Show Less
Restricted access

Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

Series:

Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
Show Summary Details
Restricted access

2 Ein sonderbarer Kasus: Die tiefenpsychologische Krankengeschichte (1905–1952)

Extract

»Total science, mathematical and natural and human, is […] underdetermined by experience.«163 Angesichts dieser Diagnose, welche der Logiker Willard Van Orman Quine zu Beginn der 1950er Jahre der gesamten Wissenschaft stellt, dürfte es vielleicht nicht allzu verwunderlich sein, wenn die Tiefenpsychologie, deren erste und prominenteste Vertreterin jene von Sigmund Freud begründete Theorie und Forschungs- wie Behandlungsmethode ist, schon recht früh die Aufmerksamkeit der Wissenschaftstheorie auf sich gezogen hat. Tatsächlich findet sich in Freuds erstmals im Jahre 1916/17 veröffentlichten Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse ein Passus, der sich als eine regelrechte Einladung lesen lässt, ›die Psychoanalyse‹ auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin zu überprüfen. So heißt es darin nämlich:

In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt. Der Patient spricht, erzählt von vergangenen Erlebnissen und gegenwärtigen Eindrücken, klagt, bekennt seine Wünsche und Gefühlsregungen. Der Arzt hört zu, sucht die Gedankengänge des Patienten zu dirigieren, mahnt, drängt seine Aufmerksamkeit nach gewissen Richtungen, gibt ihm Aufklärungen und beobachtet die Reaktionen von Verständnis oder von Ablehnung, welche er so beim Kranken hervorruft. […] Das Gespräch, in dem die psychoanalytische Behandlung besteht, verträgt keine Zuhörer; es läßt sich nicht demonstrieren. […] Sie können also eine psychoanalytische Behandlung nicht mitanhören. Sie können nur von ihr hören und werden die Psychoanalyse im strengsten Sinne des Wortes nur vom...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.