Show Less
Restricted access

Mutter- und Vaterbilder im Familienrecht des BGB 1900–2010

Series:

Moritz Hinz

Die Normen des Bürgerlichen Gesetzbuchs über die Rechtsstellung von Müttern und Vätern im Bereich des Rechts der elterlichen Sorge beruhen zum Teil auf stereotypen Rollenbildern und tradierten Funktionszuschreibungen. Die langlebigsten Vorstellungen bestimmter Charaktere finden sich im Nichtehelichenrecht. Der Autor zeichnet die Entwicklung der Mutter- und Vaterbilder sowohl im Bereich des ehelichen wie auch des nichtehelichen Kindschaftsrechts in historischen Zeitabschnitten nach. Die Untersuchung beginnt mit den Grundlagen des modernen deutschen Familienrechts in der Aufklärung und folgt der Entwicklung über das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, die nationalsozialistische Periode bis in die heutige Bundesrepublik. Detailliert untersucht werden dabei die jeweils geltenden Normen, Gesetzesmaterialien, die Rechtsprechung sowie ein breites Spektrum zeitgenössischer rechtswissenschaftlicher Literatur. Der Autor nimmt Stellung zu alten und neuen Stereotypen im Familienrecht wie denen des Zahlvaters und des an seinem nichtehelichen Kinde desinteressierten Vaters und zum Bestehen eines Muttermythos.
Show Summary Details
Restricted access

B. Vater und Mutter im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900

Extract

Vom ausgehenden 18. bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich in Deutschland ein tief greifender Wandel der Familientypen und damit einhergehend der Familienstruktur sowie der Elternrollen.117 Diesen Zeitraum kennzeichnet der Übergang von einer vorwiegend bäuerlichen, aber auch von kleinen Handwerksbetrieben geprägten Haus- und Naturalwirtschaft hin zur modernen industrialisierten Produktions- und Wirtschaftsweise.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der in Deutschland vorherrschende Familientypus der des „Hauses“. Die Familie war als Haus-, Lebens- und Wirtschaftseinheit kleinster institutionalisierter Teil der Gesellschaft. Zum „Haus“ gehörten nicht nur das Elternpaar und deren Kinder, sondern auch weitere Verwandte sowie mitarbeitende Familienfremde wie Gesinde oder Lehrlinge. Charakteristisch für diese Art familiärer Organisation war die Einheit von Haus und gewerblichem Betrieb.118 Auf dieses Familienbild war noch das Recht des ALR ausgerichtet gewesen.

Das Oberhaupt dieser Lebens- und Wirtschaftseinheit war der Mann als „Hausvater“, dessen Rollen durchaus verschieden waren: Ehemann, Vater und ordnende Autorität nach innen sowie Produzent, Bürger und Schirmherr seiner Hausmitglieder nach außen. Die Rolle des Mannes als Vater seiner Kinder war also nur eine unter mehreren gleichrangigen Rollen. Das Kollektiv des Hauses ließ die Privatisierung und Reduzierung der originären Vaterrolle auf das Eltern-Kind-Verhältnis noch nicht zu. Das patriarchale Rollenverständnis des Hausvaters war insofern dem des römischen pater familias ähnlich und damit Ausdruck eines erweiterten Familienbegriffs. Dennoch korrespondierten die Rollen miteinander, ← 47 | 48 → und die unbedingte Autorität des Hausvaters gegenüber dem Gesinde fand ihre Entsprechung im...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.