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«Weiße Bruderschaft» und «Delphische Idee»

Esoterische Religiosität in Bulgarien und Griechenland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

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Thomas Heinzel

Diese religionswissenschaftliche Studie untersucht in vergleichender Perspektive zwei Manifestationen der sogenannten Esoterik in Südosteuropa: die religiöse Bewegung Weiße Bruderschaft des Bulgaren Petăr Dănov (1864-1944) und das utopische Erlösungsprojekt Delphische Idee des Griechen Angelos Sikelianos (1884-1951). Der Verfasser analysiert zum einen, auf welche Weise die beiden Protagonisten soziale Anerkennung für ihre religiösen Wahrheitsansprüche zu gewinnen und eine Anhängerschaft zu mobilisieren versuchen. Zum anderen beleuchtet er das gegenseitige Verhältnis von esoterischer Religiosität und offizieller Kirche im regionalen und historischen Kontext des orthodoxen Südosteuropa. Eine weitere Betrachtung gilt den rituellen und inszenatorischen Aspekten von Weißer Bruderschaft und Delphischer Idee.
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Abschließende Bemerkungen

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Die Protagonisten der Weißen Bruderschaft und der Delphischen Idee sind Rezipienten alternativ-religiöser, alternativ-wissenschaftlicher, lebensreformerischer, und antirationalistischer Strömungen, wie sie sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit gesellschaftlicher Modernisierung und als Reaktion darauf, vor allem in Westeuropa und Nordamerika formiert haben (natürlich unter Neuformulierung und Modifizierung älterer Einflüsse) – Dănov zu großen Teilen durch seine siebenjährige Studienzeit in den Vereinigten Staaten, Sikelianos unter anderem durch seine amerikanische Ehefrau Eva Palmer mit ihren Kontakten zu französischen Avantgardemilieus. Die Orientierung an west- und mitteleuropäischen Vorbildern ist so groß, dass selbst die Kritik an den geistigen Paradigmen des Westens, die Sikelianos vorträgt, sich auf westliche Autoren wie Nietzsche, Bergson, Schuré oder Saint-Yves d’Alveydre stützt, und der Dichter die Kooperation westlicher Intellektueller für sein Vorhaben anstrebt.

Zu den übernommenen Elementen gehören okkultistische Evolutionsvorstellungen und darauf gründende Geschichtsbilder, die im Denken von Dănov und Sikelianos eine regionale Färbung erhalten – der Theologe kennzeichnet Bulgarien als Ort, von dem aus sich zunächst das Slawentum und dann die gesamte Menschheit vereint und die „Sechste Rasse“ gebiert, Sikelianos schreibt Griechenland eine Berufung zur Wiederherstellung der univeralen Synarchie zu. Man tut beiden sicherlich nicht Unrecht, wenn man darin eine Kompensation von Statusdefiziten erkennt: Den in der internationalen Politik machtlosen, ökonomisch schwachen Ländern mit Hauptstädten, deren geistig-kulturelles Leben demjenigen von Metropolen wie Berlin, Paris, London oder Wien nachgeordnet ist, wird auf diese Weise eine...

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