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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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8. Mächtepoker 1878: Vom regionalen zum europäischen Krieg?

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Die erweiterten russischen Kriegsziele erschütterten die konservative Kooperation nachhaltig. Der Brief des Zaren vom 9. Dezember erweckte am Ballhausplatz den Eindruck, dass Petersburg die gemeinsame Linie verlassen hatte. Da mochten Langenau und Bechtolsheim zu beschwichtigen versuchen, wie sie wollten. Die Donaumonarchie, so war die Staatsführung in Wien überzeugt, durfte es nicht gestatten, dass das Zarenreich praktisch im Alleingang die orientalische Frage neu regelte. Petersburg musste demnach auf die gemeinsamen Vereinbarungen aufmerksam gemacht werden. Franz Joseph antwortete dem Zaren freilich zu einem Zeitpunkt, als die russischen Truppen in Bulgarien immer weiter nach Süden vordrangen: Am Neujahrstag hatten sie den Balkan überschritten, drei Tage danach waren sie in Sofia einmarschiert. In seinem Brief vom 8. Januar 1878 akzeptierte das Staatsoberhaupt in Wien die Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens. Die Petersburger Vorstellungen hinsichtlich modifizierter Durchfahrtsbestimmungen für die Meerengen erschienen dem Monarchen und seinem Außenminister, dem Spiritus rector dieses Schreibens, ebenfalls akzeptabel. Gleichzeitig wandte sich der Kaiser aber sowohl gegen die Schaffung eines Großbulgariens bis zur Ägäis als auch gegen dessen zweijährige russische Besetzung. Solange Bulgarien als ein großer südslawischer Staat eingeschätzt wurde, war selbst eine ethnografisch durchaus gerechte Grenzziehung irrelevant. Auch vermochte es der Habsburger nicht anzunehmen, dass Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina lediglich vorübergehend okkupieren sollte. Wien beabsichtigte, es keinesfalls zuzulassen, dass es nicht das ansehnliche Stück vom Kuchen bekommen sollte, das besonders Franz Joseph und die Militärs erwarteten. Eine territoriale Vergrößerung Serbiens...

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