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Die tiefenpsychologische Krankengeschichte zwischen Wissenschafts- und Weltanschauungsliteratur (1905–1952)

Eine gattungstheoretische und -historische Untersuchung

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Simone Holz

Der Band stellt erstmals eine Gattungstheorie und -historie der «tiefenpsychologischen Krankengeschichte» bereit. Konkret leistet er viererlei: Erstens liefert er durch die Darreichung eines Gattungsmodells ebenjener Untergattung der Großgattung «Krankengeschichte» einen Beitrag zur Gattungstheorie. Zweitens gewinnt er dadurch einen unkonventionellen Zugang zur Literaturgeschichtsschreibung, dass er eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet, die als solche gewiss nicht zum klassischen Literaturkanon gehören. Drittens versteht er sich insofern als wissenschaftshistorische Untersuchung, als er die Historie der tiefenpsychologischen Krankengeschichte als «literarisch-soziale Institution» in eine Art Dialog mit der Historie der Tiefenpsychologie als «außerliterarisch-soziale Institution» treten lässt. Und viertens schließlich stellt er einen Beitrag zur Wissenschaftsrhetorik dar.
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4.2.4 Ein medizinisch-neurologischer Wissenschaftsheroe mit psychoanalytischem Tiefblick

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Was bereits mit Blick auf die Freud’schen Krankengeschichten der Studien festgestellt werden konnte, darf ebenso, allerdings in gesteigerter Form, für das »Bruchstück einer Hysterie-Analyse« gelten: Der Erzähler zeigt sich nicht nur in aller ← 200 | 201 → Deutlichkeit in seiner Rolle als narrativer Vermittler, sondern er tritt zugleich in einem ungewöhnlichen Maße als eine mit individuellen Zügen ausgestatte Persönlichkeit hervor. So lässt sich eine enorme Divergenz zwischen dem textinternen Ich des im Jahre 1892/93 publizierten Gattungsexemplars »Ein Fall von hypnotischer Heilung« und jenem der Krankengeschichte um Dora bemerken: Während sich das erstere eher auf implizite Weise als bedeutendes, doch reguläres Mitglied der medizinischen Community vorführt, stellt sich das letztere ostentativ als ein von dieser weithin verkennenden Wissenschaftsgemeinde enthobener Reformer und Individualist dar.393 Mit anderen Worten spiegelt sich das in gestalterischer Hinsicht demonstrierte Selbstbewusstsein des textinternen Ich des »Bruchstücks« in seinem mit starken Strichen gezeichneten Selbstporträt wider. Und dieser Erzähler überschreitet jene der Studien nun insofern, als seine zur Schau gestellten epistemischen Fähigkeiten im Grunde kaum noch Limitationen unterliegen.

Das Bild des unerschrockenen wissenschaftlichen Nonkonformisten wird im Rahmen des »Vorworts« errichtet. Direkt von Anbeginn gefällt sich das textinterne Ich in der Rolle des Diskreditierten, der innerhalb der Wissenschaftsgemeinde von jeher einen eher zweifelhaften Ruf genießt:

Es war sicherlich mißlich, daß ich Forschungsergebnisse, und zwar von überraschender und wenig einschmeichelnder Art, veröffentlichen mußte, denen die Nachprüfung von seiten der...

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