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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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D: Der Zerfall monarchischer Solidarität

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13. Kriegsphobie 1887

Der Wunsch des Ballhausplatzes war nicht in Erfüllung gegangen: Die bulgarische Krise hatte sich nicht lokalisieren lassen. Russland fühlte sich nach dem Berliner Kongress erneut von der Habsburgermonarchie betrogen. Wie bereits gegen Ende der 70er Jahre vermochte auch diesmal das Dreikaiserbündnis ein neuerliches Aufbrechen der Rivalität der beiden Reiche in Südosteuropa nicht zu verhindern. Da Wien eine bedingungslose Einflussnahme Petersburgs in Bulgarien nicht so einfach gestattete, hatte für den Zaren das Prinzip monarchischer Solidarität radikal an Wert verloren. Die antihabsburgische Stimmung nahm in Russland stetig zu. Geschürt von den Panslawisten, machte sie auch vor dem Herrscherhaus keineswegs Halt. Alexander III. hielt die österreichisch-ungarische Bulgarienpolitik für „falsch, dumm und frech“, und Großfürst Vladimir gab sich zuversichtlich, die Donaumonarchie militärisch „mit Leichtigkeit“ zu besiegen.1269

Die durch die „Schnäbele-Affäre“ hervorgerufene schwere Krise zwischen Deutschland und der Dritten Republik sowie die antideutsche Hetze Boulangers veranlassten wiederum Bismarck, Frankreich sogar mit Krieg zu drohen. Beunruhigt stellte Franz Joseph dem Prinzen Reuß die simpel klingende Frage: „Sagen Sie mir, wollen Sie wirklich den Krieg mit Frankreich?“1270 Nach der Beobachtung der deutschen Diplomatie glaubte Kálnoky bereits an einen Krieg zwischen dem Reich und Frankreich. Der Außenminister vertrete die Meinung, dass die Konfrontation zwar nicht von Bismarck selbst, wohl aber von militärischer Seite gewünscht werde. Der deutsche Generalstab halte den Krieg auf die Dauer für unvermeidlich und beabsichtigte daher,...

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