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Goethes «Torquato Tasso» und die historische Dichtergestalt

Reinhard Travnicek

Der historische Tasso ist mehr als stoffgeschichtliche Quelle für Goethes Drama. Mit kenntnisreicher EinfMit kenntnisreicher Einfühlung in das Krisenhafte einer historischen Spätzeit hat Goethe den italienischen Renaissancedichter zum Sinnbild für die gesellschaftliche, existentielle und künstlerische Problematik des modernen Dichters gemacht. Anhand der Dichtungskonzeption lassen sich epistemologische Konvergenzen, aber auch Divergenzen zwischen Renaissance und Goethezeit untersuchen. Die Renaissance kennt noch keinen autonomen Subjektsbegriff und auch keine vom höfischen Repräsentationsanspruch freie Kunst. Goethes Tasso erhebt gerade diese Forderungen zur Maxime und ebnet dadurch den Weg zu Romantik und Moderne.
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2. Dichtung als Totalerfahrung der Welt

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2.1Der Mythos vom Heldendichtertum und die Großform des Epos

Dichtung aus dem Geist Arkadiens vermag dem Anspruch Tassos nicht zu genügen, weil sie das Weltganze nicht adäquat darzustellen vermag. Zwar scheint im arkadischen Raum eine Verbindung von Dichtung und Liebe möglich; Tassos Vorstellung zielt aber auf die Totalität des Lebens und schließt den Raum des Handelns mit ein. Wort und Tat, Welt und Repräsentation sind für ihn nicht klar geschieden, sondern gehören einem einheitlichen, ideal gedachten Seinsbereich zu. Deshalb sind ihm Dichter und Held wesensverwandt und der Hof ersehnter Begegnungsort beider Existenzformen. Symbolisches Bindeglied beider Bereiche ist der Lorbeer, mit dem ihn die Prinzessin auf Geheiß des Herzogs bekränzt (es ist noch einmal auf die zentrale Passage zurückzukommen):

(Tasso:) O säh’ ich die Heroen, die PoetenDer alten Zeit um diesen Quell versammelt!O säh’ ich hier sie immer unzertrennlichWie sie im Leben fest verbunden waren!So bindet der Magnet durch seine KraftDas Eisen mit dem Eisen fest zusammen,Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.Homer vergaß sich selbst, sein ganzes LebenWar der Betrachtung zweier Männer heilig, […]O daß ich gegenwärtig wäre, sieDie größten Seelen nun vereint zu sehen! (V. 545–557)

Der Modus des Irrealis verleiht diesen Worten, die Tasso kurz nach der Bekränzung spricht, ähnlich wie in der Arkadien-Episode, die Qualität des Visionären. Auch an dieser Stelle verschwimmen die Konturen des...

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