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Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
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21. Rückkehr zur Reserve

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Pourtalès gab die deutsche Note schließlich am 22. März an der Sängerbrücke ab. Izvol’skij unterrichtete daraufhin Nikolaus und den Ministerrat, aber angesichts der Unfähigkeit des Zarenreichs, machtpolitisch dagegenzuhalten, blieb Petersburg bloß die Einwilligung.2181 Die deutsche Demarche hatte den erhofften Erfolg gezeitigt. Der Entschluss nach dreistündiger Kabinettssitzung, den Vorschlag aus Berlin anzunehmen, war nach Ansicht des britischen Botschafters in Petersburg „eine harte Pille herunterzuschlucken“, da man sich im Grunde nichts anderem als einem Ultimatum füge.2182 Nicolson war erstaunt, dass die russische Regierung so rasch und vollständig kapituliert hatte. Aber Izvol’skij bezeichnete ihm gegenüber das Ultimatum als echte Gefahr und die militärischen Vorkehrungen in Galizien sowie den hohen Bereitschaftsstand des deutschen Heeres für eine sofortige Aktion als bedrohlich.2183

Als Trotzreaktion auf die deutsche diplomatische Offensive sperrte sich nun Großbritannien dagegen, die Annexion so einfach ohne Konferenz anzuerkennen. Auch Frankreich wollte in weiterer Folge die Streichung des Artikels 25 nicht akzeptieren, bevor nicht Österreich-Ungarn mit Serbien übereingekommen sei. ← 698 | 699 → Zunächst einmal sollte nach Londoner Vorstellung die serbische Diplomatie Wien eine Note überreichen. Neben Paris begrüßten auch Petersburg, Rom und schließlich Berlin den britischen Vorschlag, wonach die Donaumonarchie sich bereit zeigen sollte, ein Versprechen Serbiens über Abrüstung und gute Nachbarschaft anzunehmen. Aehrenthal lehnte aber am 23. März den Vorschlag des Foreign Office einer Note Serbiens an Österreich-Ungarn ab.

Dem französischen Gesandten machte Aehrenthal wiederum Vorhalte über einen bedauerlichen Schwenk der...

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