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Haftautobiographik im 20. Jahrhundert

Hafterfahrungen in Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Gedichten, Dokumentationen und Erzähltexten

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Sandra Berndt

Die Autorin behandelt Texte von Autorinnen, die Gefängnis- und vereinzelt auch Lagerhaft, zumeist aus politischen Gründen, erfahren haben. Sie untersucht in erster Linie, wie das Gefangensein subjektiv wahrgenommen und erlebt wird. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Schreibweise der Autorinnen, die raum-zeitlich verzerrt ist. Anknüpfend an Hermann Schmitz’ phänomenologische Darlegungen zum Leib, kann die Autorin die bisherigen Körperkonzeptionen um die (geschlechtliche) Leibdimension erweitern. Sie zeigt auf, dass die Bedingung der Gefangenschaft, des gefangenen Subjekts, in diesem selbst liegt. Die Gefangenschaft legt sich im Subjekt als gefühlte Atmosphäre und atmosphärisches Fühlen ab.
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Schluss

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Die verschiedenen theoretischen Zugänge zur Haft, wie sie in der Einleitung dargestellt wurden, haben sich als kontraproduktiv auf die Untersuchung der Haftautobiographik ausgewirkt. Die kritische und letztlich unbefriedigende Auseinandersetzung mit den historisierend-genealogisierenden, kultur- und literaturtheoretischen sowie diskursanalytischen Zugängen zur Haft macht den Rückgang auf die primären Dokumente, durch die die Erfahrungswelt der Haft zugänglich ist, notwendig. Dem korrespondiert ein vortheoretischer Zugang, der am ehesten durch die Neue Phänomenologie eingelöst wird. Diese stößt auf den Körper-Leib als die Elementarität des Gefangenseins.

Ausgehend von dem, was Menschen vortheoretisch am eigenen Leib spüren, betont die Neue Phänomenologie nach Hermann Schmitz – auf die sich die Analyse der Haftautobiographik stützt – die subjektive raum- und zeitabhängige Perspektive. Über die Sinneserfahrungen wird Lebenswelt atmosphärisch, das heißt körper-leiblich fühlbar. Die Wahrnehmung dehnt sich in den Körperräumen aus und wird über die Gefühls- beziehungsweise Leibesinseln spürbar. Dies erfolgt nach Schmitz als Engung/Weitung beziehungsweise Spannung/Schwellung, zumeist besetzt mit negativen (Schmerzen, Angst) oder positiven Gefühlen (Freude, Wollust). Die körper-leibliche Wahrnehmung vollzieht sich in einem dynamischen Wechselverhältnis, beruhend auf dem ‚vitalen Antrieb‘. Dadurch wird eine Leibeserfahrung beschreibbar, in der sich die Gefangenen permanent befinden. Der körper-leibliche Erfahrungshorizont ist nicht auf das Subjekt, den Träger der Gefangenschaft, reduzierbar.

Die vorstehende Untersuchung analysiert Texte von Autorinnen (Erzähltexte, Dokumentation, Tagebuch, Brief, Gedicht), die Gefängnis- und in einzelnen Fällen auch...

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