondern – da Kunstwerke keine sprachliche Übersetzung benötigen – auch einen breiteren Kreis von Rezipienten erreichen können. Nichtdestotrotz können sie in verschiedenen Ländern oder Kulturkreisen ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Die Behandlung der Shoah-Problematik schwankt, so Catharina Winzer, zwischen kanonisierten globalen Narrativen und ihren länderspezifischen Versionen (bedingt durch geschichtspolitische Bedürfnisse), weswegen auch die jeweiligen kollektiven Gedächtnisse bzw. Erinnerungskulturen und Erinnerungsdiskurse einen Bezugsrahmen der Interpretation bilden sollten (vgl. Winzer 2006: 458). Nicht selten jedoch spielt gerade die Kunst die Rolle eines Gegenspielers zum öffentlichen Diskurs: Durch ihre relative Unabhängigkeit und immense Ausdrucksfreiheit verstößt sie häufig gegen konventionelle oder politisch akzeptable Sprechweisen und Inhalte, die der offiziellen Geschichtsauslegung entsprechen. Das tradierte Geschichtsbild wird auf diese Weise erschüttert und Effekte dieser Erschütterungen werden laut Magdalena Marszałek zum Gegenstand künstlerischer Explorationen (Marszałek 2010a: 169). Das Potenzial für Sinn-Verschiebungen kann somit als das wichtigste Merkmal einer kritischen Kunst betrachtet werden.

In diesem...

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