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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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E: Außenpolitischer Ausgleich und innere Erosionserscheinungen

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17. Annäherung an Petersburg und österreichische Unregierbarkeit

Es brauchte geraume Zeit, bis sich das Misstrauen Gołuchowskis gegenüber einer Neuorientierung der Petersburger Orientpolitik wenigstens einigermaßen legte. Es ließ sich jedoch auf Dauer einfach nicht leugnen, dass man an der Sängerbrücke – auch durch französischen Einfluss – mittlerweile dem Fortbestand des Osmanischen Reichs das Wort redete und dafür die Zusammenarbeit mit Österreich-Ungarn suchte. Großbritannien und Frankreich wollten sich für eine solche Politik offensichtlich nicht eng genug binden.

Die Ernennung Michail Nikolaevič Muravevs zum vorerst bloß provisorischen Außenminister eröffnete für die Russland-Politik des Ballhausplatzes neue Chancen. Allein Gołuchowski tat sich anfänglich selbst bei jenem russischen Karrierediplomaten schwer, der von Beginn seiner Amtszeit an sich um eine Verbesserung des Verhältnisses zu Wien bemühte. Schließlich zeigte sich auch Muravev bei all seinen Beteuerungen, die Ruhe in Südosteuropa zu bevorzugen, unwillig, an einem großen Reformprojekt der Mächte für das Osmanische Reich mitzuwirken. Gołuchowski wertete dies als schlechtes Zeichen. Aber Muravev war nichtsdestotrotz offensichtlich zu einer Verständigung mit der Donaumonarchie bereit. Dies bekundete er auch bei seinem Berlinbesuch Ende Januar 1897 gegenüber Szögyény.1673 Unter den k.u.k. Diplomaten versuchte besonders Calice seinem Außenminister klarzumachen, dass unter den gegebenen Umständen im Orient für Österreich-Ungarn lediglich mehr eine Möglichkeit blieb, seine Interessen zu wahren: die Verständigung mit Petersburg.1674

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