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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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C: Die Doppelmonarchie und die Folgen des Berliner Kongresses

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9. Die Weichenstellung

Die Besetzung Bosniens und der Herzegowina stellte an die Führung der Donaumonarchie unerwartet hohe Anforderungen. Sie führte gleich zu einer veritablen Krise und stellte die Aufrechterhaltung des habsburgischen Großmachtanspruchs ernsthaft in Frage. Die Okkupation der beiden osmanischen Provinzen entwickelte sich im Sommer 1878 aufgrund des Aufstandes von mindestens 90 000 Muslimen, Serben und übergelaufenen Soldaten der türkischen Armee zu einer regelrechten kriegerischen Operation.

Ursprünglich soll Andrássy scherzhaft gemeint haben, der Einzug in Bosnien und der Herzegowina werde einem „Parademarsch“ gleichen, den er gleich selber mit einer Kompagnie Husaren und einer Musikkapelle anzuführen sich zutraue.921 Gleichgültig, ob dieser Ausspruch tatsächlich auf Wahrheit beruht, wollte er jedenfalls die Kosten der Okkupation so gering wie möglich halten, um damit genügend Finanzmittel für die Administration der beiden Provinzen zur Verfügung zu haben. Zusätzliche Aufwendungen würden das Plazet der Delegationen erfordern, die er aber in dieser Frage unbedingt umgehen wollte. Auch ging es ihm darum, das Gepräge einer rein militärischen und machtpolitischen Operation möglichst zu vermeiden. Aus Rücksicht auf die Beziehungen zu Konstantinopel war der Leiter am Ballhausplatz um ein, gerade gegenüber der Türkei, reibungslos ablaufendes Prozedere besorgt.922 Im Ministerrat vom 19. Juli setzte sich der Außenminister dann auch mit seinem Vorschlag durch, aus rechtlichen Gründen und wegen des Abzugs der osmanischen Truppen aus den Provinzen mit der Besetzung des Sandžaks vorerst...

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