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Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

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Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
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4 Der psychoanalytische Ausbruch des Sigmund Freud: Zur Geburt der tiefenpsychologischen Krankengeschichte

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Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung bringe, so wird sich über deren subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner Person darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse ist meine Schöpfung, ich war durch zehn Jahre der einzige, der sich mit ihr beschäftigte, und alles Mißvergnügen, welches die neue Erscheinung bei den Zeitgenossen hervorrief, hat sich als Kritik auf mein Haupt entladen (GW X: 44).

Vorstehende Äußerung aus der anno 1914 erschienen Abhandlung »Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung« mag angesichts der im vorherigen Kapitel aufgeführten, mehr oder weniger bescheidenen Bemerkungen der textinternen Repräsentanten Sigmund Freuds zur eigenen Bedeutung für die Historie der Psychoanalyse verwundern. So tritt hier ein Erzähler in Erscheinung, der ohne Übertreibung als Meister der Selbstdarstellung bezeichnet werden darf. Der Versuch, seine ›Ichbezogenheit‹ (»ich«, »meiner Person«, »meine Schöpfung«, »ich«, »mein Haupt«) hinter dem Bild des Einzelkämpfers zu verbergen, der im Rahmen eines langjährigen Krieges zahlreiche Gefechte gegen den feindlich gesonnenen Rest der Welt überstehen musste, darf als wirkungsmächtiger Winkelzug bezeichnet werden. So ist das textinterne Ich mit dieser Autoinszenierung maßgeblich an der Konstruktion dessen beteiligt, was Sulloway mit Blick auf die historische Person Sigmund Freud als »Mythos des Helden« bezeichnet.278 Angesichts dieses Auftaktes nimmt es jedenfalls nicht wunder, wenn der Erzähler sowohl den Janet’schen als auch den Breuer’schen Beitrag zur Entwicklung der Psychoanalyse im Rahmen der weiteren Ausführungen in auffälligem Ma...

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