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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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B: Österreich-Ungarns Sicherheitspolitik nach der Ordnung von 1871

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5. Anpassung an die neuen Realitäten

Der Ballhausplatz hatte das Faktische zu akzeptieren. Der Umstand, dass Opportunismus für gewöhnlich vom außenpolitischen Pragmatismus einer Staatsführung kaum zu trennen ist, veranlasste Beust dazu, Schritt für Schritt auf eine Preußen freundliche Politik einzuschwenken; eine Umorientierung, die etwa sein bislang engster Mitarbeiter, Sektionschef Hofmann, nicht nachvollziehen konnte. Während der Reichskanzler die Beziehungen zu Italien nicht zuletzt in Hinblick auf eine gemeinsame Linie mit London auf überwiegend sehr gutem Niveau hielt, rückte er von Frankreich immer mehr ab. Zunehmend machte Beust es sich dagegen zum Ziel seiner Politik, mit dem Sieger zu gehen und Preußen-Deutschland mittels freundlicher Umgarnung von dem für Österreich-Ungarn gefährlichen Nachbarn Russland zu trennen.555

Wie sehr vom Zarenreich Unheil drohte, darüber war man sich in Wien nicht einig. Kriegsminister Kuhn ging – nach der vollständigen Niederlage Frankreichs – von einer preußischen Rückendeckung für eine russische Initiative in Richtung Schwarzes Meer aus. Beust teilte zwar nicht die Befürchtung eines zweiten Krimkrieges, sorgte sich aber um die weitere Zukunft Rumäniens. Schließlich gab es aus Jassy und Odessa Berichte über militärische Vorkehrungen der zaristischen Armee. Sollte Russland in Rumänien einmarschieren, um auf Wunsch Berlins für den bedrohten Fürsten in Bukarest Ordnung zu schaffen, stand die Doppelmonarchie vor der Wahl, entweder ebenfalls Truppen in die Donaufürstentümer zu entsenden oder die Aktion Petersburgs als Kriegsfall zu bewerten.556...

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