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«Weiße Bruderschaft» und «Delphische Idee»

Esoterische Religiosität in Bulgarien und Griechenland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

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Thomas Heinzel

Diese religionswissenschaftliche Studie untersucht in vergleichender Perspektive zwei Manifestationen der sogenannten Esoterik in Südosteuropa: die religiöse Bewegung Weiße Bruderschaft des Bulgaren Petăr Dănov (1864-1944) und das utopische Erlösungsprojekt Delphische Idee des Griechen Angelos Sikelianos (1884-1951). Der Verfasser analysiert zum einen, auf welche Weise die beiden Protagonisten soziale Anerkennung für ihre religiösen Wahrheitsansprüche zu gewinnen und eine Anhängerschaft zu mobilisieren versuchen. Zum anderen beleuchtet er das gegenseitige Verhältnis von esoterischer Religiosität und offizieller Kirche im regionalen und historischen Kontext des orthodoxen Südosteuropa. Eine weitere Betrachtung gilt den rituellen und inszenatorischen Aspekten von Weißer Bruderschaft und Delphischer Idee.
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2. Angelos Sikelianos und die Delphische Idee

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2.1 Biographisch-historischer Überblick

Der griechische Literaturnobelpreisträger Nikos Kazantzakis (1883–1957), international vor allem durch seinen später auch erfolgreich verfilmten Roman Alexis Sorbas (1946) bekannt, hat Angelos Sikelianos ein kleines literarisches Denkmal gesetzt, wenngleich er ihn nicht namentlich erwähnt: In seinem autobiographischen Werk Rechenschaft vor El Greco (1961 posthum erschienen) schreibt Kazantzakis über seine Freundschaft zum Dichter aus Lefkada, den er 1914 kennenlernt, und von dem er folgendes Bild entwirft:

Er war sehr schön und sich dessen bewußt; er war ein großer lyrischer Dichter und sich dessen ebenfalls bewusst; er hatte einen großen, wunderbaren Gesang geschrieben – dichterische Atmosphäre, Verse, Sprache, zauberhafte Harmonie […]. Dieser Dichter entstammte dem Geschlecht der Adler: Mit dem ersten Flügelschlag gelangte er zum Gipfel. Später, als er auch Prosa zu schreiben versuchte, erkannte ich, das er wirklich ein Adler war; wenn er sich nicht in die Höhe schwang, sondern den Versuch machte, auf der Erde zu laufen, torkelte er wie ein Adler, schwerfällig und ungeschickt […]. Er hatte Flügel, doch keinen klaren Verstand; er sah weit, doch verschwommen. Er dachte in Bildern, und die dichterischen Vergleiche galten für ihn als unerschütterliche logische Argumente. […] Doch er besaß großen Adel, seltene Anmut und Edelmut […].515

Beide seien gleich Freunde geworden, da sie sofort gespürt hätten, wie nötig sie jeweils den anderen hätten – beide seien so unterschiedlich gewesen seien, dass sie zusammen den „vollkommenen Menschen“ dargestellt...

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