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Von Freinet zu Freud: Die institutionelle Pädagogik von Fernand Oury

Übersetzt von Renate Kock und Erdmuthe Mouchet unter Mitwirkung von Claude Mouchet

Claude Mouchet and Raymond Bénévent

Das Buch widmet sich Fernand Oury (1920–1998), einem der bedeutendsten französischen Pädagogen des 20. Jahrhunderts, der jedoch in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Originell und innovativ, führte er das von Célestin Freinet entwickelte pädagogische Konzept weiter und wendete es in den sogenannten Kasernen-Schulen der Pariser Nachkriegszeit an. Parallel dazu orientierte er sich an Freud, um unbewusste Phänomene in Schulklassen aufzuspüren. Die Autoren stellen die einzelnen Lebensetappen Ourys vor und gehen auch auf seine kämpferischen Auseinandersetzungen mit traditionellen Vorstellungen ein. Ihr Buch stellt die Hauptbegriffe der institutionellen Pädagogik vor und veranschaulicht die von Oury «Institutionen» genannten Neuerungen anhand von Beispielen aus seiner Schulpraxis und Äußerungen.
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Kapitel 1. Die Bildungsjahre

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Fernand Oury wird am 18. Januar 1920 in Boulogne-Billancourt in einer Arbeiterfamilie geboren. Im Jahr 1926 zieht die Familie nach La Garenne-Colombes, einem westlichen Vorort von Paris. La Garenne wird zum Terrain – im Sinne von Humus und fruchtbarem Boden – der Kindheit, der Adoleszenz, der Jugend und der ersten professionellen Übungen des jungen Pädagogen.

1. Eine vom Krieg getroffene Familie

Das Licht der Welt erblickt Fernand Oury in einer Familie, in der der Erste Weltkrieg seine Spuren hinterlassen hatte: Sein Vater, Georges, Vorarbeiter in der Fabrik Hispano-Suiza in Bois-Colombes, hatte seine drei Brüder verloren, den letzten am Tag des Waffenstillstandes, am 11. November 1918. Dieses Drama bleibt für das Leben von Fernand und das seiner Brüder Paul und Jean – 1922 bzw. 1924 geboren – nicht folgenlos. Der Vater erholt sich nicht mehr von dem gewaltsamen Geschehen: Vor dem Krieg war er Vorarbeiter und wurde an dessen Ende wieder einfacher Arbeiter. Sein Berufsleben zeugt somit von der starken seelischen Erschütterung, die auch Auswirkungen auf die Familie haben sollte: Von den Eltern hatte die Mutter eine spürbar stärkere Präsenz als der Vater. Die Kinder setzten andere Männer in die Rollen als Väter oder große Brüder ein. Rückblickend können allerdings paradoxerweise die positiven Auswirkungen des traumatischen Erbes unterstrichen werden: Diese Nebenfiguren katapultierten die Brüder in eine offenere Welt, die durchaus eine Verbindung zu ihrem späteren Schicksal hatte. Seinen Brüdern gegenüber übernahm...

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