Show Less
Restricted access

Die fragile Großmacht

Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866–1914- Teil 1 und 2

Walter Rauscher

Der Großmachtstatus der Donaumonarchie stand nach der Niederlage bei Königgrätz mehr denn je in Frage. Das Habsburgerreich musste sich außenpolitisch neu orientieren. Das Bestreben, die Nachbarn in Südosteuropa in die eigene Einflusssphäre zu ziehen, führte zur Rivalität mit Russland. Der Ballhausplatz versuchte, mit Bündnissen und freundschaftlicher Kooperation diesen Antagonismus einzudämmen und für den Ernstfall über Alliierte zu verfügen. Die kaiserlich und königliche Außenpolitik sah sich tatsächlich auch in den Jahrzehnten nach 1866 wiederholt mit ernsten Krisen konfrontiert. Etwa seit der Jahrhundertwende verschlechterte sich die Situation für Österreich-Ungarn kontinuierlich. Die Doppelmonarchie fürchtete sowohl um ihre internationale Position als auch um ihre weitere Existenz als Vielvölkerstaat.
Show Summary Details
Restricted access

23. Die Monarchie und die Verschlechterung ihrer südosteuropäischen Position

Extract

Da die südslawischen Truppen jedoch keinerlei Anstalten machten, die Beschießung der Stadt einzustellen, drohte der Ballhausplatz eine Woche später mit einer militärischen Intervention der Donaumonarchie – nötigenfalls auch alleine.2504 Conrad drängte am 31. März ohnehin auf eine Seeblockade gegen die serbischen Truppentransporte. Sollten Serbien und Montenegro dann Gegenmaßnahmen ergreifen, blieb nach Ansicht des Generalstabschefs der Habsburgermonarchie nur mehr die Mobilmachung übrig. Berchtold antwortete prompt und lehnte diese Maßnahmen ab. Er fürchtete, dass sich Österreich-Ungarn mit einer solchen Aktion vollständig isolieren würde.2505 Noch am 1. April konnte sich die Londoner Botschafterkonferenz zu einer Flottendemonstration durchringen, wobei nicht etwa der deutsche Botschafter seinem k.u.k. Amtskollegen Mensdorff unterstützte, sondern vor allem Grey für deren Durchsetzung eintrat.2506

Die deutsche Zurückhaltung bereitete am Ballhausplatz Kopfzerbrechen. Man wurde das Gefühl nicht los, dass Berlin kein rechtes Verständnis für den Ernst der Lage besaß. Die Einnahme Adrianopels hätte dem Panslawismus wieder neuen Auftrieb verschafft. Auf europäischem Terrain wirke sie aufmunternd auf den gesteigerten französischen Chauvinismus, der zum Krieg gegen Deutschland noch vor Durchführung des neuen deutschen Wehrgesetzes dränge, am Balkan aber auf serbische Aspirationen bezüglich Albaniens sowie auf den Widerstand Montenegros. „Momentan wollen wir die Flottendemonstration möglichst bald in eine effektive Blokade der montenegrinischen und albanischen Küste umgewandelt sehen“, ließ Berchtold die Wilhelmstraße wissen. „Wenn dies von den anderen Mächten nicht zu erreichen ist, so würde uns...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.