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Goethes «Torquato Tasso» und die historische Dichtergestalt

Reinhard Travnicek

Der historische Tasso ist mehr als stoffgeschichtliche Quelle für Goethes Drama. Mit kenntnisreicher EinfMit kenntnisreicher Einfühlung in das Krisenhafte einer historischen Spätzeit hat Goethe den italienischen Renaissancedichter zum Sinnbild für die gesellschaftliche, existentielle und künstlerische Problematik des modernen Dichters gemacht. Anhand der Dichtungskonzeption lassen sich epistemologische Konvergenzen, aber auch Divergenzen zwischen Renaissance und Goethezeit untersuchen. Die Renaissance kennt noch keinen autonomen Subjektsbegriff und auch keine vom höfischen Repräsentationsanspruch freie Kunst. Goethes Tasso erhebt gerade diese Forderungen zur Maxime und ebnet dadurch den Weg zu Romantik und Moderne.
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1. Die Wiederkunft Arkadiens

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1.1Bukolische Tradition und modernistischer Liebesbegriff

In Schillers Schrift Über naive und sentimentalische Dichtung findet sich eine Charakterisierung des sentimentalischen Charaktertyps, die explizit auf Goethes Tasso Bezug nimmt und diesen in der Nachfolge Werthers verortet:8

Ein Charakter, der mit glühender Empfindung ein Ideal umfaßt, und die Wirklichkeit fliehet, um nach einem wesenlosen Unendlichen zu ringen, der was er in sich selbst unaufhörlich zerstört, unaufhörlich außer sich suchet, dem nur seine Träume das Reelle, seine Erfahrungen ewig nur Schranken sind, der endlich in seinem eigenen Dasein nur eine Schranke sieht, und auch diese, wie billig ist, noch einreißt, um zu der wahren Realität durchzudringen – dieses gefährliche Extrem des sentimentalischen Charakters ist der Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner als in irgend einem andern wirkt, und der sich unter modernen Dichtern vielleicht am wenigsten von der sinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt.9

Die Charakterisierung mag zwar in einigen Punkten der Perspektive Schillers entsprechen – so enthüllt der gedankliche Widerspruch zwischen dem Ringen „nach einem wesenlosen Unendlichen“ und dem Festhalten der „sinnlichen Wahrheit der Dinge“ eher die weltanschauliche Differenz in der Sichtweise Schillers im Verhältnis zu Goethe –, sie zeigt aber Eigenschaften auf, die die Gestalt offensichtlich auszeichnen: glühende Empfindung, Suche nach dem Ideal, Leben aus der inneren Erfahrung, zugleich Wahrnehmung der Begrenztheit und Uneinlösbarkeit des Anspruchs, bis ← 13 | 14 → an die Grenze des völligen Scheiterns, ja der...

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