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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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F: Prestige- und Verzweiflungspolitik

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19. Der Kurs des neuen Selbstvertrauens

Gołuchowski ging und mit ihm ein Geschäftsstil, der weitgehend als diskreditiert galt. War er den einen zu passiv, befanden ihn andere, besonders, was den Balkan betraf, als anachronistisch imperialistisch. Der Führer der tschechischen National-Sozialen, Václav Klofáč, zog in den bald nach dem Sturz des Polen zusammentretenden Delegationen eine vernichtende Bilanz der Amtszeit Gołuchowskis, „dessen unselige Politik die Ehre des ganzen Reiches in den Kot gezerrt und ihm eine Demütigung bereitet hat, wie sie in einem Staate auch nach einem blutigen Kriege nicht zu teil geworden ist.“ Durch diese Politik seien auch die wirtschaftlichen Interessen der Monarchie „geradezu furchtbar geschädigt worden […].“ Gołuchowski galt dem tschechischen Abgeordneten „als verantwortlicher Faktor für das ganze System, das er mit seinem Namen deckte“, das Österreich-Ungarn von einer Niederlage zur anderen geführt habe. Für Klofáč handelte es sich dabei um nichts anderes als um eine „frivole Hazardpolitik, bei der Österreich um Ehre und Geld gekommen ist […].“1852

Aber Gołuchowski konnte sich darauf berufen, bloß die Politik des Monarchen gemacht zu haben. Doch eben diese Politik hatte speziell in den letzten Jahren für viel Unruhe und Frustration gesorgt – in den inneren wie in den auswärtigen Angelegenheiten. Österreich-Ungarn war längst genau das, was sein konstitutionelles Oberhaupt so gerne vermieden wissen wollte: politisch instabil.1853 Die Probleme galten sowohl wegen ihrer Vielzahl als auch wegen der Unversöhnlichkeit der Standpunkte, der Aggression der...

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