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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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A: Das Habsburgerreich und die nationalstaatlichen Entwicklungen in Europa 1866 bis 1870

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A. Das Habsburgerreich und die nationalstaatlichen Entwicklungen in Europa 1866 bis 1870

1. Regeneration statt Revanche: Konsolidierung nach außen und innere Umgestaltung

Die Niederlage von Königgrätz bedeutete auch das Ende des Habsburgerreichs alter Prägung. Die Stimmung in Österreich nach dem Desaster schwankte zwischen Apathie und Zorn.36 Vor allem die Eliten der acht Millionen Deutschen der Monarchie vermochten sich mit dem Ausgang des „Bruderkriegs“ nur schwer abzufinden. Heinrich von Gagern, ein Kenner der politischen Verhältnisse an der Donau, bezeichnete den Ausgang der Schlacht als „eine fürchterliche Katastrophe von unübersehbaren Folgen. – Ganz Oesterreich hüllt sich in Trauer;“37 In einer Privataudienz beklagte ein deprimierter Franz Joseph gegenüber dem preußischen Gesandten in Wien, Karl Freiherr von Werther, die so „schweren Zeiten“, in denen sich die Geschichte gegen ihn entschieden habe und er nun die Folgen tragen müsse.38 Aber die Niederlage war keine totale, sie hatte Österreich nicht zertrümmert. Die Donaumonarchie blieb auch nach Königgrätz eine europäische Großmacht und wurde in den Staatskanzleien weiterhin als solche betrachtet. Sie galt naturgemäß zwar als schwer angeschlagen und vor der Bewältigung existenzieller Probleme stehend, aber nichtsdestotrotz als ein Staat, der noch immer vom Konzert der Mächte gebraucht wurde.

Seit dem Sommer 1866 waren die Gewichte in Mitteleuropa eindeutig neu verteilt. Die Geschichte, so mochte man sich in der Hofburg trösten, hatte aber schon zur Genüge bewiesen, dass gerade...

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