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Sozio-Kultur und Entwicklungspraxis

Die äthiopische staatliche Hochschulreform

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Werner Jakob Stueber

Kulturen bzw. Gesellschaften in ihrer spezifischen Prägung haben systemischen Charakter und bedürfen einer ganzheitlichen Betrachtung. Im Zuge entwicklungspolitischer Maßnahmen erfolgen Wissens- und Technologietransfer untrennbar vom Kulturtransfer. Eine Nahtstelle dieses Geschehens ist der Bildungsbereich. Aus einem anders gearteten kulturellen Kontext in einen bestimmten traditionellen Gesellschaftstypus hineinwirkende Maßnahmen zwischenstaatlicher Entwicklungshilfe stellen eine Intervention in ein fremdes sozio-kulturelles Milieu dar. Die skizzierten Zusammenhänge werden am Beispiel des Projektalltages an der deutsch-äthiopischen Modellhochschule, der Adama University, aufgezeigt.
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2. Exkurs: Pädagogisches Erbe, Modernisierungsdoktrin und Bildungshilfe

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Äthiopien zählt nicht zu den Ländern, denen eine koloniale Vergangenheit eigen ist, sieht man von der rund siebenjährigen italienischen Besatzungszeit ab. Die Zeitspanne von 1935/36 bis 1941 war zu kurz, um koloniale Strukturen auszuprägen, wie sie zum Beispiel für die Kolonien Frankreichs und Englands auf jeweils unterschiedliche Weise bezeichnend waren. Benito Mussolinis faschistische Vorstellung von einem Africa Orientale Italiana manifestierte sich in Äthiopien als brutale Kriegs- und militärische Besatzungszeit von vorübergehender Dauer, der die britischen Commonwealth-Truppen schließlich ein Ende setzten. Der äthiopische Historiker Bahru Zewdu bezeichnet sein Land als „largely unaffected by the modernizing effects of colonial rule […] in many ways the most traditional of African societies […]“ (Zewde 2008, S. 254). Während in den französischen Kolonien ein Ansatz verfolgt wurde, der auf die „Assimilierung“ der kolonisierten Bevölkerung ausgerichtet war, orientierte sich die britische Kolonialverwaltung in ihrer Bildungspolitik „auf die Verwirklichung zweier Prinzipien: der ‚adaptation‘ und der ‚trusteeship‘. Gemeint war, dass der jeweilige kulturelle Lebenshorizont des Kolonisierten weitgehend ‚pädagogisch‘ zu berücksichtigen war […] ohne ihn zum kolonialen Engländer zu machen; der ‚trustee‘ war der getreue, willfährige, ‚selbstständige‘ Vollzugsgehilfe des Kolonialherren […] dessen Verhaltensweisen [er] imitativ übernahm, [aber] keineswegs […] ‚assimiliert‘ wurde“ (Laaser 1980, S. 3–4]. Bildung stellte nicht ab auf die jeweiligen politischen und ökonomischen Entwicklungsbedürfnisse sondern diente primär als Katalysator für die Inbesitznahme privilegierter Stellen in der vorwiegend urbanen Kolonialbürokratie und nachkolonialen Bürokratie der neuen unabhängigen Staaten. U. Laaser f...

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