Show Less
Restricted access

Die Inszenierung der «Neuen Armut» im sozialpolitischen Repertoire von SPD und Grünen 1983–1987

Series:

Marie Sophie Graf

Das Buch beleuchtet den Diskurs der so genannten Neuen Armut mit Blick auf die Oppositionsparteien SPD und die Grünen in den Jahren 1983 bis 1987. In der Zeit nach dem wirtschaftlichen Boom der 1950er und 1960er Jahre erlebte Armut eine Rückkehr auf die politische Agenda der Bundestagsparteien. Diese Diskussion kreiste ab Mitte der 1970er Jahre um die von Heiner Geißler geprägte Formel der Neuen Sozialen Frage, ab Beginn der 1980er Jahre fand sie dann unter dem Schlagwort der Neuen Armut statt. Die Autorin untersucht das Selbstverständnis der SPD als Volkspartei für die Neuen Armen und das der Grünen als Protestpartei für gesellschaftliche Randgruppen.
Show Summary Details
Restricted access

1. Einleitung

Extract



1.1 Armut – eine (fast) vergessene Herausforderung im bundesdeutschen Sozialstaat

„Not reimt sich nicht mehr auf Brot“, diagnostizierte DER SPIEGEL 1965 die Realität sozialen Elends in der Bundesrepublik Deutschland. Mitte der 1960er Jahre mochten viele „noch immer nach einem Bild von Armut spähen, das sich an der fadenscheinigen Not aus den anklagenden Dramen Gerhart Hauptmans orientiert“. Doch das Leid trug inzwischen andere Züge als die Charaktere aus den Werken des Literaturnobelpreisträgers: „Die Armut in der Bundesrepublik hat ein gepflegtes Gesicht.“1

Trotz des gewohnt ironisch-kritischen Tons lag der Situationsanalyse des Hamburger Magazins eine maßgebliche Annahme zugrunde: Das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von 1961 hatte die bundesdeutschen Welten der Armut tiefgreifend verändert. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Blüte mit Vollbeschäftigung und anhaltenden Lohnsteigerungen hatte die Politik in Kooperation mit Experten ganz unterschiedlicher Provenienz das neben der Einführung der dynamischen Rente „wichtigste sozialpolitische Reformwerk der Ära Adenauer“2 geschaffen. Sechs Jahre intensiven Dialogs zwischen Vertretern der Wohlfahrtsverbände und Politikern der drei Bundestagsfraktionen führten zu einem allein mit den Stimmen von CDU und CSU beschlossenen Gesetz, das in zentralen Elementen an der im Kern bereits seit 1924 bestehenden Ordnung festhielt: am System der Regelsätze, den strengen Bedürftigkeitsprüfungen, der Verpflichtung Angehöriger zur Unterstützung ‚ihrer‘ Bedürftigen und der Pflicht von Fürsorgeempfängern zur Verrichtung ‚gemeinnütziger‘ Arbeit. Für die in ‚Sozialhilfe‘ umbenannte ‚Fürsorge‘ führte man einen Rechtsanspruch ein. Zudem erweiterte man die...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.